Rachel E. Carter

06.2019 Julian Hübecker im Gespräch mit Rachel E. Carter, Autorin der Buchreihe "Magic Academy".

Achtung! Wer die Buchreihe noch nicht beendet hat oder noch vorhat, sie zu lesen, sollte das Interview vorerst aussparen, da ordentlich aus dem Nähkästchen geplaudert wird.

Ich war und bin die unangefochtene Königin der Prokrastination. In der Schule habe ich selten daran geglaubt, dass ich je eine Geschichte würde zu Ende bringen können.

Jugendbuch-Couch: Sie haben Ihre Reihe um Ryiah ja schon vor ein paar Jahren beendet. Nun geht „Magic Academy“ auch in Deutschland zu Ende. Wie war es für Sie, von dieser großartigen Welt Abschied zu nehmen?

Rachel E. Carter: Darren und Ryiah begleiten mich schon seit meiner Jugend. Es ist, als würde man sich von zwei guten Freunden verabschieden. Im Laufe der Jahre hatte ich viele Story-Ideen, aber die zu Magic Academy ist die älteste, und auch die erste, die zu einer vollendeten Reihe wurde. Deshalb ist es emotional sehr aufwühlend, dass das alles jetzt vorbei ist. Ich habe so viel Zeit in dieser Welt verbracht (mittlerweile mehr als anderthalb Jahrzehnte) und mich so lange in Ryiah hineinversetzt, dass es sich jetzt fast so anfühlt, als würde ich einen kleinen Teil von mir selbst verlieren.

Jugendbuch-Couch: Vor allem Ryiah musste in den Büchern einiges über sich ergehen lassen – von physischen Verletzungen, über Aufs und Abs der Gefühle bis hin zu unerträglichen Verlusten. Wie sehr leidet man als Autorin mit seinen Schützlingen mit?

Rachel E. Carter: Ich kann nicht für alle Autoren sprechen, aber ich habe bestimmt einige meiner eigenen Erfahrungen einfließen lassen, wenn auch vielleicht unbewusst und abstrakt. Von dem magischen Setting mal abgesehen, sind viele der Situationen, die Ryiah durchlebt, für Jugendliche universell nachvollziehbar: sich in der Schule abzurackern, während andere, denen vielleicht von Anfang an mehr Möglichkeiten offenstanden, es leichter zu haben scheinen; schlechte Entscheidungen zu treffen und die unbeabsichtigten Folgen auszubaden; sich mit seinen inneren Dämonen (z.B. mangelndem Selbstwertgefühl) herumzuschlagen; den Verlust von jemandem zu verarbeiten, der einem nahesteht; herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist (z.B. hat Ryiah in Buch 3 nie offiziell den Titel der Schwarzen Magierin erworben, aber ich glaube, spätestens gegen Ende von Buch 4 wird deutlich, dass sie Darren nie geschlagen hätte – das war aber dann auch schon nicht mehr ausschlaggebend, da sie diesen Titel bzw. das damit zusammenhängende Prestige nur wollte, als sie sich noch nicht unvermittelt einem Krieg gegenübersah) usw. Deswegen haben sich ihr wohl auch so viele verbunden gefühlt.

Was die physischen Verletzungen angeht, habe ich mich beim Schreiben schwerer getan, denn ich habe mir bisher z.B. noch nie etwas gebrochen (hätte ich wohl besser nicht sagen sollen… klopf auf Holz!), aber bis zu einem gewissen Grad konnte ich auch das nachempfinden. Manche Autoren gehen lieber auf Distanz zu ihren Figuren, aber ich fühle beim Schreiben meist das, was sie fühlen (Musik hilft mir dabei, die Szenen wie einen Film vor meinem inneren Auge sehen zu können). Das letzte Buch war in vielerlei Hinsicht das härteste. Es wäre so viel leichter gewesen, Blayne einfach als den ultimativen Bösewicht abzuschreiben und Ryiah und Darren mit Friede, Freude, Eierkuchen siegen zu lassen. Das war aber nie Sinn der Sache gewesen. Ich wollte ein bittersüßes Finale mit spürbaren Konsequenzen, denn ich glaube nicht daran, dass das Leben immer fair ist und das Gute gewinnt. In der wirklichen Welt gibt es dieses klare Schwarz-Weiß nicht, alles spielt sich in Grauzonen ab. Auch das war sicher von meinen eigenen Erfahrungen beeinflusst.

Jugendbuch-Couch: Vier Bücher – da kommen natürlich auch einige Nebencharaktere zusammen. Gibt es da Jemanden, den sie besonders mögen, der vielleicht sogar eine eigene Geschichte verdient hätte?

Rachel E. Carter: Hmmm, das ist eine harte Nuss. Um ehrlich zu sein gibt es drei Leute, über die ich wahnsinnig gerne schreiben würde, aber zwei davon sind bereits gestorben, deshalb hätte wohl nur eine die Chance auf ein eigenes Spin-Off, sollte ich je dazu kommen. Eve z.B. fand ich toll. Im ersten Buch hatte sie nur eine kleine Rolle, da es ja aus Ryiah’s Perspektive geschrieben war, aber als ich Darren’s Prequel-Kurzroman geschrieben habe, ist mir die Freundschaft der beiden ans Herz gewachsen, und ich hätte das gerne noch ausgebaut. Paige war auch ein absoluter Favorit. Sie hat diesen kratzbürstigen, trockenen Sinn für Humor, der jede ihrer Szenen zu einer wahren Freude gemacht hat. Aber die Person, die ich vorhin meinte – und das wird sicher einige schockieren – ist Priscilla. Sie fing als typische Zicke an und hat sich im Laufe der Reihe dann so sehr weiterentwickelt. Ich würde gerne einen Ableger darüber schreiben, wie es ihr als neue Königin von Jerar ergeht. Sie ist so ein anderer Charakter als Ryiah und hätte Lesern bestimmt einige Überraschungen zu bieten. Aber ich halte mich lieber an Figuren im Teenageralter, deshalb würde es in einem Spin-Off vermutlich um Priscillas Kind und Ryiahs und Darrens Tochter Eve gehen. Vor dem Hintergrund der Geschichte ihrer Eltern wäre es bestimmt sehr witzig, die beiden in ein gemeinsames Abenteuer zu schicken.

Jugendbuch-Couch: Sowohl Blayne als auch Darren haben unter ihrem tyrannischen Vater gelitten. Doch während Darren noch ziemlich gut wegkommt, wird Blayne zum machthungrigen Ebenbild seines Vaters. Was muss für Sie ein klassischer Bösewicht haben, um den Leser mitzureißen?

Rachel E. Carter: Für mich sind die besten Schurken aus einem bestimmten Grund so, wie sie sind, und dieser Grund macht sie menschlich anstatt zu überzeichneten Karikaturen, die sich aus reinem Spaß an der Freud‘ in Bosheiten ergehen. Blayne ist verabscheuungswürdig, aber nicht von Geburt an. In seiner Jugend war er der sensiblere der beiden Brüder, und nur die grausame Behandlung durch seinen Vater hat ihn zum seelenlosen Tyrannen werden lassen. Darren hingegen war der jüngere Prinz, und dementsprechend wurden an ihn ganz andere Erwartungen gestellt (z.B. lastete auf ihm nie die Bürde einer künftigen Regentschaft), weswegen er weniger unter seinem Vater zu leiden hatte. In Verbindung mit seiner einzigartigen Persönlichkeit hat das eben dazu geführt, dass er sich in eine andere Richtung entwickeln konnte. Meiner Meinung nach sollten gute Schurken furchtbare Menschen sein, aber nie ohne den Funken Verständnis für die Umstände zu ermöglichen, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind. Erst dann reißen sie einen richtig mit, beim Lesen wie beim Schreiben.

Jugendbuch-Couch: Begeben wir uns mal direkt ins Reich Jerar: Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Akademie besuchen und sich ausbilden lassen. Würden Sie sich für die Kriegsmagie, Alchemie oder Heilkunst entscheiden?

Rachel E. Carter: Ich wäre Alchemistin. Das klingt bestimmt dämlich, aber in Harry Potter war „Zaubertränke“ immer mein Lieblingsfach (ich oute mich an dieser Stelle gern als totales Snape-Fangirl – durch und durch Slytherin), deshalb würde mich das Herumprobieren mit verschiedenen Elixieren – Feuerflaschen, Lähmungspulver, Schlaftränke – am ehesten begeistern.

Jugendbuch-Couch: In einer ihrer Danksagungen schreiben Sie, dass Sie diese Saga schon seit der Schulzeit niederschreiben wollten. Was war die größte Schwierigkeit dabei, die Geschichten in Ihrem Kopf zu Papier zu bringen?

Rachel E. Carter: Um ehrlich zu sein: bloß das Buch fertig zu kriegen, war die größte Schwierigkeit. Es ist so einfach, eine Geschichte nach der anderen anzufangen, nur um dann nach ein paar Kapiteln ins Schwimmen zu geraten oder sich zu langweilen. Und schon wendet man sich der nächsten blendenden Idee zu. Ich war und bin die unangefochtene Königin der Prokrastination. In der Schule habe ich selten daran geglaubt, dass ich je eine Geschichte würde zu Ende bringen können. Ich dachte immer, irgendetwas fehlt, es reicht nicht für die Veröffentlichung. Also gab ich ständig auf. Erst, als ich nach dem College in einem miesen Job hing und merkte, wie unglücklich ich war, wurde mir klar: wenn ich meinen Traum verwirklichen wollte (anstatt nur Tagträume auf unfertige Geschichten zu verschwenden), blieb mir nichts anderes übrig, als die Ausreden sein zu lassen und endlich dieses Buch von Anfang bis Ende zu schreiben.  

Jugendbuch-Couch: Mich haben vor allem die unvorhergesehenen Wendungen beeindruckt. Haben Sie diese Überraschungen stets im Kopf oder ergeben die sich im Laufe der Geschichte?

Rachel E. Carter: Bei mir gibt die Handlung den Ton an: ich bin eine Planerin, von daher standen etwa 70% der Wendungen im Vorfeld fest, und der Rest war bloß Glück. Die drei Twists, die ich selbst nie hätte kommen sehen, passieren in den letzten beiden Büchern: die Ermordung des Königs, Blayne’s Kraft, und die Krönung von Priscilla. Allerdings hatte ich auch einiges geplant, was zum Ende der Serie dann doch in eine völlig andere Richtung ging: den finalen Twist im letzten Buch (dass Ryiah und Darren beide überleben, aber ihre Zauberkräfte verlieren) hatte ich mir z.B. ursprünglich ganz anders vorgestellt. Darren sollte sein Leben für Ryiah opfern. Aber a) konnte ich es nicht mehr übers Herz bringen, mich von dem Charakter zu trennen, und b) würde Ryiah nicht das Ende bekommen, das sie verdiente, wenn sie von jemandem gerettet werden müsste. Für so etwas war sie zu stark. Beide, sie und Darren, waren vielschichtige Figuren mit ihren Fehlern, und doch auch so voller Kraft, dass ich sie in ihrer gegenseitigen Liebe auf Augenhöhe stellen wollte.

Jugendbuch-Couch: Zu guter Letzt natürlich noch die Frage, die sich all Ihre Leser stellen werden: Wird es ein Wiedersehen mit dieser magischen Welt geben? Oder haben Sie andere Pläne als Autorin?

Rachel E. Carter: Es wird definitiv ein Wiedersehen geben! Ich schreibe gerade eine Vorgeschichte, die etwa 100 Jahre vor Darren und Ryiah spielt. Die Figuren sind allerdings alle neu und die Zeit ist eine andere, also werden das geschilderte politische Zeitgeschehen und sogar die Magie anders sein, als man sie aus Magic Academy kennt. Trotzdem können Leser sich auf Zauberei, Abenteuer und Romantik freuen, und darauf, neue Charaktere kennen und lieben zu lernen (in jedem Buch wird jemand aus einem anderen Königreich – Jerar, Pythus und die Borea-Inseln – Hauptfigur sein, ihre Handlungen und Schicksale sind aber alle miteinander verstrickt). Ich schreibe noch daran, also kann ich aktuell keine Angaben bezüglich der Veröffentlichung machen, aber sobald sich nähere Details ergeben, werden die Fans davon über meinen Newsletter, meine Website und meine Social-Media-Accounts erfahren.

Das Interview führte Julian Hübecker im Juni 2019.
Übersetzt aus dem Englischen von Yannic Niehr.
Foto © Luminis Studio 2017