Die Stadt der Regenfresser

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Loewe , 2009, Titel: 'Die Stadt der Regenfresser - Die Chroniken der Weltensucher 1', Originalausgabe

Couch-Wertung:

8

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Corinna Abbassi-Götte
Ein phantastisch-historisches Expeditionsabenteuer

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Okt 2009

[Jugendbuch des Monats - November 2009]
Eine Stadt in der Luft? Eine unglaubliche Vorstellung! In der wunderbaren Atmosphäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts macht sich eine Gruppe von Abenteurern auf den Weg, um genau diese legendäre Stadt  zu finden.

Im Prolog bekommt man bereits einen ersten, sehr vagen Eindruck von der Stadt der Regenfresser: Ein Forscher versucht mit Fotomaterial von dort zu fliehen, kommt jedoch nicht weit.
Berlin 1893 - Das erste Kapitel beginnt mit dem pfiffigen Taschendieb Oskar, mit dem man sich auf der Stelle anfreundet. Der überaus gewitzt vorgehende Langfinger hält Ausschau nach seinem nächsten Opfer und entscheidet sich für einen großen, breitschultrigen Herrn. Eine schlechte Wahl, wie sich bald herausstellt.
Zwar lässt der Respekt einflößende Herr sich problemlos die Geldbörse abnehmen, doch wenig später bemerkt er den Diebstahl und nimmt die Verfolgung auf. Oskar kann rennen so schnell er will, er wird den Verfolger nicht los – und bereits jetzt fiebert man mit und weiß doch schon: Den wird Oskar nicht los!

Und in der Tat, Oskars Tage als Taschendieb scheinen gezählt - doch dann kommt alles ganz anders. Der Herr entpuppt sich als niemand Geringeres als der uneheliche Sohn des berühmten Naturwissenschaftlers Alexander von Humboldts.
Eigentlich heißt er Carl Friedrich Donhauser, doch nach seinem Vater nennt er sich kurz Humboldt. Von ihm hat er wohl auch seinen Forscherdrang geerbt.

Seit kurzem befindet sich eine höchst faszinierende Fotoplatte in seinem Besitz, auf der große wespennestähnliche Unterkünfte zu sehen sind, die durch Strickleitern und Hängebrücken verbunden und zwischen denen die unterschiedlichsten Luftfahrzeuge zu sehen sind. Die Fotoplatte ist der erste Beweis für die Existenz der Stadt der Regenfresser.

Oskars Wahl war vielleicht doch nicht so verkehrt.
"Es heißt, sie seien mächtige Zauberwesen, denen es gelungen sei, die Fesseln der Schwerkraft zu zerschneiden und wie Vögel den Himmel zu beherrschen." erklärt Humboldt ihm. 
"Die Legende besagt, sie würden die Regenwolken durchkreuzen und dem Land darunter immerwährende Dürre bescheren. Sie seien so gut wie nie zu sehen, weil sie oberhalb der Wolken lebten. Es heißt, nur Eingeweihte können den geheimen Weg zu ihrer Stadt finden. Ein Weg, der von mächtigen Wächtern bewacht werde."

Gemeinsam mit Humboldts abenteuerlustiger Nichte Charlotte, der haitianischen Voodoo-Magierin Eliza und dem Kiwi Wilma brechen die beiden Richtung Peru auf. Ihre Reise führt sie zunächst zum Fundort der Fotoplatte in die Anden, genauer gesagt in das Gebiet des Canón del Colca.

Zur selben Zeit versieht der Zeitungsmogul Alfons T. Vanderbilt den Global Explorer-Journalisten Max Pepper mit einem für diesen höchst unwillkommenen Expeditionsauftrag. Vier weitere Fotoplatten sind aufgetaucht, die in der Tasche des seit kurzem in der Colca-Schlucht verschollenen Explorer-Forschers Harry Boswell versteckt waren.
Max soll daher ebenfalls nach Peru reisen und Boswell suchen, obwohl er doch am liebsten von seinem gemütlichen Zuhause aus über ferne Länder berichtet.

Hilfe bekommt er von der rothaarigen Abenteurerin Valkrys Stone, die hin und wieder für Vanderbilt arbeitet. Sie ist faszinierend, gefährlich und eine ausgezeichnete Kämpferin.
Die Zeit drängt, denn beide erfahren, dass Humboldt dasselbe Ziel wie sie hat. Durch seine Veröffentlichungen im National Geographic Magazine ist er der stärkste Konkurrent für den Explorer. Außerdem kommt hinzu, dass Valkrys noch eine alte Rechnung mit ihm offen hat.
Und so wird der Expeditionsauftrag schnell zu einem persönlichen Wettkampf.

Doch bis die beiden ungleichen Expeditionsgruppen ihr Ziel erreichen, müssen sie noch das ein oder andere Problem bewältigen, sei es nun ein korrupter Gouverneur oder eine besonders große Insektenspezies.
Humboldt mahnt zur Eile, denn Valkrys kommt immer näher. Um einer Konfrontation auszuweichen, müssen sie dringend den versteckten Himmelspfad zur Stadt der Regenfresser finden.

Die Stadt der Regenfresser und ihre Bewohner stellen schließlich die größte Überraschung des Buches dar. Nicht nur der verschollene Harry Boswell befindet sich dort; auch gibt es eine tödliche Bedrohung und eine alte, gruselige Prophezeiung, die sich zu erfüllen droht. 

Thomas Thiemeyers Roman ist viel mehr als ein historischer Abenteuerroman. Die Verflechtung von historischen Fakten mit phantastischen Elementen ist ihm so grandios gelungen, dass man nicht nur für mehrere Stunden in längst vergangenen Zeiten versinken kann, sondern ganz nebenbei Lust auf Wissen bekommt. Schön ist daher, dass Thiemeyer bereits viel im angehängten Glossar, der Encyclopedia Humboldtica, erklärt.

Besonders hervorzuheben sind neben dem außergewöhnlichen Abenteuer jedoch die vielen Personen, die dieses bestehen. Sie alle sind unverwechselbar, wobei meine persönlichen Favoriten der pfiffige Taschendieb Oskar und der oftmals völlig verzweifelnde aber immer ehrenhaft handelnde Max Pepper sind.
Doch auch Humboldts eher stoische Art, die immer wieder durch seine Begeisterungsfähigkeit für naturwissenschaftliche Entdeckungen unterbrochen wird, sowie die einfühlsame Eliza oder die voller Überraschungen steckende Charlotte überzeugen auf ganzer Linie.
Valkrys ist sicherlich die schillernste Figur des Buches, und es ist schön zu sehen, dass Max trotz anfänglicher Probleme schließlich ihren Respekt erringt.

Im recht langen Epilog erhält der Leser schlussendlich einen kleinen Ausblick auf den zweiten Band der Chroniken der Weltensucher:
"Schon wieder ein Schiff unter mysteriösen Umständen in der Ägäis gesunken. Augenzeugen berichten von einem Seeungeheuer. Reederei steht vor einem Rätsel."

Der Leser darf gespannt sein – doch vorher sollte er sich natürlich keinesfalls den ersten Band entgehen lassen!

Fazit

Thomas Thiemeyer bietet dem Leser nicht nur ein phantastisch-historisches Expeditionsabenteuer, das Spaß macht. Er reißt ihn gleich mit und lässt ihn an der Seite mutiger Abenteurer große Gefahren überstehen und atemberaubende Entdeckungen machen. Dabei überrascht er immer wieder, sei es durch seinen Humor oder allein dadurch, dass er es sogar schafft, einen exotischen Vogel zu einem vollwertigen Expeditionsmitglied zu machen.

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