Dieser eine Moment

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "düstere Geheimnisse in drückender Hitze"

[Jugendbuch des Monats - November 2010]
"Die Lügen, die wir erzählten" spielt in den späten 1940ern in den USA. Es geht um die 16jährige Evie, die gerade dabei ist, ihre Kindheit endgültig hinter sich zu lassen. Sie ist bereits hübsch, doch bislang hat sie behütet im Schatten ihrer wunderschönen Mutter gelebt. Ihren Stiefvater Joe liebt sie sehr, und er ist es auch, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg drei Haushaltswarengeschäfte eröffnet hat, und der kleinen Familie auf diese Weise ein Leben in Wohlstand ermöglicht.
Die Kriegsjahre sind vorbei, der wirtschaftliche Aufschwung hat Amerika ergriffen. Die Frauen rauchen und trinken Alkohol, tragen hübsche Kleider, Parfüm und roten Lippenstift. Und Sonntags gibt es natürlich den obligatorischen Sonntagsbraten.

Evies Leben ändert sich, zunächst schleichend, als Joe einen Anruf bekommt, der ihn dazu animiert, umgehend mit seiner kleinen Familie nach Florida aufzubrechen.
Es ist drückend heiß, Hochsommer, und die meisten Hotels sind geschlossen. In einem der wenigen noch geöffneten Hotels kommen sie schließlich unter und lernen dort die sympathischen Graysons kennen. Außerdem stößt bald ein neuer Gast zu ihnen: ein junger Mann namens Peter. 
Evie verliebt sich Hals über Kopf in ihn, und dank ihrer Gefühle und mit Unterstützung von Mrs Grayson entdeckt sie endlich die junge Dame in sich, wird erwachsen.
Doch irgendetwas geht vor in der Hitze Floridas. Joe und Peter scheinen sich aus dem Krieg zu kennen, und knapp unter der Oberfläche liegen Geheimnisse verborgen, die Evies Stiefvater dringend im Verborgenen belassen will.

Sofort fällt auf, wie raffiniert Judy Blundell trotz Evies anfänglich recht naiver Sichtweise nach und nach die unheilvolle Ahnung auf kommende Ereignisse einfließen lässt.
Evie steht auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, führt ein noch behütetes Leben. Sie liebt ihre Mutter, fühlt sich umhüllt von ihrem Duft nach Zigaretten und Parfüm geborgen, sieht in Joe ihren Vater, der ihr und ihrer Mutter einen gehobenen Lebensstandard ermöglicht.
Relativ schnell ist klar, dass Juden noch immer ausgegrenzt und herablassend behandelt werden. Die Rassentrennung wird weiterhin gelebt, auch wenn der 2. Weltkrieg längst vorbei ist.
Außerdem scheint Evies Stiefvater das Kapital zur Eröffnung seiner Haushaltwarenläden nicht auf legale Weise erhalten zu haben.

Aggression und Gewalt lauern permanent, düstere Geheimnisse liegen in der Luft. Obwohl Evie mit ihren 16 Jahren kein Kind mehr ist, erzählt ihr niemand etwas, vor allem nicht die Wahrheit, und durchblicken tut sie anfangs auch nicht, was um sie herum geschieht.
Trotzdem die Ereignisse aus Evies Perspektive geschildert werden, kann man als Leser, im Gegensatz zu ihr selbst, schon diverse Zusammenhänge erahnen. Vor allem die Rolle, die der nur wenige Jahre ältere Peter spielt, ist recht eindeutig, wenngleich später verschiedene Fakten über ihn offenbart werden, die völlig überraschen, ja sogar schockieren und dazu geeignet sind, das Bild von Evies Familie zusätzlich zu erschüttern.
Dass schließlich noch eine richtige Krimihandlung mit einfließt, lässt die Spannung rapide ansteigen und mischt sich hinein in die träge, erdrückende Atmosphäre im stickigen Florida.

Evie wird langsam erwachsen und schafft es schließlich, die wenigen Details und Informationen mit den Ereignissen um sie herum zu verbinden, tritt aus dem Schatten ihrer Mutter hinaus, lässt sich von Joe nicht mehr wie ein kleines Kind behandeln. Sie trifft fortan ihre eigenen Entscheidungen und muss sich mit dem Zerbrechen ihrer heilen Kinderwelt sowie einem tragischen Verlust abfinden.
Dazu gehört auch, dass sie in gewisser Weise nicht länger die gängige Wegschau-Mentalität übernimmt und die Wahrung des schönen Scheins nicht mehr über alles andere stellt.
Evie löst sich aus der Rolle der passiven, naiven Beobachterin.

"What I Saw and How I Lied" lautet der englische Originaltitel des Buches, und in gewisser Weise passt er ein bisschen besser zu Evies Geschichte als der deutsche Titel. Denn obwohl Evie begangenes Unrecht sieht, heißt das noch lange nicht, dass sie sich für die volle Wahrheit entscheidet. Sie findet ihren eigenen Weg, mit der Wahrheit umzugehen, und dies bedeutet, dass sie ebenfalls lügt, schweigt und redet.
Aber es ist ihre Entscheidung.  

Und während man Evie beim Prozess des Erwachsenwerdens in Floridas stickig-heißer Sommerluft begleitet, merkt man, dass man mit diesem Roman zugleich einen faszinierenden Einblick in eine ebenso faszinierende - aber auch trügerische - Zeit in der Hand hält.

FAZIT

Judy Blundells "Die Lügen, die wir erzählten" ist gleichermaßen ein Roman über das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens als auch ein Stück Zeitgeschichte. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs in den späten 1940ern in den USA zerbricht die heile Welt der 16jährigen Evie durch düstere Geheimnisse ihres Stiefvaters, die ihren Anfang bereits im 2. Weltkrieg genommen haben. Besonders fasziniert die drückende Atmosphäre bestehend aus Lügen, sommerlicher Hitze, Trägheit und unterdrückter Aggression, die Judy Blundell in bewundernswerter Perfektion zu erzeugen versteht.    

Couch-Wertung:

6

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Corinna Abbassi-Götte
Wie mit der Schuld umgehen?

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Nov 2010

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Wie mit der Schuld umgehen?"

Es gibt Momente im Leben, an denen sich alles verändert und nichts mehr so ist, wie es vorher war.
Christoph Wortberg erzählt uns Jans Geschichte, dessen pures Glücksgefühl innerhalb eines Moments in Schuld umschlägt.
Jan radelt nachts die Straße entlang, die Arme weit ausgebreitet, die Augen geschlossen, sein Glück hinausschreiend, weil er gerade sein erstes Mal mit seiner Freundin Laura erlebt hat.
Er ist überglücklich - und sieht nicht das Auto, das ihm entgegenkommt, ihm ausweichen muss und gegen einen Baum fährt. Jan und dem Fahrer passiert nichts, doch die Beifahrerin Catrin verliert bei dem Unfall ihr Augenlicht.
Jan, der sich schockiert einfach aus dem Staub gemacht hat, weiß nicht, was er nun tun soll. Er fühlt sich schuldig und erzählt Laura, was geschehen ist. Sie rät ihm, nicht zur Polizei zu gehen, findet sogar Entschuldigungen für ihn. Doch sein schlechtes Gewissen wird immer größer, treibt ihn schließlich ins Krankenhaus an Catrins Krankenbett, wo er feststellt, wie wunderschön sie ist. Mit der Situation überfordert flieht er jedoch, ohne mit ihr zu sprechen. Als er sie ein paar Wochen später zufällig kennenlernt, verliebt er sich in sie.

Neben Jans Geschichte, auf der ganz eindeutig der Fokus liegt, erhält man hin und wieder Einblicke in Catrins Situation, die verdeutlichen, wie schwer sie es hat, und wie tapfer sie versucht, mit ihrer Blindheit umzugehen.
Dass Jan sich schließlich nicht nur wegen seiner Schuldgefühle in sie verliebt, sondern sie insgesamt sehr attraktiv findet, ist völlig nachvollziehbar. Obwohl Laura ebenfalls nicht unsympathisch ist, ihr falscher Rat sogar verständlich ist, weiß man, dass der Unfall die Beziehung zwischen ihr und Jan letztendlich zerstören wird.
Die beginnende Freundschaft zwischen Jan und Catrin ist sehr einfühlsam und interessant beschrieben. Der authentische Eindruck bleibt jedoch ab dem Zeitpunkt ein wenig auf der Strecke, als beide zusammen weglaufen.
Die Schnelligkeit, in der die Ereignisse plötzlich vorangetrieben werden, hat zudem zur Folge, dass die anfängliche Tiefgründigkeit immer weiter abnimmt. Vor allem über Catrins Situation, über ihre Gedanken und Gefühle, wären ein paar zusätzliche Kapitel schön gewesen.
Die Informationen, die man von Anfang an über sie erhält, machen zwar betroffen, reichen jedoch noch lange nicht aus, um diesen Eindruck bis zum Ende zu halten. Wie genau sie es geschafft hat, ihr Schicksal anzunehmen, wäre ein wenig ausführlicher ebenfalls wünschenswert gewesen.
Natürlich geht es in erster Linie um Jan und seine Empfindungen, doch auch hier bleibt mit zunehmenden Tempo die Tiefe auf der Strecke. 
Das Ende schließlich ist wenig überraschend, eher logische Konsequenz aus Jans von Anfang an wachsenden Schuldgefühlen: Er muss zur Polizei!
Wenig überraschend, weil er damit endlich die richtige und längst überfällige Entscheidung trifft.

Besonders positiv fällt sofort Christoph Wortbergs recht reduzierter Schreibstil auf. Mit einfachen Worten und eingängigen Metaphern schafft er es, die richtige Atmosphäre zu erzeugen. Schlaglichtern gleich beschreibt er Gedanken oder Taten, stellt Assoziationen her, die beeindrucken und überzeugen.

FAZIT

Wie sich innerhalb eines Moments alles verändern kann und Glück in Schuld umschlägt, schildert Christoph Wortberg in "Dieser eine Moment".
Jan verursacht einen Unfall, bei dem die hübsche Catrin erblindet.
Durch den atmosphärischen Schreibstil Christoph Wortbergs spürt man die Tragik der Ereignisse, folgt aber auch gespannt dem Beginn einer besonderen Liebe. Allerdings passiert am Ende so schnell so viel, dass hundert Seiten mehr der Tiefe der Geschichte förderlich gewesen wären.

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