Schöne Khadija

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Boje, 2010, Titel: 'Where I belong', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9

Leser-Wertung

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Rita Dell'Agnese
Zum Sichtwechsel verführt

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2012

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Zum Sichtwechsel verführt"

Auf Befehl ihres Vaters muss Khadija Somalia verlassen, um in London als angebliche Tochter einer somalischen Familie zur Schule zu gehen. Denn Khadija soll eine bessere Zukunft haben und dereinst in der Lage sein, ihre wahre Familie in Somalia finanziell zu unterstützen. Die Einreise nach England erweist sich für Khadija dank gefälschter Papiere als problemlos. Dank ihres neuen "Bruders" Abdi lebt sich Khadija schnell ein. Da erfährt sie, dass in Somalia eine böse Dürre herrscht und ihre Familie dringend auf Hilfe angewiesen ist. Gerade, als sich Khadija verzweifelt fragt, wie sie Geld verdienen könnte, wird sie von der Modemacherin Sandy Dexter angesprochen. Diese möchte das stolze junge Mädchen als Model für eine spezielle Kollektion engagieren. Aber noch bevor Khadija eine Entscheidung fällen kann, wird in Somalia ihr Bruder entführt. Die Gangster verlangen von der verzweifelten Khadija ein horrendes Lösegeld.

Gillian Cross verführt ihre Leserinnen und Leser dazu, einen Sichtwechsel zu wagen. Sie schlüpfen in die Haut einer jungen Immigrantin, die nichts lieber tun würde, als umgehend in ihre Heimat zurück zu kehren. Doch dies ist ihr unmöglich, denn das Schicksal ihrer Familie liegt in ihrer Hand. Auf eine unspektakuläre, aber durchaus wirkungsvolle Art macht die Autorin deutlich, dass die Einwanderungsproblematik zwei Seiten hat. Indem sie aufzeigt, wie es Khadija in dem ihr unbekannten Land geht und mit welchen Sorgen sie die Ereignisse in ihrer Heimat beobachtet, schafft sie Verständnis für die Lage der Immigrantin.

Zu einer besonderen Form von Sichtwechsel verleitet Gillian Cross aber auch durch die gewählte Aufteilung der Kapitel. Sie lässt nämlich nicht nur Khadija zu Wort kommen, sondern auch deren neuen Ziehbruder Abdi, der dem fremden Mädchen mit gemischten Gefühlen begegnet, sowie Freya Dexter, Tochter der Modeschöpferin Sandy Dexter, die im gleichen Alter wie Khadija ist. Durch dieses Dreigespann – das Ganze wird noch ergänzt durch kurze Einschübe über die Ereignisse in Somalia – bekommt der Roman sehr viel Tiefe und beleuchtet verschiedenste Facetten.

Die Autorin verzichtet darauf, Khadija zu einer Heldin hoch zu stilisieren. Sie lässt das Mädchen sein, was sie immer war: eine heranwachsende Frau aus Somalia, die bereit ist, ihr eigenes Schicksal dem Wohl ihrer ganzen Familie unterzuordnen. Damit repräsentiert Khadija ihr Volk, das sehr klare Verhaltensregelungen kennt, die mit den gesellschaftlichen Normen Englands zum Teil auf Kollisionskurs sind. Ohne besonders darauf hinzuweisen, öffnet Gillian Cross den Blick ihrer Leserschaft für diesen Umstand.

Erzählt wird die Geschichte in einer herzhaften Offenheit, wobei durch die gewählte Sprache und ihre sehr schön ausgearbeiteten Nuancen problemlos deutlich wird, wessen Gedanken und Erlebnisse hier gerade gespiegelt werden. Zudem ist die Kapitelführung übersichtlich, es besteht also zu keinem Zeitpunkt Gefahr, etwas zu verwechseln.

FAZIT

Gillian Cross fordert ohne große Gesten dazu auf, genauer hinzusehen und sich mit der Sicht der anderen vertraut zu machen. Sie packt die Kriegsproblematik ebenso wie die fremde Kultur Somalias in einen Roman, der sich flüssig liest und sowohl hinsichtlich Spannung, als auch in Bezug auf Charaktere und Sprache kaum Wünsche offen lässt. Ein wirklich gelungenes und zum Nachdenken anregendes Buch.

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