Twisted Tales: Geheimnisvolle Liebe

  • Carlsen
  • Erschienen: August 2022

Hardcover, 416 Seiten

Band 10 von 12 aus der Twisted Tales-Reihe

ISBN: 9783551280503

Twisted Tales: Geheimnisvolle Liebe
Twisted Tales: Geheimnisvolle Liebe
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Yannic Niehr
8

Jugendbuch-Couch Rezension vonSep 2022

Ein Traum ist ein Wunsch des Herzens …

… doch manchmal werden Träume wohl doch nicht wahr: Gerade noch wähnte sich Cinderella im siebten Himmel, war sie endlich einmal ihrem Dasein als Dienstmagd für ihre grausame Stiefmutter, Gräfin Tremaine, entkommen und durfte dank der Hilfe einer guten Fee sogar auf dem königlichen Ball mit Prinz Karl tanzen! Der Zauber jedoch hielt nur bis Mitternacht, sodass sie überstürzt davonrennen musste – und dabei einen gläsernen Schuh verlor. Der Prinz lässt im ganzen Königreich nach dem geheimnisvollen Mädchen suchen, dem dieser wie angegossen passt. Aber Cinderellas Stiefmutter gönnt ihr dieses Glück natürlich nicht und verhindert, dass sie als die Entflohene ausfindig gemacht wird. Anschließend versucht sie sogar, Cinderella zu verkaufen. Sie kann zwar fliehen, muss sich aber von nun an auf der Straße durchschlagen. Aufgelesen wird sie von Louisa, einer jungen Frau und bald engen Freundin, deren Tante im Palast arbeitet. So verdingt sich Cinderella nun aus blankem Zufall am „Ort des Geschehens“ als Schneiderin und wird unversehens zur persönlichen Kammerzofe der Herzogin Geneviéve von Orlanne, der Schwester des Königs, die den Hof vor langer Zeit aufgrund eines Zerwürfnisses verließ und nun zurückgekehrt ist.

Cinderella versucht, das Beste aus ihrer Lage zu machen, sich Karl aus dem Kopf zu schlagen und ein neues Leben aufzubauen. Aber das Schicksal wandelt auf unvorhersehbaren Pfaden, und schon bald steht ein weiterer Ball ins Haus, bei welchem sie dem Prinzen erneut begegnen soll. Zur gleichen Zeit jedoch wird sie in etwas noch viel Größeres hereingezogen – denn Großherzog Ferdinand, der königliche Berater, schmiedet ein Komplott, welches nicht nur Cinderellas Schicksal, sondern auch das ihrer guten Fee, der königlichen Familie und des gesamten Reiches verändern könnte. Wird Cinderella sich behaupten und zu ihrem Glück finden können ..?

„Mir wurde klar, dass das echte Leben kein Märchen ist. Manchmal ist es auch besser so.“

Mit Geheimnisvolle Liebe – Was wäre, wenn Cinderella niemals den gläsernen Schuh anprobiert hätte? wird die „Twisted Tales“-Reihe fortgesetzt. Diesmal spinnt Elizabeth Lim, die schon andere Titel der Serie verantworten durfte, eine Alternativgeschichte zum Zeichentrickklassiker von 1950. Die Geschichte von Aschenputtel ist DAS Märchen schlechthin, und so geht es auch im bekannten Disney-Film um große, schmachtende Träume und deren Erfüllung, solange man nur fest genug dran glaubt. Dieses Thema auf den Kopf zu stellen, ist zwar nichts Neues mehr, für eine Ausgabe der „Twisted Tales“ aber genau der richtige Ansatz, den Lim auch konsequent verfolgt.

„Die Welt verändert sich, Aschemädchen, und jede kann etwas aus sich machen, wenn sie das will.“

Aus heutiger Sicht stellen besonders der stereotype, etwas langweilige Prinz (wandelnde Wunschvorstellung ohne echten Charakter) sowie der Fokus auf Cinderellas Gefährten, den singenden und sprechenden Mäusen, die größten Mankos des etwas überholten Films dar. Schon in der 2014 erschienenen Neuverfilmung wurde genau daran geschraubt. Lim bedient sich ähnlicher Einfälle, verleiht dem Prinzen, der jetzt unter seiner ihn einengenden Rolle als Thronfolger leidet, gerne viel mehr für die Menschen im Lande Aurelais tun würde und Gelegenheit erhält, Cinderella wirklich kennenzulernen und sich aufgrund ihrer individuellen Qualitäten in sie zu verlieben, Kontur und Profil, während die Mäuse (die Cinderella im Original befreiten und so für die positive Auflösung sorgten) weder sprechen noch anderweitig helfen können. Im weiteren Handlungsverlauf wird Cinderella hierdurch zu einer unverhofft ansprechenden Protagonistin, da sie sich nun darüber klarwerden muss, was sie wirklich will – und erstmals selbst dafür kämpfen und sich ihr eigenes Happy End verdienen darf.

Auch andere Figuren sind vielschichtig gezeichnet, wie z.B. die zunächst strenge Geneviéve, die nach und nach unerwartete Tiefe offenbart, oder auch Großherzog Ferdinand, der zum vermeintlichen Wohle des Königreichs finstere Pläne verfolgt und zum unerwarteten Schurken avanciert. Sogar Gräfin Tremaine wird eine stimmige Motivation für ihr Verhalten gegenüber ihrer Stieftochter angedichtet, wenn sie auch eher nur Gastauftritte hat. Gleichzeitig versteht sich Lim darauf, die wunderschön anzusehende Welt, die der Film schuf, atmosphärisch und glaubhaft auszubauen. So wird die Perspektive auf diese Welt erweitert und schließt auch zeitlose Themen wie Klassenunterschiede und gesellschaftliche Ungerechtigkeit mit ein.

„Letztlich waren Zauberstäbe zerbrechlich, Sprüche endlich, Hoffnungen konnten sich zerschlagen und Träume konnten Träume bleiben, wenn sie keine Chance bekamen, sich zu entfalten.“

Natürlich ist auch die gute Fee mit von der Partie, deren Kräfte jedoch begrenzt sind. Tatsächlich haben die Ränke des Großherzogs auch mit einem dunklen Kapitel der Vergangenheit zu tun, welches zur Verbannung sämtlicher Magie aus dem Königreich führte. Dieses Handlungselement wirkt stellenweise wie ein etwas gezwungener Notbehelf, um die Figur der guten Fee (hier namentlich als Leonore genannt) irgendwie mit einzubringen. Andererseits macht gerade die Note Magie natürlich das besondere Disney-Flair aus, und das damit verbundene zentrale Thema, dass Magie einem zwar den Weg weisen kann, wahre Liebe aber nicht auf den ersten Blick entsteht und man echtes Glück höchstpersönlich suchen und finden muss, ist ein stimmiger Dreh- und Angelpunkt. Das Märchen wird also ein wenig entzaubert – aber nie zu viel. Manchmal gehen die vielen Ideen mit Lim durch und ihr entgleiten die verworrenen Handlungsfäden, sodass der Fluss der Story holprig wirkt. Dennoch wird mit dem Intrigenspiel im Palast am Ende gekonnt Spannung aufgebaut, sodass trotz einiger Mängel der Lesespaß fast durchgehend erhalten bleibt.

Fazit

Geheimnisvolle Liebe ist ein würdiger Vertreter der „Twisted Tales“, in welchem dem Animationsklassiker eine überfällige, modernere Perspektive entgegengestellt wird. Die Geschichte funktioniert zwar nur teilweise, ist aber weitestgehend unterhaltsam und oft überraschend. Vor allem für Kenner des Originals interessantes Lesefutter für zwischendurch!

 

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