Numbers (2) - Den Tod vor Augen

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Chicken House, 2010, Titel: 'Numbers 02. The Chaos', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9
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Almut Oetjen
Mehr Drama und weniger Schicksal

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2011

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Mehr Drama und weniger Schicksal"

Im Jahr 2027 werden die Bewohner des englischen Küstenortes Weston-super-Mare evakuiert, weil eine Flutkatastrophe droht. Die Menschen werden nach London gebracht. Unter ihnen sind Adam und seine Urgroßmutter Val. Adam kann, wie seine Mutter vor ihm, sehen, wann Menschen sterben, oftmals fühlt er auch, ob es ein schmerzhafter oder friedlicher Tod ist. In London angekommen, wissen sie, dass ihnen auch hier eine Katastrophe bevorsteht. Adam findet heraus, dass Anfang Januar 2028 die meisten Menschen um ihn herum einen grausamen Tod sterben werden, dass sich die Welt grundlegend verändern wird.

Adam lernt Sarah kennen, die ebenfalls Visionen von etwas Furchtbarem hat. Sie träumt oft von einem verängstigten Mann, der mit ihrem Baby in eine Feuerwand läuft. Nur Sarah weiß, dass sie schwanger ist, und sie will ihr Baby vor der Welt, ihren Eltern und diesem unbekannten Mann schützen. Als sie Adam in der Schule trifft, gelangen alle ihre Angstgefühle wie Lava in einem Vulkanausbruch an die Oberfläche. Sie durchlebt eine beängstigende Mischung aus Verlangen, Schrecken und Hoffnung. Könnte Adam der Mann sein, der ihr im Traum das Baby wegnimmt? Als Adam in Sarahs Augen schaut, weiß er, dass sie den 01.01.2028 überleben wird. Er weiß nicht, warum sie solche Angst vor ihm hat. Während Sarah, um ihre Tochter zu schützen, davonläuft und sich bei den Junkies Vinny, Tom und Frank versteckt, überlegen Val und Adam, wie sie die Menschen vor der Katastrophe retten können. Dann gelangen Adam und Sarah unabhängig voneinander ins Visier der Behörden.

Eine Dystopie aus dem England der nahen Zukunft

Die globale Erwärmung hat England in ein gefährliches Gebiet verwandelt. Die Regierung hat, um nicht die Kontrolle zu verlieren, das Land mit einem elektronischen Überwachungsnetz überzogen. Der große Bruder weiß, wo die Menschen sich in der Außenwelt und im Internet bewegen, die Regierung hat bereits damit begonnen, die Menschen mit Mikrochips zu versehen, damit sie vollständig kontrollierbar sind.

Ward zeigt uns einige Menschen aus dieser neuen Welt, in der nicht nur Adam und Sarah beschädigt sind. Sie sind zwei Hauptfiguren, die sich völlig überfordert fühlen, verängstigt und verunsichert, die am liebsten woanders wären, ihre Gaben aber als etwas begreifen, das sie zum Handeln zwingt. Sarah stammt, anders als die weiteren zentralen Figuren, aus dem wohlhabenden Teil der bürgerlichen Mittelschicht. Je mehr wir über sie erfahren, desto stärker schleicht sich ein ungutes Gefühl ein, bis herauskommt, was es mit ihrem Zuhause tatsächlich auf sich hat.

Das Mädchen Meg bietet Sarah an, ihr zu helfen, will sie aber doch nur als Prostituierte für ihren Zuhälter Shayne mit in ihre Wohngemeinschaft bringen. Junkie Vinny erweist sich als liebenswert und hilft Sarah. Adams Mitschüler Nelson, ein Einwandererkind, wird ein Vertrauter Adams, weshalb seine Eltern Ärger mit den Behörden bekommen.

Der Roman ist durchsetzt mit düsteren Themen: Drogen, Kinderprostitution, eine Gesellschaft, die fleißig an die Tore des Faschismus klopft, Sicherheit statt Freiheit, Bekämpfung Andersdenkender zum Schutz der Gemeinschaft.

Mehr vom Gleichen und auch anderes

Der zweite Band ist nicht nur einfach eine Fortsetzung. Die Geschehnisse ereignen sich in der Zukunft, die gegenüber der Originalfassung in der Übersetzung von 2026/2027 auf 2027/2028 neu datiert wurde. Adam ist so alt wie seine Mutter Jem im ersten Band. Während in "Numbers. Den Tod im Blick" Jem alleinige Erzählerin ist, wechselt die Perspektive in diesem Buch zwischen Adam und Sarah. Adam hat die Gabe seiner Mutter geerbt, nimmt aber mehr als diese wahr, nicht nur das Todesdatum, sondern spürt auch, ob der Tod ein gewaltsamer ist oder nicht. Adam ist, hier punktet der Roman gegenüber seinem Vorgänger besonders, nicht ein konsequent dem Schicksal ergebener Mensch wie Jem.
Zwar sind manche Szenen in diesem Band nichts weiter als Variationen von Themen und Szenen des Vorgängers. Die gleichsam aus dem Nichts kommenden Wutausbrüche Adams sind in ihrer häufigen Wiederholung ein eher einfallsloses Mittel, um die Gefühlslage der Hauptfigur zu vermitteln. Da die Angst der Figuren ein wichtiges Moment der Erzählung ist, hätte die Autorin sich hier ein wenig mehr einfallen lassen können.

Insgesamt ist der Folgeband handlungsreicher als sein Vorgänger. Ward erzählt in wechselnder Perspektive die Handlung ihrer Geschichte so, dass die beiden Sichtweisen dennoch einen einheitlichen Erzählfluss erlauben. Man hat immer das Gefühl, es handle sich um ein geschlossenes Ganzes. Dazu trägt sicher bei, dass die Erzählerstimmen von Adam und Sarah sich nicht unterscheiden. Auch sind die Charaktere vielfältiger als im Vorgängerband, in dem es verschiedene unglaubwürdige Erwachsene gibt. Hier sind alle Personen nachvollziehbar.

In "Numbers. Den Tod im Blick" ergab sich die Spannung überwiegend aus der Flucht der beiden Hauptfiguren. "Numbers. Den Tod vor Augen" weist verschiedene Spannung erzeugende Elemente auf. Adam kann sein Todesdatum nicht sehen, hat Angst, eines der bevorstehenden Opfer zu sein und findet auch Hinweise darauf. Sarahs Alpträume, das bevorstehende "Großereignis", der ausufernde Überwachungsstaat, Spannungen zwischen Adam und Sarah, die Bedrohung Adams, die sich durch einen anderen Jungen ergibt – all dies trägt bei zur intensiven Stimmung des Romans.

FAZIT

"Numbers. Den Tod vor Augen" ist eine starke Fortsetzung des Erstlings, die dadurch interessanter wird, dass wir die Geschehnisse und wichtige Einschätzungen aus zwei Blickwinkeln beschrieben bekommen, uns gewissermaßen zu vielen Dingen eine zweite Meinung einholen können. Auch die Untergangsstimmung des ersten Buchs hat hier eine reizvollere Qualität, weil die Katastrophe sich erst noch ereignen soll und Endzeitausmaße anzunehmen scheint, wie die vielen Hinweise vermuten lassen. Am Schluss des Romans hängen wir in der Luft, werden zurückgelassen mit einem spannenden offenen Ende und wollen endlich die Fortsetzung lesen, die in England bereits seit Juni 2011 unter dem Titel "Numbers 3: Infinity" erhältlich ist.

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