RIVERDALE

von Marcel Scharrenbroich / Titelmotiv: Katie Yu © 2018 The CW Network, LLC.

Endlich geht’s nach RIVERDALE

Was habe ich gelacht und mit den Augen gerollt, als ich von der Ankündigung einer „Archie“-TV-Serie gelesen habe! Dieses Vorhaben sollte nämlich bereits 1990 geschehen, als ein Fernseh-Film namens „Drei Frauen für Archie“ (OT: „Archie: To Riverdale and Back Again“) im US-TV zu sehen war. Dieser sollte als Pilotfilm für eine nie realisierte Serie fungieren und handelte zwar von den bekannten Charakteren, ließ diese aber im erwachsenen Alter für ein Klassentreffen in ihre Heimatstadt zurückkehren. Archie stand mal wieder zwischen den Stühlen, beziehungsweise zwischen Betty und Veronica… hin und her… bla, bla, bla… kurzum: Es war ein Flop und somit weg vom Tisch. Wo war ich? Ach ja… was habe ich gelacht bei der Ankündigung!

Aber völlig zu Unrecht. Bereits erste Szenen und Trailer hielten die Versprechen der Macher, einen einigermaßen ernsten Ton anzuschlagen. Das lustige und bunt-fröhliche Setting aller bisherigen Formate musste weichen. Die heile Kleinstadt-Welt mit ihrer Postkarte-Idylle wurde ins Wanken, ja, sogar komplett zu Fall gebracht. „Riverdale… die Stadt mit PEP!“ – wie es auf dem werbewirksamen Ortseingangsschild so schön heißt – hat ordentlich Leichen im Keller und beheimatet zudem noch Einwohner, die dunkle Geheimnisse in sich tragen. Einige dieser Geheimnisse sind tief vergraben. Andere warten nur knapp unter der Oberfläche darauf, gefunden und offengelegt zu werden. Es braucht nur vier Teenager, um die Fassaden der ach so heilen Welt zum Einsturz zu bringen. Vier(!) Teenager(!!!)… hört sich albern an? Na, dann wartet mal ab!

Darum geht es in „Riverdale“: Die Handlung beginnt am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag. Und nach diesem Tag wird nichts mehr so sein, wie vorher…

Archie Andrews (KJ Apa) ist der typische Schwiegermutter-Liebling von Riverdale. Charmant, sportlich, smart und clever. Als hilfsbereiter Bilderbuch-Sohn hilft er selbstverständlich auch seinem Vater Fred (Luke Perry), der eine Baufirma leitet, bei der Archie während der Ferien fleißig mit anpackt. Die beiden haben ein enges und gutes Verhältnis zueinander. Noch enger wurde es, als Fred vor zwei Jahren von seiner Frau Mary (Molly Ringwald) verlassen wurde. Natürlich ist so ein kerniger Bursche wie Archie auch eine absolute Sportskanone. Für das Football-Team der Riverdale High – den „Bulldogs“ – steht er regelmäßig auf dem Feld. Allerdings steht das sportliche Interesse für ihn aktuell nicht mehr im Vordergrund. Viel mehr möchte er sich der Musik widmen. Songs schreiben, Gitarre spielen, auf der Bühne stehen. Eine Leidenschaft, die von seiner Musik-Lehrerin Miss Grundy (Sarah Habel) nur noch gefördert wird. Kein Wunder, dass sich Archie so hineinkniet, denn die hübsche Geraldine Grundy und ihn verbindet nicht nur die Liebe zur Musik. Eine verbotene Beziehung, die für beide schwere Folgen haben könnte, wenn die Schüler-Lehrer-Romanze die Runde machen würde. Genau aus diesem Grund ist Vorsicht geboten. Doch Archie hat Schuldgefühle, da er nicht aufrichtig zu seinem Dad und seinem besten Freund Jug sein kann.

Jughead Jones (Cole Sprouse) und Archie sind schon seit frühster Kindheit beste Freunde. Auch er teilt das Schicksal, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen. Seine Mutter Gladys (Gina Gershon) schnappte sich Töchterchen Jellybean (Trinity Likins) und verließ ihren Mann FP (Skeet Ulrich), nachdem dieser seinen Job bei „Andrews Construction“, der Firma von Archies Vater, verlor. Einst waren FP Jones und Fred Andrews sogar Geschäftspartner und gründeten den Betrieb gemeinsam… diese Tatsache und die langjährige Freundschaft der Männer waren wohl die einzigen Gründe, warum Fred FP überhaupt noch auf dem Bau beschäftigte, da dessen regelmäßiger Alkoholkonsum sowohl für berufliche als auch familiäre Brüche verantwortlich war. Als ehemaliges Mitglied der gefürchteten Biker-Gang „Southside Serpents“ machte FP sich einen Namen und Jughead ist besorgt, dass seinen Vater die Vergangenheit wieder einholt. Nicht zu Unrecht, wie sich bald herausstellen soll. Desweiteren belastet Jughead, dass Kumpel Archie sich immer mehr von ihm entfremdet. Außer dem Rotschopf hat der eigenbrötlerische Junge mit der markanten Beanie-Mütze nicht viele Freunde und steckt sein ernstes und meist nachdenkliches Gesicht am liebsten in seinen alten Laptop. Hier hält er seine Gedanken fest und schreibt über die seltsamen Vorkommnisse in der Stadt… vornehmlich in „Pop’s Chock’lit Shoppe“. Das gemütliche Diner im 50er-Jahre Stil, inklusive gemütlicher Sitzecken und Jukebox, wird so zum häufigen Anlaufpunkt der Jugendlichen und soll später noch ein ganz anderes Etablissement beherbergen. Außerdem wird der Laden Schauplatz eines folgenschweren Verbrechens…

Stammkundin im „Pop’s“ ist auch Betty Cooper (Lili Reinhart). Die sympathische, blonde Highschool-Schülerin mit den grün-blauen Kulleraugen ist das typische Mädchen-von-nebenan. Diese Aussage trifft sogar wortwörtlich zu, denn Betty kann von ihrem Zimmer aus direkt in Archies Fenster blicken. Archie… der Junge, von dem sie schon so lange schwärmt. Als Musterschülerin mit weißer Weste könnte man sie wohl als weibliches Pendant zu ihrem Nachbarn beschreiben. Doch auch weiße Westen können Flecken bekommen und so hat auch die strahlende Betty Cooper eine dunklere Seite, die gelegentlich ausbricht. Eine Charaktereigenschaft, die sie wohl von ihrer Mutter Alice (Mädchen Amick) geerbt hat… obwohl diese ihre Eigenschaft als Zicke offen nach außen trägt. Nachdem Bettys Schwester Polly (Tiera Skovbye) nach einem nervlichen Zusammenbruch von ihrer Mutter in eine Anstalt geschickt wurde, muss die daheimgebliebene Schülerin allein mit der überfürsorglichen und strengen Alice klarkommen… denn von ihrem Vater Hal (Lochlyn Munro) kann sie kaum Unterstützung erwarten. Dafür steht dieser viel zu sehr unterm Pantoffel seiner spitzzüngigen Gattin.

Mit Beginn des neuen Schuljahres taucht auch ein neues Gesicht an der Riverdale High auf. Auftritt: Veronica Lodge (Camila Mendes). Als verwöhnte Tochter von Hiram (Mark Consuelos) und Hermione Lodge (Marisol Nichols) wächst Ronnie, wie sie ihre Freunde nennen, in luxuriösen Verhältnissen auf. Als der millionenschwere Geschäftsmann Hiram aber wegen Veruntreuung und Betrug verhaftet wird, zieht Hermione mit ihrer Tochter nach Riverdale… die kleine Stadt, in der sie einst aufwuchs. Die selbstbewusste Veronica musste auf die harte Tour lernen, dass „Freundschaften“ in der New Yorker High Society nur so lange Bestand haben, bis die Bling-Bling-Fassade zu bröckeln beginnt. In ihrem neuen Leben in Riverdale, weit entfernt von der glitzernden und ätzenden Scheinwelt, will Ronnie nun alles anders machen… sie will es besser machen! Trotz aller Gegensätzlichkeiten ist in Betty schon bald eine neue beste Freundin gefunden. Doch auch der schmucke Archie ist der rassigen Schönheit ins Auge gefallen. Da sie bemerkt, dass Betty in den smarten Archie verknallt ist, versucht sie sich zurückzuhalten, um ihre neue Freundschaft nicht direkt wieder zu sprengen, doch… wie lange kann Veronica Archie widerstehen?

All diese Einzelschicksale werden im aktuell erschienenen Roman „Riverdale – Der Tag davor“ noch genauer analysiert. Das empfehlenswerte Buch spielt in voller Länge an nur einem Tag, dem 3. Juli… dem Tag, bevor die Handlung der ersten Staffel nahtlos übernimmt. Abwechselnd berichten die vier Hauptcharaktere aus der Erzähler-Perspektive von ihren Gedanken und Erlebnissen, was sich sehr spannend und informativ – auch für Kenner der Serie - lesen lässt.

Der 4. Juli sollte also alles verändern… An diesem Datum verschwand der Schüler Jason Blossom (Trevor Stines). Der Zwillingsbruder der arroganten Cheryl Blossom (Madelaine Petsch), der auch Mannschaftskollege von Archie und Kapitän der „Bulldogs“ war, ist angeblich im Sweetwater River ertrunken. Von seiner Liaison mit Polly Cooper war zudem niemand begeistert. Weder Pollys Mutter Alice, noch Schwester Cheryl und schon gar nicht ihre Eltern Cliff (Barclay Hope) und Penelope Blossom (Nathalie Boltt), die mit ihren Kindern und Großmutter Rose (Barbara Wallace) im luxuriösen „Thornhill“-Anwesen residieren. In der Nacht von Jasons Verschwinden verbrachten Archie und Geraldine Grundy gerade die gemeinsame Zeit im nahegelegenen Wald, als sie von einem Geräusch aufgeschreckt wurden. Ein Knall, der die idyllische Ruhe der Natur durchbrach… ein Schuss!

So weit, so spannend… und mehr möchte ich zum Serienauftakt von „Riverdale“ auch nicht verraten. Jedoch sei gesagt, dass die erste Staffel auch schon das inhaltliche Highlight des bisherigen Ganzen darstellt. Orientierte man sich hier noch am wegweisenden Mystery-Highlight „Twin Peaks“, welches Anfang der 90er-Jahre die TV-Landschaft für immer veränderte und mit seiner komplexen Erzählstruktur unzählige Nachahmer ermutigte und vermischte dieses düstere, surreale Kleinstadt-Drama mit Erfolgsformaten wie „O.C. California“ und „Gossip Girl“, gingen in den Folgestaffeln anscheinend die Pferde mit den Drehbuch-Autoren durch. Gerade der düstere und ernste Look der ersten Staffel machte „Riverdale“ zu einem echten Spannungs-Magneten, der sich erfrischend von anderen Formaten abhob. Die Hauptfiguren wurden sympathisch eingeführt, besaßen aber Ecken und Kanten, was sie nur noch menschlicher machte. Dennoch vergaßen die Macher nicht die „Archie“-Vorlage und streuten immer wieder kleine Verweise und Anspielungen ein. Angefangen von Jugheads Beanie im Kronen-Look, einer Traumsequenz in Original-Kostümen der Comic-Vorlage und natürlich Archies rotem Haupthaar, das Darsteller KJ Apa alle zwei Wochen nachfärben musste. Nebencharaktere wie Josie und ihre Pussycats, Kevin Keller, Reggie und Ethel bekamen ihre Auftritte, ohne zu sehr von der Haupthandlung abzulenken. Die bodenständige Mischung aus Teenie-Drama und Mystery-Thriller hat hervorragend funktioniert und wurde handwerklich und darstellerisch auf den Punkt genau umgesetzt. Neben den frischen und unverbrauchten Newcomern setzte man in den Rollen der Erwachsenen auf bekannte Film- und TV-Gesichter, die in früheren Rollen schon prägende Auftritte hatten. Luke Perry („Beverly Hills 90210“), Mädchen Amick („Twin Peaks“), Skeet Ulrich („Scream“), Marisol Nichols („Viva Las Vegas – Hoppla wir kommen“, „24“), Lochlyn Munro („Charmed“, „Scary Movie“), Gina Gershon („Bound“) und Molly Ringwald („The Breakfast Club“, „Pretty in Pink“)… was kann da schiefgehen? Eine Menge!

Ohne zu viel zu verraten: Die Handlung wird immer abstruser und abenteuerlicher. Ein Serienkiller treibt sein Unwesen, rivalisierende Gangs bekriegen sich bis aufs Blut, Drogenhandel und -schmuggel, eine mysteriöse Sekte, ein Nachtclub, der von einer Schülerin(!) geführt wird, ein illegaler Fight Club im Jugend-Knast, ein tödliches Pen-and-Paper-Rollenspiel, das süchtig macht, Familien-Konflikte, dass einem die Haare zu Berge stehen, Teenager, die einen Gefängnisausbruch organisieren, eine Schülerin, die mit Pfeil und Bogen um sich schießt, dass Robin Hood das Mützchen vom Kopf fliegt, eine ganze Stadt unter Quarantäne, minderjährige Jung-Detektive, die Sherlock Holmes wie einen Amateur-Ermittler aussehen lassen und so weiter, und so weiter… Ich habe nichts dagegen, wenn aus Gründen der Dramaturgie ein wenig übertrieben wird, um die Spannung oben zu halten, aber hier hat man eindeutig zu viel gewollt. Vergleiche ich den Roman mit der Vorgeschichte, welchen ich kürzlich erst las, mit den aktuellen Geschehnissen der dritten Staffel, ist kaum noch etwas vom Glanz, der die erste Staffel ausmachte, vorhanden. Es ist bei jeder Serie zu begrüßen, wenn die Charaktere eine Entwicklung durchmachen und ihre Rollen nicht auf der Stelle treten, aber bei „Riverdale“ wurde alles, wirklich ALLES auf den Kopf gestellt. Dennoch bleibe ich am Ball und hoffe, dass die vierte Staffel sich wieder an das Erzähltempo der Anfänge anpasst. Wenn die Autoren weiter so aufs Gaspedal treten, kann ich mir nicht vorstellen, WAS da NOCH alles passieren sollte…

Sendepause?

Laut aktuellen Berichten plant Warner Bros. zum Ende des Jahres 2019 eine eigene Streaming-Plattform in den Vereinigten Staaten bereitzustellen. Der Vertrag zwischen The CW - welches zum Warner-Konzern gehört - und Netflix läuft demnächst aus, was dafür sorgen könnte, dass „Riverdale“ mit der vierten Staffel nur noch über dem hauseigenen Streaming-Dienst zur Verfügung steht. Alle bisherigen Staffeln sollen auch dorthin verschoben werden. Was dies für den deutschen Markt bedeutet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Fest steht nur, dass Warner Bros. so dem kommenden Dienst Disney+ Konkurrenz machen will und sich ebenfalls gegen die gestandenen Anbieter Netflix und Amazon Prime behaupten möchte. Bedenkt man, wie viele Filme und Serien das Warner-Logo tragen, kommt da schon eine ernstzunehmende Menge an hochwertigen Produktionen zusammen. Möglich wäre für den deutschen Markt aber auch eine Bereitstellung für einen der gängigen Streaming-Anbieter… ähnlich wie es die Serie „Titans“ aktuell gezeigt hat. Diese ist in den USA über DC Universe erschienen – der hauseigenen VoD-Plattform von DC Comics – und kann bei uns über Netflix bezogen werden. Nun ja, die Zeit wird es zeigen…

Fazit:

Das umfangreiche „Archie“-Universum hat aus heutiger Sicht viel Quatsch und albernen Kram hervorgebracht, der aber immer am aktuellen Puls der Zeit war… DAS muss man den kreativen Köpfen im Hintergrund lassen. Ich war zwar damals nicht dabei, aber höchstwahrscheinlich sind Archie, Betty, Jughead und Veronica populärer als jemals zuvor, denn neben TV-Serien, Comics und Romanen sind die Mädels und Jungs aus „Riverdale“ auf zahlreichen Merchandise-Artikeln verewigt.

Auch wenn die Entwicklung der Serie zu wünschen übriglässt, bin ich gespannt, wo die Reise noch hingehen wird. Zur Not halte ich mich einfach an „The Chilling Adventures of Sabrina“, dessen Atmosphäre mich momentan deutlich mehr anspricht. Gut… das hat „Riverdale“ mit der ersten Staffel auch getan… als es noch bodenständiger war, aber wer weiß? Vielleicht stricken die Verantwortlichen im verschlossenen Kämmerlein schon an einem Crossover der beiden Erfolgs-Formate? Die Richtung, die „Riverdale“ so langsam aber sicher einschlägt, könnte darauf deuten lassen…

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