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Corinna Abbassi-Götte
die Mythen schlagen zurück

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Nov 2010

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "die Mythen schlagen zurück"

Vesper Gold ist eine recht rebellische junge Dame.
Der Leser lernt sie auch sofort in einer äußerst bezeichnenden Situation kennen: Sie sitzt im Sekretariat, wo sie von ihrer Mutter abgeholt werden muss, da sie Entschuldigungen gefälscht hat. Sofort wird der recht distanzierte Umgangston zwischen Mutter und Tochter deutlich, doch so recht wundern tut man sich nicht lange, denn Vesper erzählt, dass ihre Mutter als berühmte Pianistin allein für ihre Konzerte zu leben scheint. Vespers Eltern sind geschieden, und der Kontakt zu ihrem Vater, einem Schriftsteller, ist ebenfalls nicht sonderlich eng.
Vesper hatte eine Schwester, die schon lange tot ist, und oft denkt sie an Amalia zurück und an die Märchen, die der Vater ihnen vorgelesen hat.
Mädchen, weicht vom Wege nicht! Dieses Zitat spukt ihr immer häufiger im Kopf herum und scheint Vorbote von düsteren Ereignissen zu sein, die alsbald über Hamburg hereinbrechen. Und in der Tat, das Unheil kommt auf leisen Sohlen.
Vesper wird verfolgt, ihre Eltern ermordet, und dann lässt eine höhere Macht die Kinder Europas in Schlaf versinken und schickt den Eltern beängstigende Träume.
Zuerst dauert der Schlaf nur wenige Minuten, doch dann wachen die Kinder nicht wieder auf.
Vesper trauert um ihre Eltern, und ihre Angst wächst durch die merkwürdigen Ereignisse immer mehr, zudem sie erfährt, dass ihre Eltern Teil einer Geheimgesellschaft gewesen sind, die unmittelbar mit den Vorkommnissen zu tun zu haben scheint.
Hüte dich vor den Wölfen! Diese Warnung ihres Vaters noch im Kopf muss sie fliehen, an ihrer Seite Leander Nachtsheim und Jonathan Andersen, die sie während des Auftauchens der Wölfe kennengelernt hat, und die auf ihrer Seite zu stehen scheinen.
Doch warum kommen die Wölfe wieder? Was hat es mit der geheimen Gesellschaft, der ihre Eltern angehört haben, auf sich? Was geschieht mit den Kindern? Und wer sind die geheimnisvollen Mythen?
Fragen über Fragen, und während sich die Gefahr für die drei Gefährten immer weiter zuspitzt, muss Vesper erkennen, dass es sich bei den Märchen nicht um ausgedachte, harmlose Geschichten handelt, sondern dass die Märchen von Dingen berichten, die viel gefährlicher und düsterer sind, als sie es sich jemals vorstellen konnte.

Mit Vesper zusammen taucht der Leser in diese Gänsehaut verursachende Geschichte ein. Hamburg als Schauplatz ist interessant gewählt und nicht zuletzt Grund dafür, dass man sich  sofort heimisch fühlt. Vesper selbst ist ein junges Mädchen, das trotz ihrer ruppigen und sehr direkten, oft provokanten Art sympathisch rüberkommt. Man kann sie verstehen. Ihre Schwester hat sich Jahre zuvor das Leben genommen, und ihre Eltern haben sich getrennt und keiner scheint sich so recht für Vesper interessiert zu haben. Vesper musste also sehen, wie sie allein klarkommt, und es schmerzt schon, dass sie keine Möglichkeit mehr auf ein normales Familienleben bekommt, da ihre Eltern ermordet werden und sie selbst nun ebenfalls in große Gefahr gerät.
Christoph Marzi schildert die Bedrohung so eingängig und übermächtig, dass man sich permanent fragt, wie Vesper jemals heil aus dieser Sache herauskommen soll - und wie sie es schaffen soll, die Kinder zu retten. Denn das sowohl das Auftauchen der Wölfe, die Geheimgesellschaft und die Verfolgung etwas miteinander zu tun haben, ist völlig klar.
Immer mehr taucht man in die finstere, gefährliche Seite der Märchen ein. Immer mehr wird deutlich, dass es sich bei den bekannten Märchen um durchaus realistische Geschichten handelt, in der kein Platz für Romantik und Kitsch ist, ja nie gewesen ist.
Vespers, Leanders und Jonathans Weg führt sie bis in den sagenumwobenen Harz, hinein in das Land der Mythen, bis zum Finale, das natürlich große Überraschungen bereithält. Christophs Marzis ganz eigene Interpretation der Märchen und seine ganz eigene, reizvolle Verflechtung von märchenhaften Elementen überzeugen auf ganzer Linie und jagen einem einen eisigen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Verlust, Trauer, Schmerz, Furcht, aber auch Liebe und Hoffnung, bekommen eine ganz neue Bedeutung, und nicht nur einmal muss Vesper einsehen, dass man eine Sache immer aus mindestens zwei Blickwinkeln betrachten kann.

FAZIT

Vespers Welt verändert sich schlagartig, als ihre Eltern ermordet werden und sie feststellen muss, dass die Märchen in ihren Büchern nicht bloß harmlose Geschichten sind. Christoph Marzi erzählt eine Geschichte, in der das Gefährliche der Mythen nicht länger stillhält und danach trachtet, die Welt zu erobern. Doch was wirklich böse, was gut, was richtig und was falsch ist, das zu erkennen bringt Vesper an die Grenzen ihrer Kraft.
Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Dieser Grundsatz scheint zwischen den Zeilen zu stehen, und genau dies macht den Reiz von "Grimm" aus: immer wieder heftigste Überraschungen zu erleben, atemlosen Nervenkitzel und eine gehörige Portion Grusel – um am Ende festzustellen, dass nichts nur gut oder nur böse ist.

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