Die letzte Nacht des Jahres

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

Destiny wird, seit sie ein Kind ist, von einem Internat ins nächste verfrachtet. Mit der Zeit gewöhnt sie sich ganz eigene Schutzmechanismen an. Sie lehnt es ab, ihren Mitschülern zu nahe zu kommen – weil sie weiß, dass sie früher oder später wieder gehen muss.

Als sie einem Fremden im Park des Internats Hedgebrook ihren Wunsch erzählt, einmal einen perfekten Tag zu erleben, ist ihr noch nicht klar, dass genau dieser Tag gerade begonnen hat: Auf dem Hof findet sie eine rosa Limousine und drei Mitschüler, die nichts dagegen haben, sich mit ihr auf einen Roadtrip zu begeben. Sie fahren nach Langdon, in die Heimatstadt von Destiny. Zusammen mit Aidan, Seth und Mira – drei Mitschüler, die Destiny nur flüchtig kennt – reist sie damit auch in die eigene Vergangenheit. Und sie beginnt, Freundschaft mit ihnen zu schließen.

Die Autorin Mary E. Pearson fängt eine Grundidee ein, die jeder von uns schon einmal hatte: Der perfekte Tag. Der Tag ohne Zufälle, denn alles ist so, wie es sein soll. Die Idee ist wunderbar, doch tröpfelt die Geschichte eher vor sich hin als dass sie fließt. Haben die vier Reisenden keinen Sprit mehr, finden sie eine Tankstelle. Haben sie Hunger, finden sie einen Hot-Dog-Stand. Wissen sie den Weg nicht, so fragen sie den Straßenhändler, der ausgerechnet Taglog spricht – wie Seth auch. Und wenn sie die Schuhe kaufen wollen, dann ist das nächste Schuhgeschäft nicht weit. Und so hangeln sich die Jugendlichen von einem Wunsch zum nächsten. Überhaupt besteht ein Großteil des Roadtrips aus Essen und Shoppen.

Doch das wäre alles nicht so schlimm. Wären die Charaktere liebenswert und interessant, würde man gerne einfach Zeit mit ihnen verbringen. Leider bleiben die Charaktere blass: Da ist Destiny, die behauptet, dass sie die Ticks und Eigenschaften der Menschen gut beobachten kann – und der völlig entgeht, dass Mira und Aidan offensichtlich ineinander verliebt sind. Da ist Seth, dessen einzige Eigenschaft wohl Coolness sein soll. Und Aiden, der intelligente Einserschüler, der ständig mit Wissen um sich wirft – aber trotzdem mitlacht, wenn der Lehrer veräppelt wird. Manchmal wirken die Mitfahrer nur wie Handpuppen, die die Dialoge am Laufen halten sollen. Die Gespräche sind aber ganz interessant. So spielen sie "Wahrheit oder Pflicht" und erzählen dabei Geschichten, die sie noch niemandem anvertraut haben. Und Destiny versucht, die anderen zu überzeugen, dass es keine Zufälle, nur Schicksal gibt. Gut, dass ihr Name das gleich vorwegnimmt: Er bedeutet übersetzt nichts anderes als "Schicksal". Sie erzählt beispielsweise die Geschichte von drei Schiffen, die im Abstand von 100 Jahren an der gleichen Küste gesunken sind – und der Überlebende hieß immer Hugh Williams.

FAZIT

"Ein Tag ohne Zufall" ist ein Buch, mit dem man für eine gewisse Zeit gerne zusammen ist, weil die Idee nett ist: Dieser perfekte Tag, einfach mal durchbrennen, weg aus dem Schulalltag und mit dem Auto die Straßen langdüsen  – wer will das nicht? Was der Leser aber nicht will, sind flache, nichtssagende Charaktere, die nicht die Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln.

Couch-Wertung:

6
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Rita Dell'Agnese
Der Vergangenheit ausgeliefert

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2011

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Der Vergangenheit ausgeliefert"

Eyja ist alles andere als glücklich, dass sie mit ihren Eltern ausgerechnet in eine Wohnung gezogen ist, die gegenüber dem Friedhof liegt. Der Blick aus dem Fenster erfüllt sie mit Unbehagen. Und da ist auch noch der geheimnisvolle Stuhl, den ihr Vater in einem Antiquitätengeschäft gefunden hat. Seit der Vater im Stuhl saß, ist er immer schwächer geworden und ringt mit dem Leben. Eyja ist überzeugt, dass das mit dem unheimlichen Stuhl zu tun hat. Wenn da nicht ihr neuer Freund Sölvi gewesen wäre, hätte Eyja nicht mehr gewusst, was sie tun soll. Der Junge, den sie auf der Straße kennen gelernt hat, unterstützt sie bei der Suche nach der Wahrheit.

Auf gerade einmal 173 Seiten erzählt die isländische Autorin Gerdur Kristny ein Geschichte, der ein eigener Zauber inne wohnt. Sie schafft es, das Düstere, das von diesem unheimlichen Lehnstuhl ausgeht, so spürbar werden zu lassen, dass sie kaum jemand dem dumpfen Unbehagen entziehen kann. Der Schmerz von Eyja, dass ihre alten Freunde sie schon kurz nach ihrem Wegzug vergessen haben, und sie sich in einer ganz neuen Umgebung behaupten muss, kommt als weiteres, bestimmendes Element hinzu. Entstanden ist daraus ein Gothic-Roman, der mit einigen faszinierenden Sequenzen aufwarten kann.

Subtil beschreibt die Autorin die Gefühle des jungen Mädchens Eyja, die spürt, dass mit dem Stuhl etwas nicht in Ordnung ist, aber in dieser Sache von niemandem ernst genommen wird. Oder von fast niemandem. Denn da ist ja noch Sölvi. Doch je länger sich Eyja mit ihrem neuen Freund trifft, desto seltsamer kommt ihr vor, dass sie weder seine Adresse noch seine Handynummer erfährt. Außerdem scheint Sölvi ebenso an den alten Briefen interessiert, die sie im Lehnstuhl gefunden haben, wie an ihrer Freundschaft. Sölvis Verhalten verunsichert Eyja zusätzlich und sie leidet unter der traurigen Stimmung, die seit der schweren Krankheit ihres Vaters herrscht. Gerdur Kristny dringt tief in dieses Gefühlschaos vor und nimmt auch die Leser mit auf diese Reise.

Die Geschichte, die erzählt wird, hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Sie ist spannend, lebt von durcheinander wirbelnden Gefühlen und diffusen Ängsten. Aber leider bleibt sie bei all den gut umgesetzten Elementen doch etwas zu stark an der Oberfläche. Das ist angesichts des sehr straffen Ablaufs denn auch kein Wunder. Es hätten durchaus ein paar Seiten mehr sein dürfen, um der düsteren Atmosphäre und dem Geheimnis um den Lehnstuhl mehr Raum zu geben. Denn es scheint, als hätte sich die Autorin eine große Beschränkung auferlegt, um den Umfang des Buches klein zu halten. Dies ist wirklich bedauerlich, ist da doch großes Potenzial verschenkt worden.

FAZIT

"Die letzten Nacht des Jahres" ist spannend und gut aufgebaut – aber die Geschichte ist zu stark zusammen gestaucht, um den Umfang des Buches klein zu halten. So passieren einige Entwicklungen etwas zu schnell und sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Dies ist sehr bedauerlich. Da aber Gerdur Kristny ihr Handwerk versteht, verspricht der Roman dennoch einigen Lesegenuss.

Die letzte Nacht des Jahres

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