Großer Bruder, kleiner Bruder

  • Hanser
  • Erschienen: Januar 2009
  • Hanser, 2005, Titel: 'Gutten Til Venstre', Originalausgabe
Großer Bruder, kleiner Bruder
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Corinna Abbassi-Götte
8

Jugendbuch-Couch Rezension vonApr 2010

ein großer Bruder zum Verlieben, ein kleiner Bruder zum Liebhaben

Das meint Jugendbuch-Couch.de: " ein großer Bruder zum Verlieben, ein kleiner Bruder zum Liebhaben "

[Jugendbuch des Monats - April 2010]
Viele Menschen können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie genau der Alltag mit einem behinderten Kind ist. Auch der kleine Adrian hat sich natürlich um dieses Thema mit seinen 5 Jahren noch keine Gedanken gemacht. Adrians Gedanken kreisen eher um die Markenhandschuhe, die er als Grosser-Bruder-Geschenk zur Geburt seines Geschwisterchens bekommen soll.
Doch dann erfährt er von seinem Vater, dass sein Bruder behindert zur Welt gekommen ist. Die Handschuhe bekommt er zwar, doch die wirft er aus dem Fenster. Sie interessieren ihn nicht mehr.

Siebzehn Jahre später führt Adrian sein eigenes Leben. Er wohnt mit seinem besten Freund Otto zusammen, studiert, schwärmt für Vilde und fährt nur noch selten nach Hause.
Die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr oberflächlich geworden, da er einfach nicht mit ihnen sprechen kann - und will.
Die seltenen Aufeinandertreffen sind somit durch Schweigen oder krampfhaften Small Talk bedrückend, und dabei sind seine Eltern ganz und gar nicht unsympathisch. Man merkt, dass sie mit ihrem Sohn sprechen wollen, doch Adrian blockt ab, und sie trauen sich nicht.
Seinen kleinen Bruder Tobias sieht Adrian jedoch regelmäßig, denn jede Woche unternehmen sie etwas gemeinsam. Er liebt seinen Bruder sehr, auch wenn dieser aufgrund des Down-Syndroms hin und wieder ein wenig anstrengend ist.
Und auch Tobias liebt seinen großen Bruder über alles. Außerdem genießt er das Leben in einer übersprudelnden und herzerweichenden Form, zu der Adrian nicht mehr richtig in der Lage zu sein scheint.
Als inzwischen 22jähriger Student ist Adrians Kindheit selbstverständlich schon ein paar Jährchen vorbei, doch beim Lesen beschleicht einen mehr und mehr das Gefühl, dass seine Kindheit bereits mit der Geburt seines behinderten Bruders geendet hat. 

Man fragt sich, wie Adrians Kinder- und Jugendjahre genau aussahen, und warum die Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern so merkwürdig geworden ist. Warum schafft er es nicht, seine wahren Gefühle zu zeigen und versteckt sich stattdessen lieber hinter seiner "Mir geht es gut!"-Fassade?
Einzig Adrians bester Freund Otto lässt sich nicht täuschen und bringt durch seine intelligenten Fragen und Einwände zum Nachdenken.
Otto ist, ganz nebenbei bemerkt, ein junger Mann, in den man sich sofort verliebt. Er ist fast schon ein wenig zu selbstbewusst und interessiert sich brennend für menschliches Verhalten. Er provoziert seine Mitmenschen und führt bestimmte Situationen herbei, um die Reaktion seines Umfeldes zu analysieren. Höchst amüsant, aber auch völlig verrückt, denn dadurch läuft er Gefahr, ausgerechnet die Personen zu verlieren, die ihm etwas bedeuten.  
Während Adrian seine Unbeschwertheit aufgrund seiner familiären Situation abhanden gekommen ist, hat sich Otto diese bis ins Studentendasein bewahren können.

Wir erfahren nun also, wie Adrian sein Leben führt, wie die Geschichte mit Vilde weitergeht, was er mit Tobias unternimmt, und werden ganz nebenbei immer neugieriger darauf, warum Adrian so ist, wie er ist. 
Kleiner Tipp: Man muss das Buch ganz genau lesen, sonst überliest man den Grund schnell.
Es bricht einem schon ein wenig das Herz, wenn man sich über Adrian Gedanken macht, und gleichzeitig ist es zum Weinen schön, weil doch deutlich wird, wie groß Adrians Liebe zu Tobias trotz aller Schwierigkeiten, Verantwortung und Zurücksetzungen ist.
Dass Adrian zu einem sensiblen, vernünftigen aber doch verletzten und ein wenig ziellosen jungen Mann geworden ist, der letztendlich stark genug ist, sein eigenes Leben zu führen, liegt also in nicht unerheblichen Maß an Tobias, der nicht nur sein Bruder sondern auch sein Freund ist.

FAZIT

"Großer Bruder, kleiner Bruder" – Geschwistergeschichte, Freundschaftsgeschichte, Geschichte über das Thema Behinderung und nicht zuletzt Geschichte über das Seelenleben eines jungen Studenten.
Einzigartig wird dieses Buch jedoch erst durch die Sensibilität, mit der Sverre Henmo erzählt.

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