Und wenn die Welt verbrennt von Ulla Scheller

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Heyne , 432 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 16 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: Isolation, Panik, Verlorenheit wie kann da eine Liebe gedeihen?

Felix malt mit seinen Kreiden auf dem Pflaster eines immer gleichen Platzes in der Münchner Innenstadt, fast jeden Tag. Er sieht viele Menschen, fängt sie in seinen vergänglichen Malereien ein. Die Frau mit Hund, die Mutter mit Kind, der Geschäftsmann …und dann sieht er eine junge Frau, die er einfach faszinierend findet. Er fängt sie mit wenigen Strichen ein. Sie wirkt entrückt, traurig; er spricht sie an, zeigt ihr das Portrait. Doch kaum blickt er in einer andere Richtung, ist sie plötzlich verschwunden. Sie ist bereits auf der Flucht, vor jemanden, vor sich selbst und vor ihrer Vergangenheit, von der niemand etwas erfahren darf.

Ein ständiges Annähern und Entfernen

Die junge Frau ist Alisa und sie lebt in ihrem eigenen Albtraum. Warum, erfahren wir über lange Strecken nicht. Nur, dass sie sich, nach dem was sie getan hat, kein Glück gönnt. Dennoch fühlt sich Alisa von dem fröhlichen und lebensbejahenden Felix magisch angezogen. Mit aller Vorsicht und allem Misstrauen zum Trotz, werden die beiden schnell ein Paar. Doch immer wieder zieht sich Alisa nicht nur körperlich sondern auch emotional von Felix zurück. Er ahnt, dass etwas ganz und gar nicht mit ihr stimmt, will sie aber nicht drängen. Dann, eines Nachts, als sie schläft, beantwortet er eine SMS auf ihrem Handy. Was er schreibt, erfahren wir nicht, nur dass er hofft, dass der Schreiber sie endlich in Ruhe lässt; sie erstarrt jedes Mal förmlich, wenn eine dieser Nachrichten eingeht. So weit so mysteriös.

Auch Felix hat seine Probleme, und zwar mit seinem Überbruder. Sein älterer Bruder ist aus der Enge des Elternhauses früh ausgebrochen und sehr erfolgreich. Er ermöglicht Felix ein angenehmes Leben und ist ihm ein Vorbild, da er so denkt Felix – überhaupt in allem der beste und größte ist. In dessen Schatten gefangen, fällt es Felix jedoch schwer sich zu entwickeln, seine eigenen Wege zu gehen. Zumal seine Leidenschaft für die Malerei von seinem Vorbild nur belächelt wird. Doch dann begeht sein Bruder einen großen Fehler und verliert vor Felix seine Glaubwürdigkeit. Da es Felix gelungen ist, eine Verbindung zu Alisa aufzubauen, hat er zum ersten Mal in seinem Leben die Kraft, sich von seinem großen Bruder zu lösen. Doch die Beziehung zwischen Alisa und Felix ist alles andere als beständig. Immer wieder stößt Alisa Felix vor den Kopf, so heftig und unerwartet, dass es anrührend ist, wie Felix sich immer wieder um ihre Liebe bemüht. Wiederholt fortgestoßen, sucht er stets die Schuld bei sich und versteht nicht, dass er nicht der Grund ist sondern nur das Opfer, das ausversehen mit in diesen dunklen Sog gezogen wird.

Alisa und Felix wohnen bereits zusammen, zumindest ist Alisa immer seltener in ihrer eigenen Wohnung, da taucht plötzlich Alisas Bruder auf und Felix muss sich eingestehen, dass er sehr eifersüchtig ist auf diese innige Geschwister-Beziehung. So außen vor gelassen, versucht er dennoch hinter das Geheimnis der beiden zu gelangen auch hier entsteht zwischen den beiden jungen Männern ein vorsichtiges Annähern, das von großem Misstrauen und nebulösen Geheimnissen überschattet wird. Für Felix ist der hochtalentierte Adrian eine Bedrohung in mehrfacher Hinsicht. Er fühlt sich ihm gegenüber nicht nur minderwertig, sondern auch von Alisa getäuscht.

Jeder Moment wird minutiös beschrieben

In teilweise sehr knappen Kapiteln, in den Tagen vom 10. April bis zum 23. September, erzählt Ulla Scheller von dem Sommer einer Liebe.

Wie kleine Staubpartikel im Sonnenschein, nimmt sie jede Kleinigkeit auf, betrachtet sie und schildert sie abwechselnd aus der Perspektive von Alisa und Felix. In dieser sehr achtsamen Erzählweise scheint die Zeit nur in den einzelnen Daten der Kapitelüberschriften eine Rolle zu spielen. Die Bedächtigkeit, mit der Ulla Scheller ihre beiden Protagonisten erzählen lässt, verleiht dem Roman eine unwirkliche, ja geradezu entrückte Atmosphäre. Dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Konstrukt wird noch dadurch unterstrichen, dass Alisa in der Gegenwart und Felix der Vergangenheit erzählen.

Kurz auf einander folgende Perspektivwechsel machen einige Momente greifbarer, aber in der Mehrheit bleiben wir Leser außen vor, können die beiden kaum (be-) greifen. Mir persönlich waren Alisas Nöte und Probleme häufig zu nebulös, als dass ich wirklich Empathie empfinden konnte. Es wirkt zum Teil aufgesetzt und gewollt, wenn sie ihren Tanz der Annäherung und Entfernung vollführt. Es scheint, als könne sie sich gar nicht kontrollieren und würde durch ihre mangelnde Impulskontrolle überhaupt keine Rücksicht auf ihr Gegenüber nehmen; Felix dagegen, ausnahmslos geduldig und langmütig, ist mir da ebenso ein Rätsel. Und wenn man denkt, endlich wird der Schleier dessen gelüftet, das so unglaublich schrecklich sein muss, um sich so zu verhalten; dass man endlich erfährt, was wirklich passiert ist, fällt wieder eine Tür zu.

Ein sehr langer Weg

Die Idee, eine Geschichte aus den Perspektiven ihrer beiden Hauptdarsteller zu schildern, macht die Geschichte aus sich selbst bereits interessant. Die Sprache von Ulla Scheller ist ausnahmslos schön, sehr präzise und unverbraucht zugleich. Sie erschafft passende und überraschende Bilder, Gleichnisse der Einsamkeit und widerstreitender Gefühle.

Dein schmaler Körper, wie fest deine glatte Haut über den Knochen gespannt war, wie klein sich das Leben in dir machen musste brach mir das Herz.

Das sind sehr berührende Worte, die Alisas Verbundenheit zu ihrem Bruder zum Ausdruck bringen, aber auch ihre Hilflosigkeit. Dies Gefühl beschlich mich auch hinsichtlich der eigentlichen Dramaturgie ich hatte das Gefühl, dass die Autorin nicht wusste, wie sie die Zügel der Handlung straff in den Händen behalten soll, um die Spannungskurve aufrecht zu erhalten; als würde sie über weite Strecken Rettung in der ausgefeilten Sprache suchen.

Ihre Allegorien sind ungewöhnlich, frisch und unmittelbar, keine Frage. Doch der Stillstand und damit die gedrückte Stimmung sind allgegenwärtig. Gute, unbeschwerte Momente, in denen man denkt, nun können die beiden Protagonisten endlich frei atmen, werden jäh zerstört, zerdacht und in voller Fahrt ausgebremst. Die Lähmung übertrug sich auch auf mich und ich ertappte mich dabei, dass ich was ich sonst aus Überzeugung vermeide vorblätterte, um zu sehen, wann denn endlich eine Wendung eintreten würde.

Diese tritt ein, aber leider erst auf den letzten 100 Seiten, etwa ab Seite 330, als die Protagonisten endlich aus ihrer Starre erwachen und – auch und gerade Felix nur allzu menschliche Schwächen zeigen.

Erst ganz am Ende begreift man, warum die Autorin zu dem Stilmittel gegriffen hat, ihre Protagonisten in verschiedenen Zeitformen erzählen zu lassen und vielleicht auch, warum eine frühere Offenbarung Alisas nicht möglich war. Daher finde ich das Buch für Jugendliche ab 14 Jahren ungeeignet. Es bedarf schon einer gehörigen Portion an Leseerfahrung und Geduld, um bei der Geschichte zu bleiben. Nichtsdestotrotz bleibt sie haften, in ihren Stimmungen und in ihren Widersprüchen.

Fazit:

Es mag jeder selbst bestimmen, für wie realistisch er die Geschichte von Felix und Alisa hält. Mir jedenfalls kommt sie etwas unwirklich und zu gewollt vor. Das mag auch an der Distanz zu den Protagonisten liegen, sie wirken so fern und idealisiert, so wenig greifbar, und das, obwohl die Beschreibungen so detailreich und voller Eindrücke sind. Daher ist der Roman mit seiner frischen, unverbrauchten Sprache von einer besonderen Poesie. Dennoch bleibt ständig eine Schwere.


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