36 Fragen an dich von Vicki Grant

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel 36 Questions that changed my mind about you, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Heyne , 336 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: Witzig, temporeich, originell und mitreißend …

...das ist »36 Fragen an Dich«, und das von der ersten Seite an. Bereits auf der 12. Seite »hatte« mich das Buch, es hat mir nämlich gleich den ersten Lacher entlockt. Danach folgten noch einige, das vorweg. Doch welche Tiefe dieses romantisch-charmante Buch noch zu bieten hat, hat mich vollends überzeugt. Hildys fahrige, witzige Art ist einfach mitreißend und scheint – trotz aller Exzentrik – mitten aus dem Leben zu kommen.

Ein Experiment mit weitreichenden Folgen

Hildy macht bei einem Psychologie-Test mit – aus Neugier – und der gutaussehende, rätselhafte Paul auch, aber aus Geldnöten. Unterschiedlicher können die Voraussetzungen kaum sein. Kein Wunder also, als Hildy – die den Test sehr ernst nimmt und gewissenhaft »abliefern« möchte, sich schnell an der Schnoddrigkeit ihres Gegenübers stört. Dumm nur, dass sie ihren Gesprächspartner auf Anhieb sehr attraktiv findet. Paul versucht sich zunächst auf Distanz zu halten, muss aber bald einsehen, dass Hildy es immer wieder schafft, ihn aus dem Konzept zu bringen.

Die 36 Fragen, die im vorliegenden Roman Thema sind, stammen tatsächlich aus einem psychologischen Test, der von dem US-Psychologen Dr. Arthur Aron entwickelt wurde. Dies sollte seiner Studie »Die experimentelle Erzeugung zwischenmenschlicher Nähe« dienen. Es galt festzustellen, ob sich Paare auf diese Weise annähern können und – was noch wichtiger ist – ob sie sich tatsächlich darüber ineinander verlieben können. Das Experiment sah vor, dass sich Paare, die sich vorher überhaupt noch nicht kannten, gegenseitig 36 Fragen stellen und beantworten. Von allgemeinen und unverfänglicheren Fragen ausgehend, werden die angesprochenen Themen immer intimer und zum Teil auch unangenehm, sofern man sie ehrlich beantworten will. Und darum geht es im weiteren Verlauf dieser Geschichte auch. Um Ehrlichkeit und die Frage, ob man mit 36 Fragen wirklich eine Liebesbeziehung herstellen kann.

Dabei soll der Effekt »Der Frosch im Kochtopf« hilfreich sein, denn wenn die Fragen erst harmlos beginnen und später ans Eingemachte gehen, ist man bereits im Antwortmodus eingespielt und gibt Dinge von sich preis, die man sonst nach so kurzer Zeit nicht erzählen würde. Vielleicht würde man sie sich selbst noch nicht einmal eingestehen.

Auch Paul und Hildy machen diese Reise – und das mit einer am Ende schonungslosen, aber sehr berührenden Ehrlichkeit.

Eine moderne Romantik-Komödie, einfach filmreif!

Die kanadische Autorin Vicki Grant nimmt zu Beginn dieser ebenso amüsanten wie mitreißenden Romanze den Blick des beobachtenden Erzählers ein, der den Akteuren über die Schulter schaut. Als sich die beiden Protagonisten zum ersten Mal begegnen, wechselt sie über in eine reine Dialogform. Das macht den Zugang zu den beiden Protagonisten ganz unmittelbar und als Leser findet man unversehens in die Geschichte; ist es doch so, als würde man als »stilles Mäuschen« dabei sein, wenn die ersten Fragen gestellt werden. Wer wäre da nicht neugierig? Allein schon die Fragen haben mich interessiert. Doch das gegenseitige Interview geht nicht ganz problemlos vonstatten. Denn, wie bereits erwähnt, die Motive der beiden sind sehr gegensätzlich.

Im weiteren Verlauf stellt die preisgekrönte Drehbuchautorin ihr dramaturgisches Talent unter Beweis. Die reine Dialogform liest sich wie ein Film. Die gut gesetzten Absätze spiegeln die Pausen und das Ungesagte sehr gut wieder – und das ohne jegliche Erklärungen. Das macht den »Filmmoment« aus, bleibt das Geschehen im Detail doch ganz unserer eigenen Vorstellungskraft überlassen. Für mich ein Schlüssel- Moment, denn ich konnte mir problemlos ein Bild machen, von ihrem Aussehen, ihre Art zu sprechen, ihre Blicke und Gesten. Der Raum – vielleicht eine Art Klassenzimmer oder ein kleiner fensterloser Uni-Raum – ist dabei vollkommen nebensächlich. Als Leser/in fühlt man sich auf Anhieb ganz und gar im Geschehen.

Das ist eine sehr clevere Herangehensweise, denn so werden die Leser ohne großes Vorgeplänkel unmittelbar ins Geschehen, sprich, mit in das Experiment geschickt.

Vicki Grants Erzählweise wechselt wiederum, als Hildy so aufgebracht ist, dass sie einen Fisch nach Paul wirft, um sogleich dramatisch aus dem Raum zu stürmen.

»PAUL: Oh mein Gott. Hast Du mich gerade mit deinem Fisch beworfen?!«

Das tut Hildy hinterher auch leid, wie wir dann erfahren dürfen – wieder aus der auktorialen Erzählweise heraus – nicht nur um den armen Fisch, sondern auch weil sie fürchtet, sich vor dem ziemlich coolen Typen lächerlich gemacht zu haben.

In dieser Erzählform erfahren wir etwas über Hildys Leben, ihre Freunde und auch was für sie rückblickend nicht gerade, sagen wir mal, optimal mit dem männlichen Geschlecht gelaufen ist. Ihre Freunde Xiu und Max wirken dabei zwar etwas, wie die angesagten Hipster mit besonderen Macken und sie erinnerten mich stark an das Buch »The Perks of Being a Wallflower« (2009) von Stephen Chbosky. Nichtsdestotrotz sind die Dialoge witzig und das Geschehen lebendig und greifbar.

Hildys Familienleben wird uns im Verlauf des Romans Stück für Stück ebenso näher gebracht – und es ist erschreckend, wie zerstört ihre einst so glückliche Familie ,für die sie Paul so sehr beneidet, ist. Ein weiterer Aspekt, der mir zu diesem Thema gut gefiel: Geschickt zeigt Vicki Grant wie sehr auch Paul voller Vorurteile und Missgunst ist und wie groß Hildys Widerstand ist, sich anzuvertrauen, um Hilfe zu bekommen. Dies verleiht dem sonst sehr unterhaltsamen und witzigen Roman eine ernsthafte aber nicht unangenehme Seite, die es eben deshalb lesenswert macht; bringt sie doch einen weiteren, sehr ge-wichtigen Spannungsbogen herein.

Immer wenn Paul Hildy in den Chat-Modus gehen, gehen auch wir zeitweilig wieder in die Dialogform über, immer wieder angereichert mit witzigen Illustrationen von Paul, der ein sehr guter Zeichner ist.

Auf diese Weise haben wir als Leser schon viel über Hildy erfahren, wobei Pauls Leben weitestgehend im Dunkeln bleibt.

Das ist ebenfalls ein kluger Kniff der Autorin, denn so bleiben wir ganz in Hildys Perspektvie und erfahren wir sie erst nach und nach, wie Pauls Leben wirklich aussieht – und auch, dass er wirklich ehrlich geantwortet hat.

Die turbulenten und sogar dramatischen Wendungen, mit denen Grant ihren Roman noch sehr wirkungsvoll unterfüttert, machen die Sache rund. Kurz, ein toller Roman, der auch das Potential hat, ein richtig guter Film zu sein – und das nicht nur für Jugendliche, was für mich auch zweifellos für das Buch gilt. Und das Drehbuch dazu wird Vicki Grant ganz sicher nicht schwerfallen.

Fazit

»36 Fragen an Dich« ist witzig, lebendig, glaubwürdig, romantisch und von der ersten Seite an spannend. Aber auch sehr berührend – auf eine außergewöhnliche, erfrischende Weise. Kurz, einmal angefangen, ist dieser Roman einfach unwiderstehlich.


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