Anne with an E

Serien-Kritik von Andrea Delumeau

Neues aus Green Gables

Eine moderne Neuinterpretation eines Kinder- und Jugendbuchklassikers

„Anne with an E“ ist eine kanadische Drama-Serie und beruht auf dem im angelsächsischen Raum zum Kinder-und Jugendbuchklassiker gewordenen Buch „Anne auf Green Gables“ von Lucy Maud Montgomery aus dem Jahr 1908.

In Staffel 1 lernen wir Anne und ihre Welt im fiktiven Städchen Avonlea auf der kanadischen Insel Prince Edward Island im Jahr 1890 kennen. Eigentlich will das ältliche Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert einen kräftigen Jungen adoptieren, der ihnen bei der Farmarbeit helfen kann, aber durch ein Missverständnis bekommen sie die 13-jährige Anne, ein Waisenkind, das im Waisenhaus wegen ihrer roten Haare und ihres ungewöhnlichen Wesens gnadenlos gehänselt und gemobbt wurde, und in diversen Pflegefamilien keineswegs liebevoll aufgenommen wurde. Oft wurde sie nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt.

In Staffel 2 gewöhnen sich die Geschwister Cuthbert und auch das verschlafene Örtchen Avonlea langsam weiter an Anne, an ihr lebhaftes Wesen und ihre übersprudelnde Phantasie. Annes bester Schulfreund und geheimer Schwarm Gilbert heuert nach dem Tod seines Vaters auf einem Dampfer an. Bald kehren er und sein neuer Freund Sebastian, der mit ihm als Matrose gearbeitet hat, aus Trinidad nach Avonlea zurück. Dort sorgt Sebastian wegen seiner dunklen Hautfarbe für Aufsehen. Anne freundet sich derweil mit Cole, einem neuen Mitschüler an, der von den meisten Klassenkameraden wegen seiner Andersartigkeit gehänselt wird.

In Staffel 3 wird Anne sechzehn. Schon immer hat sie über ihre Herkunft gerätselt und befindet sich nun alt genug, konkrete Nachforschungen anzustellen. Zudem interessieren sich Anne und ihre Freundinnen für das andere Geschlecht; Anne ist verwirrt, ist Gilbert der „Richtige“ für sie? Außerdem denken die Mädchen über mögliche Berufswünsche nach.

Vom Klassiker zur Neuinterpretation

Diese Adaption der erfolgreichen Drehbuchautorin Moira Walley-Beckett sorgte bei Ersterscheinen der 1. Staffel in den USA 2017 für großes Aufsehen und auch Kritik, geht die Serie doch auf vieles ausführlich ein, was in der beliebten Romanvorlage nur angedeutet wurde oder weicht zum Teil sogar, vor allem ab der zweiten Staffel, aus dramaturgischen Gründen von der Romanvorlage ab.

So werden zum Beispiel Annes schlimme und teilweise sogar gewalttätige Erinnerungen aus ihrer Zeit im Waisenhaus oder in Pflegefamilien im Originaltext allenfalls angedeutet, hier jedoch in blitzlichtartigen Rückblenden genauer beschrieben. Sie fügen so dem Originaltext eine atmosphärische Wahrhaftigkeit hinzu, beruhen diese Rückblenden auf Montgomerys eigenen biografischen Erfahrungen und der Lebenswelt von Waisenkindern Ende des 19. Jahrhunderts.

Auch die Darsteller überzeugen, allen voran die Neuentdeckung Amybeth McNulty. Mit ihrem blassen, sommersprossigem Gesicht und ihrer ausdrucksreichen Mimik ist sie eine stimmige Verkörperung der von Lucy Maud Montgomery erdachten Anne. Sie ist sozusagen der Beweis, dass diese Neuinterpretation trotz aller Abweichungen dem Grundton des Originaltextes treu bleibt.

Wie „Anne auf Green Gables“ ist „Anne with an E“ fortschrittlich aber zugleich zeitlos. Annes Intelligenz wird gefeiert, sie ist auf der Seite von Unterdrückten und Außenseitern. Sie ist mutig, einfallsreich und hilfsbereit. Sie ist unsicher wegen ihrer äußeren Erscheinung aber weiß, dass sie genau so viel Wert hat wie ein Junge. Diese wichtige Botschaft des Originaltextes wird auch in dieser Neuinterpretation den heranwachsenden Zuschauerinnen vermittelt.

Fazit

Eine mutige und stimmige Nachempfindung eines vor allem im angelsächsischen Raum sehr beliebten Kinder- und Jugendbuches, die dem Originaltext treu bleibt, aber zugleich frisches Leben einhaucht und so neuen Lesern erschließt. Für die ganze Familie und für Jugendliche ab 12 Jahren.

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Bilder: © Netflix

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