Die Schattenträumerin

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Planet Girl, 2012, Originalausgabe

Couch-Wertung:

7
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Carsten Kuhr
Wo die Gondeln einen Fluch tragen

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Feb 2012

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Wo die Gondeln einen Fluch tragen"

Venedig steht im Zentrum des Romans.
Die Stadt der Kanäle und Lagunen. Die Stadt, in der einst die Dogen regierten und in der die Medici nie richtig Fuß fassen konnten. Die Stadt, die langsam aber sicher in den Fluten des Mittelmeeres versinkt.

Die Saison, in der Horden von Touristen über die Lagunenstadt hereinbrechen, reicht vom Karneval bis in den goldenen Herbst hinein. Im Winter haben die Einheimischen ihre Stadt dann wieder fast ganz für sich. Dieses Jahr aber beherbergt die Stadt der Gondeln in der nachweihnachtlichen Zeit zwei besondere Gäste.

Am 2. Weihnachtsfeiertag reist die 16-jährige Francesca di Medici per Zug zu ihren Verwandten nach Venedig. Die im fernen Deutschland Aufwachsende ist der letzte Spross des venezianischen Zweiges der Familie, die noch den altehrwürdigen Namen di Medici trägt. Als ihre Großmutter sie dringend in den alten, heruntergekommenen Palazzo ruft, ahnt sie nicht, dass ihre Alpträume, die sie seit Jahren plagen, mehr sind als einfache Alpträume.

In diesen wird sie von einem Schatten verfolgt. Ein Schatten, der mit ihrer Familie verbunden ist und mit einem Geheimnis, das tief in der Vergangenheit wurzelt.
Im Jahre 1618 wurden auf der Piazza vor dem Dogenpalast zwei Männer in finsterer Nacht hingerichtet. Der Rat der Zehn, die Herrscher über die damalige Weltmacht Venedig, waren auf der Suche nach einem Buch - einem Werk über dunkelste Magie.

Einer der beiden Getöteten, Alessandro die Medici, hatte als Schwarzmagier die Toten herbeizitiert und seine Gegner mit Flüchen bedacht. Vor seinem Tod noch, durch die Folter schwer angeschlagen, verflucht er die Stadt: Venedig solle untergehen!
Der Dämon Nyalarth, den er dafür herbeigerufen hat, sucht seitdem nach dem Buch, um genau diesen Auftrag zu erfüllen, aber auch, um seinen dämonischen Brüdern ein Tor in die Welt der Menschen zu öffnen.
Doch der Fluch trifft nicht nur die Stadt, die immer tiefer im Morast versinkt, sondern auch die Familie desjenigen, der den Fluch ausgesprochen hat. Alpträume, Armut und Krankheit begleiten den Niedergang der einstigen Bankiersfamilie.

Nyalarth, der Venedig in der steinernen Maske eines Pestarztes auf der Suche nach der Erbin der Medici durchstreift, ist Francesca dicht auf den Fersen. Denn sie ist die Einzige, die ihn zu dem begehrten Buch führen kann.
Wenn Francesca sich, ihre Familie und die Stadt retten will, muss sie das Undenkbare tun: Sie muss die Toten beschwören.

Werte-Roman im Gewandt eines faszinierenden Abenteuers

Romane, die in Venedig spielen, gibt es viele. Ob Agentenromane, Kriminalgeschichten oder historische Abenteuer, die Stadt am und im Meer hat es den Autoren angetan.
Auch in der Phantastik wird diese Kulisse gern und regelmäßig genutzt – ich erinnere nur exemplarisch an Kai Meyers beliebte Merle-Trilogie, Cornelia Funkes "Herr der Diebe" oder Eva Völlers "Zeitenzauber".

Janine Wilk erzählt uns in einem unauffälligen und gleichzeitig sehr angenehm zu lesenden Stil ihre ganz eigene Geschichte.

Vordergründig geht es einmal mehr darum, Rätsel aufzuklären. Wer steckt hinter den Alpträumen? Was verschweigt die offizielle Familienchronik? Wer ist der mysteriöse Verfolger? Und wie kann Francesca diesen aufhalten und das drohende Unheil abwenden?

Zwischen den Zeilen der abenteuerlichen Geschehnisse aber hat Janine Wilk etwas viel Wichtigeres versteckt.
Es geht der Autorin in erster Linie darum, die Werte einer funktionierenden Familiengemeinschaft hochzuhalten.
Auch wenn sie sich zanken und streiten, die Medici halten zusammen, geben sich gegenseitig Halt und vertrauen einander. Ohne Hilfe und ohne Menschen, die einem bedingungslos unterstützen, geht es nicht im Leben. Diese Grundthese durchzieht den Roman.
Dabei haben alle Familienmitglieder ihre Päckchen zu tragen. Und die Generationen haben es nicht immer leicht miteinander. Doch gegenseitige Toleranz und das Akzeptieren des Anderen mit all seinen Schrullen und Makeln gehört dazu, erhält man doch immer die Liebe, die man gibt, in noch größerem Masse zurück.

FAZIT

"Die Schattenträumerin" ist nicht nur ein temporeiches Abenteuer vor faszinierender Kulisse, sondern ebenso ein Roman, der zum Nachdenken, zum Überdenken und vielleicht sogar zum sich Ändern anregen soll.
Auch wenn einige logische Ungereimtheiten auffallen, wenn manche Figuren beispielsweise zu stereotyp angelegt wurden, überzeugt das Buch als spannende Lektüre mit Tiefgang.

Die Schattenträumerin

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