Giant Little Ones

Film-Kritik von Sabine Bongenberg / Titelmotiv: © EuroVideo Medien

Der Weg auf der Suche nach Orientierung

Franky und sein bester Freund Ballas verstehen sich richtig gut in Jungsthemen: Gemeinsames Abhängen, sich im Schwimmverein auspowern, mit Mädchen rummachen, nachts mit einer Leuchtpistole durch die Gegend ballern – also alles was Spaß macht. Eines können sie dagegen überhaupt nicht gut – damit zurechtkommen, dass eine eigentlich normale Partynacht aus dem Ruder läuft und mit einem Sexabenteuer endet; aber nicht mit irgendeinem Mädchen, sondern miteinander.

Ballas will am liebsten gar nicht darüber sprechen, das Ganze soll am besten überhaupt nicht passiert sein. Aber dann spricht er doch darüber und beschuldigt Franky, ihn nachts belästigt zu haben. Klar, dass ihm jeder glaubt, ist doch Frankys Vater Ray Winter nach jahrelanger Ehe ausgebrochen und lebt nun in einer homosexuellen Lebensgemeinschaft. Da fiel wohl der Apfel nicht weit vom Stamm! Schnell wird Franky zur Zielscheibe von hämischen Kommentaren, Witzen und Mobbing, und weiß dabei selbst nicht so recht, wo er mit sich hin will.

Die Schwierigkeit, sich selbst zu finden

Der kanadische Regisseur Keith Behrmann zeigt in seiner Regiearbeit Giant Little Ones das Chaos des Erwachsenwerdens und die Verwirrung um die sexuelle Orientierung. Nicht, dass es schwer genug ist, seinen eigenen Weg zu finden und die ersten sexuellen Erfahrungen zu machen – viel schwerer ist es vor allem, herauszufinden, welche Richtung man einschlagen möchte. „Du bist natürlich hetero“, sagen die besten Kumpels, „vielleicht bist du schwul“, sagt die lesbische beste Freundin, „hallo, Schwuchtel!“, sagen die Jungs in der Umkleide. Es ist schwer, seine Sexualität zu entdecken, wenn der Input von allen Seiten kommt.

Ist ein Jugendlicher hetero, wenn er in einer Nacht sechsmal mit seiner Freundin Sex hat? Ist dagegen ein anderer schwul, nur weil er nicht mit der ersten Freundin schlafen möchte, oder weil es ihm gefällt, wenn sein zuvor bester Freund ihn oral stimuliert? Vielleicht gibt Franky in einem Gespräch über seinen Penis mit seiner Freundin Mouse die einzig richtige Antwort: „Er weiß nicht, wer ihn anfasst.“

Giant Little Ones zeigt außerhalb von Klischees, wie schwierig es ist, seine sexuelle Orientierung zu finden und sie auch gegenüber anderen zu behaupten. Wer hier nicht dem gängigen Modell der Heterosexualität entspricht, ist dabei nicht zwingend ein Duckmäuser: Die Freundin Mouse, die sich einen Penis bastelt und trägt, ist selbstbewusst und schlagfertig; der schwule Michael weiß sich gegenüber Anfeindungen in der Umkleide zu verteidigen. Franky dagegen fühlt sich wie ein Blatt im Wind – er will einerseits dem gängigen Bild entsprechen und hetero sein, doch fürchtet er, dass er wie sein Vater homosexuell sein könnte.

Ein neues Lebenskapitel

Erst mit dem Auseinandersetzen mit seiner Lebenssituation und insbesondere dem Öffnen vor dem bisher abgelehnten Vater kann der Junge anfangen, seinen Weg zu gehen. Welche Richtung letztendlich eingeschlagen wird, bleibt offen. Gezeigt wird aber, dass jede Form der Sexualität Wunden schlagen kann. So die empfindsame und zarte Darstellung von Taylor Hickson in der Rolle von Ballas Schwester Natasha, die ihr Geheimnis nur zögernd enthüllt und sich in der Schule Anfeindungen gefallen lassen muss. Überhaupt – es ist keine heile Welt der High-Schools, die hier dargestellt wird: Beschimpfungen auf Schränken geschmiert, Schüler offen ausgegrenzt, brutal geschlagene Wunden.
 

Fazit:

Doch bei der ganzen Unentschlossenheit wird klar, dass die Erkenntnis über die sexuelle Orientierung nicht an einem Tag kommen oder an einem Erlebnis festgemacht werden muss. Giant Little Ones zeigt, dass der Weg auf der Suche nach der Orientierung nicht einfach ist und schmerzhaft sein kann. Gezeigt wird aber auch, dass ein aus den Fugen geratenes Leben, wieder auf die Schiene gesetzt werden oder sich in eine neue Richtung entwickeln kann, ohne dass der bisherige Weg als Fehler empfunden wird. Giant Little Ones ist anrührend, bewegend und Mut machend – ein schöner Film über das Erwachsenwerden.

Bilder & Cover: © EuroVideo Medien

Giant Little Ones

  • Darsteller: Josh Wiggins, Darren Mann, Kyle MacLachlan, Taylor Hickson, Maria Bello
  • Originaltitel: Giant Little Ones
  • Produktionsjahr/Land: 2018 / Kanada
  • Genre: Drama
  • Filmlänge: DVD ca. 90 Min, BD, ca. 93 Minuten
  • FSK: 12

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