Hello Girls

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Theresa Mürmann
8101

Jugendbuch-Couch Rezension vonOkt 2026

Ein Roman über den Wunsch nach Freiheit - und die Dämonen der Vergangenheit.

Die wenigsten können wahrscheinlich von sich behaupten, dass sie ihre beste Freundin oder ihren besten Freund vor dem Polizeirevier kennengelernt haben. Bei Winona und Lucille ist es genau so gewesen. Während Winona unter der psychischen und physischen Gewalt ihres Vaters leidet und kaputtzugehen droht, wächst Lucille ebenfalls in lieblosen Verhältnissen zwischen ihrer desinteressierten Mutter und dem Drogen vertickenden Bruder Marcus auf. Die Freundinnen träumen von einer gemeinsamen Zukunft in Freiheit, weit weg von ihren Familien. Im Geheimen bereiten sie alles dafür vor und entfliehen gedanklich schon der Realität. Als Winona herausfindet, dass ihre Mutter noch lebt und ihr Vater deren Tod nur vorgetäuscht hat, spitzt sich die Lage zu und die Freundinnen brechen Hals über Kopf ins Ungewisse auf. Niemals hätten sie erwartet, dass der Beginn eines neuen Lebens so verlaufen würde…

Unterwegs mit einem gestohlenen Alfa Romeo Richtung Vegas treiben sie ihr Geld durch Diebstähle und Glücksspiel ein. Die Grenze zum Illegalen verschwimmt dabei immer mehr. Sie lernen Menschen kennen, die ihnen helfen und welche, die sie betrügen. Nur einander können sie vertrauen. Doch die Dämonen der Vergangenheit lassen sie nicht los. Bevor sie in eine bessere Zukunft starten können, müssen Winona und Lucille hinter sich aufräumen. Ein gefährliches und lebensgefährliches Unterfangen.

„Sie war hungrig nach der ganzen Welt und sie würde sich nehmen, was sie brauchte.“

Dieser Jugendroman der beiden erfolgreichen US-amerikanischen Autorinnen Emily Henry und Brittany Cavallaro lässt einen so schnell nicht wieder los. Roadtrips in ein anderes Leben sind zwar beliebte Handlungselemente zahlreicher Coming-of-Age-Geschichten, doch hier hat er doch einen etwas anderen Beigeschmack und Verlauf: Zwei Mädchen, die sich aus den Fängen ihrer Familien befreien wollen. Beide für ihr Leben von der Lieblosigkeit ihres Elternhauses gezeichnet. Während Winona auf Schritt und Tritt von ihrem Vater kontrolliert, nach außen mit Liebe überhäuft und im geschlossenen Raum gedemütigt und kleingehalten wird, sehnt Lucille sich nach einem normalen Leben, in dem ihr Bruder kein Drogendealer ist, sie nicht den Haushalt und die Finanzen organisieren muss und ihre Mutter sie wirklich sieht.

Die Figurenzeichnung ist besonders beeindruckend gelungen. Vor allem Winona macht eine unglaubliche Entwicklung von Anfang bis Ende durch. In ihrer Kindheit musste sie sich immer anpassen, wurde bestraft, auch körperlich, wenn sie in den Augen ihres Vaters falsch gehandelt hat. Die Essenskammer war außerhalb der Mahlzeiten stets verschlossen. Es ist genau dieser Hunger, auf das Essen und auf das Leben, der sich auf diesem Roadtrip ungefiltert Bahn bricht. Da ist eine solche Wut auf ihre verlorene Kindheit, ihren Vater, vor dem sie wirklich Angst hat, und die Ungerechtigkeit, sich die eigene Familie nicht aussuchen zu können.

Lucille ist der Ruhepol innerhalb des Freundschaftsduos. Sie ist selbstbewusst, hat schon immer gelernt, alleine durchs Leben zu gehen. Winona steht für sie an erster Stelle und sie würde alles für ihre Freundin tun. Gleichzeitig wird ihr im Laufe der Fahrt bewusst, wie sehr Winona wirklich gelitten hat in der Vergangenheit. Nicht selten ist Lucille es, die Winona beruhigt und den Blick für die Realität schärft. Denn aus ein paar Diebstählen wird bald mehr, viel mehr. In ihrem neuen Leben zu zweit wollen sie keine dominanten, manipulativen Männer mehr - und das wird zunehmend drastisch umgesetzt.

Dramatisch, aber stets voller Hoffnung

Der Sprachstil ist authentisch, pointiert und scharf. Nichts wird beschönigt, die Wahrheit immer auf den Tisch gelegt. Denn es ist nicht Schönes daran, wenn zwei Mädchen so aufwachsen müssen, wie es bei Winona und Lucille der Fall ist. Da abwechselnd in der dritten Person aus den beiden Perspektiven erzählt wird, bleibt immer eine gewisse Distanz zu den Protagonistinnen. Aber diese „Mauer“ ist mit Blick auf die Handlungsebene vermutlich auch so gewollt.

Der Roman ist bei all seiner Dramatik und extremen Wendungen ein feministisches, empowerndes Plädoyer für ein freies, unabhängiges Leben, die Liebe zu sich selbst und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Und obwohl ab einem gewissen Punkt der Handlung alles aus dem Ruder zu laufen scheint, geben Lucille und Winona niemals die Hoffnung auf.

Fazit

Ein außergewöhnlicher Jugendroman, der mitfiebern lässt und nachdenklich macht. Eine wichtige Message, eindrucksvoll aufbereitet und absolut kein Mainstream.

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