Meine beste Freundin Anne Frank

Film-Kritik von Theresa Mürmann

Ihr Name ist weltbekannt: Anne Frank. In ihrem Tagebuch und ihrer eigenen Geschichte zeigt sich all das Leid und das Grauen des Holocausts. Zwei Jahre lang lebte sie mit ihrer Familie in dem Hinterhaus-Versteck in Amsterdam, bevor sie 1944 verraten wurden. Ein Jahr später starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen und fiel damit dem nationalsozialistischen Holocaust zum Opfer.

Anne Franks Leben wurde schon in vielfacher Form erzählt: in Büchern, Filmen (bspw. der neue Animationsfilm „Where is Anne Frank“) oder in einer Graphic Novel. Auch in der Verfilmung Meine beste Freundin Anne Frank geht es um sie – jedoch nur als Nebenfigur. Denn die Protagonistin ist ihre beste Freundin Hannah Goslar. Seit dem 1. Februar 2022 ist der Film, welcher bereits im vergangenen Jahr in den Niederlanden erschien, auf Netflix zu sehen.

Zwischen Normalität und Grauen

Das Auffallende an dem Film sind seine Farben, denn er hat eine helle und eine dunkle Seite: Hell sind die Erinnerungen Hannahs an die gemeinsame Zeit mit ihrer Freundin Anne in Amsterdam. Dunkel ist das Leben im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Trotz deutscher Besatzung und der alltäglichen Diffamierungen und Anfeindungen als Jüdinnen erleben die beiden eine weitgehend fröhliche gemeinsame Kindheit. Wenn sie zu zweit sind, dann sind sie voll in ihrem Element: verkleiden sich, tanzen und träumen ihr Leben. Anne möchte gerne die große weite Welt bereisen, Hannah, die von ihrer Freundin liebevoll „Hanneli“ genannt wird, will Krankenschwester werden. Anne ist die Selbstbewusste der beiden Mädchen, Hannah die Vorsichtige und Schüchterne.

Der Film führt den Zuschauer*innen vor Augen, dass Hannah und Anne trotz der alltäglichen Gefahr durch die deutschen Soldaten und den Krieg ein fast normales Teenager-Leben führten. So haben auch sie in ihrer Pubertät mit dem Übergang zwischen Kindheit und Jugend zu kämpfen. Hannah spielt gerne noch auf der Straße Ball, Anne ist das zunehmend peinlich und trifft sich mit anderen Mädchen zum Schminken. Anne ist schon interessiert an Sexualität und Aufklärung, Hannah dagegen noch gar nicht. Jungs, Beauty und Zickereien untereinander – all das gehört zum Alltag der Beiden dazu.

Meine beste Freundin Anne Frank offenbart die große Bewunderung Hannahs für ihre selbstbewusste und starke Freundin Anne. Sie ist für Hannah das große Vorbild. In schwierigen Situationen hält sie daher immer einen Moment inne und fragt sich: „Was würde Anne jetzt tun?“ Ihre innige Freundschaft und das bedingungslose Vertrauen zueinander zeigen sich dann im späteren Verlauf des Films, wo die beiden im KZ Bergen-Belsen wieder aufeinandertreffen.

Die unbeschwerten Szenen werden zunehmend weniger, als immer mehr jüdische Familien in ihrem gemeinsamen Umfeld verschwinden oder abgeholt werden. Angst und Sorge treiben die Familien Goslar und Frank um. Doch von dem Versteck der Franks im Hinterhaus weiß Hannah nichts. Sie ist traurig und enttäuscht, als sie von der angeblichen Flucht Annes in die Schweiz erfährt. Sie wollte doch eigentlich mitkommen…

Das Wiedersehen im Konzentrationslager

Getragen von diesen Erinnerungen an ihre Freundin Anne lebt Hannah zwei Jahre mit ihrer kleinen Schwester Gabi im KZ Bergen-Belsen. Dort sind sie mit anderen Frauen in einer engen Halle untergebracht. Ihren Vater besuchen sie regelmäßig im Krankentrakt. Das Leben ist geprägt von einem traurigen Alltag: Hannah ist für die Entsorgung des Urins und der Fäkalien der provisorischen Toilette zuständig. Morgens müssen alle zum Appell antreten und im Anschluss Arbeiten verrichten, wie z.B. Handarbeiten. Immer präsent sind der Hunger, die Kälte und der Schmutz im Lager. In all diesem Elend ertönt plötzlich das so vertraute Pfeifen Annes. Hannah weiß, ihre beste Freundin ist hier!

Hannah trifft Anne tatsächlich wieder im KZ Bergen-Belsen, wenn auch getrennt durch eine große Wand. Hannahs Seite ist als Austauschlager „etwas weniger qualvoll“ als die von Anne, welche unter großem Hunger, Krankheiten und Läusen leidet. Hannah erfährt erst im KZ, dass die Franks sich damals versteckt hatten und gar nicht in die Schweiz gefahren waren. Eine sehr berührende Szene ist diejenige, in der Hannah ihren Vater darum bittet, für Anne noch länger im KZ zu bleiben. Sie möchte sie nachts heimlich mit Essen und Medikamenten versorgen. Eigentlich sollen Hannah, Gabi und ihr Vater gegen Nazi-Häftlinge ausgetauscht werden, doch Hannah bittet ihren Vater alleine zu bleiben. Die Versorgung Annes gibt Hannah eine neue Kraft und Energie: Sie muss ihr helfen. Diese Liebe und Fürsorge ihrer todkranken Freundin gegenüber versprühen so viel Hoffnung und Zuversicht. Annes Freude über das Wiedersehen Hannelis ist förmlich spürbar. Ihre enge Freundschaft ist ein Licht im Dunkeln, auch wenn Annes Leid zu groß ist und sie kurz darauf stirbt.

Fazit

Meine beste Freundin Anne Frank ist ein Film, der insbesondere für Jugendliche zur Vermittlung der Verbrechen der Nationalsozialisten und des unfassbaren Leids der Opfer des Holocausts geeignet ist. Die Brutalität und Gewalt wird nicht schonungslos offen gezeigt, aber die Grausamkeit und Verachtung, denen sich die Menschen im Konzentrationslager gegenübersehen, wird dennoch offenbar. Eine klare Empfehlung!

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