Heartstopper

Serien-Kritik von Julian Hübecker

Schaut man sich auf Instagram und Co. um, kommt man zurzeit an einem Thema nicht vorbei: Heartstopper. Was als Webcomic der britischen Autorin und Illustratorin Alice Oseman begonnen hat und schließlich als Graphic Novel im Buchformat veröffentlicht wurde, avanciert nun zum Serienhit auf dem Streaming-Anbieter Netflix. Die erste Staffel läuft dort seit dem 22. April und erfreut sich so großer Beliebtheit, dass gleich zwei weitere Staffeln bestellt wurden. Wie ist das zu erklären?

Coming-of-Age-Geschichten sind stark im Trend, und auch das Thema Diversität wird immer größer geschrieben. Man denke nur an weitere Serienhits wie Noch nie in meinem Leben (Staffel 3 startet im August 2022) oder Sex Education (eine 4. Staffel ist bestätigt), und schon versteht man, dass es nicht nur um das Erwachsenwerden geht, sondern um das Entwickeln der eigenen Sexualität, um Mobbing, Selbstfindung und auch darum, der Norm keinen Stellenwert zu geben, sondern alle Farbtöne zu entdecken, die eine Gesellschaft ausmachen. Was in der Filmindustrie noch nicht ganz angekommen zu sein scheint, haben Serienschaffende endlich verstanden: Das wahre Leben ist nicht nur schwarz und weiß.

Einfach nur eine Liebesgeschichte?

Während im Original die Graphic-Novel-Reihe bereits aus vier Bänden besteht, ist in Deutschland erst das erste Buch erschienen (Hier rezensiert). Und während es mit einem fiesen Cliffhanger endet, geht die erste Staffel der Serie darüber hinaus, weshalb man sich gut überlegen sollte, ob man sich durch die Serie spoilern lassen will, wenn man bereits die Graphic Novel gelesen hat.

Im Zentrum stehen die beiden Schüler Charlie Spring (Joe Locke) und Nick Nelson (Kit Connor), die eigentlich keine Gemeinsamkeiten haben. Charlie spielt gerne Schlagzeug und ist ein guter Läufer, ansonsten aber eher introvertiert und still. Er hat nicht viele Freunde, dafür aber sehr enge, auf die er sich immer verlassen kann. Nick dagegen ist beliebt, sieht gut aus, spielt Rugby und schart einen großen Kreis von Leuten um sich, die aber nicht so ganz zu seinem wahren Charakter passen wollen. Beide gehen auf eine reine Jungenschule, was für Charlie, der offen schwul ist, oft zum Problem wird.

Außerdem Charlie hat ein Geheimnis: Er trifft sich heimlich mit seinem Mitschüler Ben (Sebastian Croft). Ben sieht gut aus und ist ebenfalls beliebt, tut aber nach außen so, als hätte er nichts mit Charlie am Hut – geoutet ist er sowieso nicht. Auch treffen sich die beiden nur, wenn es Ben in den Kram passt; wie es Charlie dabei geht, interessiert ihn nicht. Charlie fühlt sich zusehends ausgenutzt und verletzt, alleine sein will er aber auch nicht.

Alles ändert sich, als er von einem Lehrer neben Nick Nelson gesetzt wird. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Nick ist ein Frauenschwarm, aber auch unheimlich nett und aufmerksam. Charlie verliebt sich auf der Stelle – auch wenn er weiß, dass er keine Chance hat. Für Nick meldet er sich sogar im Rugby-Team an. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander, und schließlich findet Charlie sogar den Mut, mit Ben Schluss zu machen. Doch wie soll er seine Gefühle in den Griff kriegen, ohne die Freundschaft zu gefährden?

Währenddessen sind sich Charlies Freunde uneins, wie sie mit seinen Gefühlen umgehen sollen. Isaac (Tobie Donovan) hält sich größtenteils raus, sieht das Ganze aber kritisch, da er auf Nicks Heterosexualität hinweist. Elle (Yasmin Finney) ist nach ihrer Transition auf die Mädchenschule gewechselt und hat genug damit zu tun, Freunde an der neuen Schule zu finden. Am stärksten hat Tao (William Gao) mit der Situation zu kämpfen, da er verzweifelt versucht, die Gruppe beisammenzuhalten, zudem einen starken Beschützerinstinkt Charlie gegenüber hat.

So einige Krisen scheinen also vorprogrammiert …

Einfach nur Teenager-Drama?

Die erste Staffel besteht aus acht Folgen à ca. 30 Minuten, was einer typischen Länge für solche Serien entspricht. Auch sonst könnte man an standardmäßige LGBTIQ+-Serien denken, die ähnlichem Muster folgen – und sicherlich kann man das Grundgerüst auf eine Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern runterbrechen. Aber es ist so viel mehr als das, weil die Geschichte tief ins Herz geht. Und das hat zwei Gründe:

Zum einen schwingen viele kleine Töne mit, die am emotionalen Zentrum zupfen und in jeder Folge zu finden sind: Ob es nun Taos tiefe Gefühle seinen Freunden gegenüber sind, Charlies geringes Selbstwertgefühl, Elles Selbstakzeptanz oder Nicks Hinterfragen seiner Sexualität. Viele weitere kleine Momente kommen so plötzlich, dass sie das Herz hüpfen lassen, ein Lächeln ins Gesicht zaubern oder auch schonmal ein Tränchen verdrücken lassen. Cartoon-Elemente begleiten oft diese Augenblicke, etwa Wind, der durch Wellenlinien und vorbeiwehendes Laub dargestellt wird, und heben den Ursprung als Comic hervor.

Zum anderen wird keine verschnörkelte Geschichte erzählt, die konstruiert wirkt und aus zu vielen Zufällen besteht. Vielmehr ist sie geradlinig, steigert sich aber mit jeder Folge, bis das Ende erreicht ist und man emotional so gefangen ist, dass man im Grunde wieder von vorne anfangen muss. Die Geschichte könnte geradewegs aus dem Leben gegriffen sein, weil sie weich ist, ohne Ecken und Kanten, die stören und den Eindruck vermitteln, dass man gerade eine Serie schaut. Jede Rolle hat ihren Platz, wie auch im richtigen Leben – und deshalb darf auch nicht der Eindruck entstehen, dass mit den oben vorgestellten Charakteren der Cast auserzählt ist.

„Hey …“

Eine andere Stärke von Heartstopper ist, dass viele Newcomer auf der Besetzungsliste stehen, die aber wie zugeschnitten auf ihre jeweiligen Rollen sind. Nicht nur feiert Joe Locke mit der Serie sein Debüt, sondern auch Yasmin Finney, William Gao, Cormac Hyde-Corrin (Freund von Nick und Schulmobber) und Tobie Donovan. Kit Connor dagegen ist bereits als Kinderdarsteller in einigen Produktionen aufgetreten und später in namhaften Filmen (Ready Player One, Rocketman) dabei gewesen. Daneben ist auch Sebastian Croft (Game of Thrones) kein Unbekannter, und mit Olivia Colman (The Crown, Fleabag) konnte eine echte Koryphäe gewonnen werden; die britische Schauspielerin, Golden-Globe-, Oscar- und Emmy-Gewinnerin brilliert als Nicks Mutter. Sie agiert mit der nötigen Sensibilität und den richtigen Worten zu den richtigen Momenten. Auch wenn ihre Rolle klein ist, ist sie eine konstante Größe und stabiler Punkt in Nicks Leben. Mit die besten Szenen passieren zwischen Sohn und Mutter.

Weitere fantastische Augenblicke bieten Charlies Schwester Tori, gespielt von Jenny Walser, und Elles neue Freundinnen Darcy (Kizzy Edgell) und Tara (Corinna Brown). Dank der erfrischend authentischen Natürlichkeit der Darstellerriege erkennt man das ungeheure Potential an Geschichten, die in den weiteren Staffeln erzählt werden können. Ungelöste Konflikte, angekratzte Probleme, unausgesprochene Gefühle … die Vorfreude könnte größer nicht sein.

Fazit

Ich glaube, die Begeisterung kommt rüber! Eine Geschichte, die überzeugt, obwohl sie vom Grundstoff her absolut basic ist. Es braucht keine Neuerfindung, um einen Volltreffer zu landen; das wichtigste ist wohl, den Zeitgeist zu treffen. Und das ist mit diesem romantischen Rundumschlag absolut gelungen!

Bilder: © Netflix

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