Creepers - Der Fluch der Hexe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Baumhaus, 2008, Titel: 'Creepers', Originalausgabe

Couch-Wertung:

4
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Almut Oetjen
Courtney ist umgezogen

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2011

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Courtney ist umgezogen"

Die dreizehnjährige Courtney O’Brien ist mit ihren Eltern gerade nach Murmur gezogen, einer kleinen Stadt in Massachusetts, Neuengland. Das Haus liegt direkt neben einem Friedhof, auf dem kunstvoll gearbeitete Grabsteine stehen, die zum Teil 300 Jahre alt sind. Nach einem Feuer im Jahr 1712 waren nur noch das Fundament und der Keller erhalten, und 1719 wurde darauf ein neues Haus gebaut. Der frühere Bewohner war der Friedhofswärter und Steinmetz. An den Außenwänden des Hauses, an manchen Stellen im Haus und auf dem Friedhof wächst Efeu, was Courtney recht beunruhigend findet, ohne jedoch zu wissen, warum.

Die Nachbarn, der Historiker Christian Geyer und seine Tochter Margaret, erzählen Courtney die Geschichte des Hauses und des Ortes. Die Geyers sind mit dem alten Friedhofswärter verwandt, dessen Tochter Prudence 1712 im Alter von dreizehn Jahren starb. Eine Frau aus dem Ort, Gerüchten zufolge eine Hexe, soll dem Friedhofswärter geraten haben, als Symbol des Lebens die Ränder des Grabsteins mit Efeugravuren zu verzieren. Während einer weit zurückliegenden Zusammenlegung von Gräberfeldern wurde Prudence umgebettet. Niemand weiß seitdem, wo sie liegt. Christian und Margaret wollen ihr Grab finden. Courtney beschließt, den beiden zu helfen. Gemeinsam lesen sie die Aufzeichnungen des Friedhofswärters. Es dauert nicht lange, bis ein Unternehmen Häuser auf dem alten Friedhof bauen will. Die Geyers und die O’Briens schließen sich gegen das Unternehmen zusammen. 

Courtney sieht gelegentlich eine seltsame Frau auf dem Grundstück. Und sie kann dem Efeu beim Wachsen zusehen. Der Efeu scheint ein Eigenleben zu entwickeln.

 

Ein Mädchen ohne Vergangenheit

Das Buch ist schön gearbeitet, Einband, Schutzumschlag und Buchschnitt sind in Grün gehalten, einige Seiten sind mit Efeumotiven versehen. Die Erzählung wird ergänzt um Fotos, als Grafiken wiedergegebene Zeitungsartikel und Ankündigungen, schließlich um typografisch abgesetzte Tagebucheinträge und Briefe.

Inhaltlich ist "Creepers" weniger reizvoll. Die durch und durch berechenbare Geistergeschichte ist dünn besiedelt mit flachen, stereotypen Figuren. Alle sind sehr freundlich und liebenswert – bis auf den bösen Bauunternehmer, gegen dessen Vorhaben etwas unternommen werden muss. Man mag sich wundern, ob "Creepers" wirklich ein Jugendbuch sein soll. Es ist inhaltlich eher ein Kinderbuch, dafür allerdings ist es wiederum zu kompliziert geschrieben.
Courtney ist eine eigenartige Hauptfigur. Sie ist immer neugierig und mutig, auch wenn sie in Momenten den Efeu zum Fürchten findet. Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, die sie häufig um Rat fragt. Befremdlich ist, dass sie in ihrer neuen Umgebung ihr altes Leben "vergisst", ihr ehemaliges Zuhause und ihre Freunde, die sie zurückgelassen hat. Sie spricht nicht über ihr früheres Leben, sieht man einmal ab von der Bemerkung mit dem Inhalt, ein Neuanfang würde ihr gefallen und ihre ehemaligen Mitschüler würden jetzt auch in alle Winde verstreut und auf verschiedene Highschools gehen.

Die ganze Familie O’Brien hat keinen erkennbaren Hintergrund. Wir erfahren nicht, woher sie kommt und warum sie ausgerechnet in das Hinterland zieht. Insgesamt sind die Figuren auffällig leblos.

 

Eine klassische Geistergeschichte im Heute

Dahme konstruiert ihre Erzählung wie eine klassische Geistergeschichte. Damit dies bei einer Geschichte, die im Jahr 2008 spielt, auch einigermaßen funktioniert, verlegt sie die Handlung in die Nähe eines Waldes, in ein Haus, das alleine an einem Friedhof liegt. Dadurch stellt sich aber nur bedingt die Atmosphäre einer Geistergeschichte ein.

Bei der Begehung des Friedhofs erfährt Courtney ein wenig über die Vergangenheit, und wie in einem schlechten Horrorfilm sich Wolken zusammenziehen und es zu Blitzen, Donnern und Regnen beginnt, so auch hier und in einer späteren Szene, die ähnlich gestrickt ist. Als Courtney mit den Geyers in den Keller geht, riecht der muffiger nach Erde und Stein als am Tag davor. Häufig werden die Rahmenbedingungen so verändert, dass sie mit einer Bedrohlichkeit aufladbar sind, die zur Situation passt.

Welchen Sinn hat der Efeu? Ist er tatsächlich eine Bedrohung, weil er, jedes Mal, wenn er ausgerissen wurde, sofort wieder nachwächst? Wer sind die Geyers? Es gibt Anhaltspunkte, dass es sich um übernatürliche Wesen handeln könnte. Sind sie Geister, oder einfach nur ein wenig eigenartig? Was hat es mit der Frauengestalt auf sich, die sich Courtney manchmal zeigt und Ähnlichkeit mit der Hexe hat, zumindest in Courtneys Vorstellung?

Wir erwarten grundsätzlich Antworten auf diese und andere Fragen. Bis wir sie erhalten, spekulieren wir auf Grundlage der Informationen, die Dahme uns liefert. Dabei kommen uns Gedanken, die die Geyers in einem anderen Licht als zu Beginn erscheinen lassen. Als sie in der Stadt Handzettel verteilen, gibt Dahme einen Hinweis, der die Geschichte in eine Richtung lenkt, die wir schon früh als möglich angenommen haben. Manche der Fragen, die wir uns beim Lesen stellen, werden nicht beantwortet, obwohl dies nicht dramaturgisch bedingt ist.

 

Eine Dreizehnjährige erzählt aus der Rückschau

Courtneys Erzählperspektive erscheint nicht unproblematisch. In der Rückschau sollte ihre Erzählung Innensichten und Reflexionen beinhalten, da sie ja kein bürokratisches Werk abfasst, sondern für sie markante Erlebnisse wiedergibt. Es ist fraglich, ob Courtney diese Erlebnisse so erzählen kann, als würden sie gerade erst geschehen und die Erzählerin hätte keine sie prägenden Erfahrungen gemacht. Sogar mit ihren Emotionen angesichts der Erinnerungen ist sie äußerst zurückhaltend, sieht man einmal ab vom Efeu.

Ein weiteres Problem ergibt sich in diesem Zusammenhang mit der Sprache. Courtney ist in der erzählten Zeit (2008) dreizehn Jahre alt, das Buch ist 2008 erschienen. Mithin dürfte sie, wenn sie nicht aus der Zukunft heraus berichtet, auch während der Wiedergabe ihrer Erinnerungen dreizehn, allenfalls vierzehn Jahre alt sein. Da ist es schon bemerkenswert, dass sie Sätze sagt, wie:
"Pater Mather befürwortete die Verwendung von >Spektralbeweisen",
oder:
"Sie verlieh dem Efeu die Gabe, ihrer beider Lebensenergie – ihrem Geist – in irdischer Form Ausdruck zu verleihen.".
Courtney kann, während sie erzählt, nicht so alt sein, wie ihre Sprache vermuten lässt.

Obwohl die Geschichte im Heute angesiedelt ist, findet die Handlung fast ausschließlich in einem Umfeld statt, das gegen die moderne Welt abgeschottet ist. Wie glaubwürdig ist es, dass im 21. Jahrhundert ein Teenager (in den USA) so gar nichts im Sinn hat mit Internet, Twitter und Facebook? In keinem Moment werden diese Technologien erwähnt und in keinem Moment kommt Courtney auf den Gedanken, sie z.B. für Recherchezwecke einsetzen zu wollen. Stattdessen nutzt sie die Möglichkeiten einer zurückliegenden Vergangenheit, sieht man einmal ab von ihrem Handy.

FAZIT

Eine an sich reizvolle Geschichte wird weitestgehend emotionslos in einer Sprache erzählt, die nicht die Sprache eines (normalen) dreizehnjährigen Mädchens ist. Der Zusammenstoß von klassischer Geistergeschichte und dem 21. Jahrhundert führt in der Konstruktion der Geschichte zu dramatischen Verlusten beim 21. Jahrhundert. Stereotype, leblose Figuren und Handlungsklischees trüben den Lesegenuss. Schließlich enthält der Roman für seine rund 260 Seiten sehr wenig Handlung und viele Wiederholungen.

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