Der Dreck, der unsere Zukunft ist

  • Arctis
  • Erschienen: September 2026
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Der Dreck, der unsere Zukunft ist
Der Dreck, der unsere Zukunft ist
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Theresa Mürmann
9101

Jugendbuch-Couch Rezension vonOkt 2026

Eine Geschichte über die Kraft der Liebe und Menschlichkeit in düsteren Zeiten.

Es ist Krieg - und er kommt immer näher. Inzwischen ist es in der Stadt nicht mehr sicher, und Junis Eltern drängen darauf, dass ihre Tochter für einige Zeit aufs Land zieht, so wie es gerade viele machen. Immerhin nicht allein, denn ihr Freund November wird mitkommen - ihre große Liebe und Seelenverwandter. Für diesen steht noch viel mehr auf dem Spiel: nicht mehr lange, und er wird eingezogen. Als sie endlich einen Platz auf dem Land bekommen, beginnt eine Reise ins Ungewisse. Juni und November bemühen sich, in all den Ernst der Welt ein wenig Leichtigkeit zu mischen. Bei Hemma auf dem Hof ist die Atmosphäre alles andere als herzlich, doch immer wieder schaffen es die beiden, sich zu Spaziergängen und Erkundungstouren aufzumachen, Spiele zu erfinden und in die eigene Fantasie zu flüchten.

Doch Realitätsflucht alleine reicht nicht. November wird achtzehn und müsste eigentlich an die Front. Als Hemma den beiden ein Ultimatum stellt, fliehen Juni und November in den Wald. Von nun an sind sie ganz auf sich allein gestellt. Sie spüren die Kälte der Nächte, einen zunehmend unerträglichen Hunger, lernen, selbst Feuer zu machen und eine Hütte aus Ästen zu bauen. Niemals hätte Juni gedacht, dass sie andere Menschen bestehlen muss, um ihr eigenes Überleben zu sichern. In ihrem schlechten Gewissen hinterlässt sie aus Dankbarkeit immer eine weiße Feder. Eines Tages bringt Juni das kleine Mädchen Mai mit, das am Bahnhof zurückgelassen wurde. Doch auch im Wald sind sie vor dem Krieg nicht sicher. Er kommt näher und näher und näher. Sie müssen sich auf den Weg machen - ins Ungewisse.

Was bleibt am Ende, wenn dir alles genommen wird?

Als ich dieses Buch aufgeschlagen habe, hätte ich nicht gedacht, dass die Geschichte so viel in mir auslöst. Das Cover reiht sich ein in die Optik vieler anderer Jugendromane: ein Liebespaar, Händchen haltend im Wald. Zugegeben, der Einstieg in die Handlung ist schon recht abrupt und es braucht ein paar Seiten, bis man mit den Figuren warm wird. Doch mit jedem Kapitel, von denen es aufgrund ihrer Kürze sehr viele gibt, werden Juni und November authentischer in ihrer Sprache, ihrem Verhalten, ihren Emotionen. Erzählt wird dabei die ganze Zeit aus Junis Sicht. Zwei junge Menschen, die exemplarisch für so viele andere ihrer Generation stehen: Niemals hätten sie gedacht, dass ihre Zukunft so aussehen könnte. Dass im Hier und Jetzt ein Krieg ausbricht. Das war doch früher oder anderswo auf der Welt, aber nicht bei ihnen.

Am Anfang ist also vieles noch ein Spiel, ein natürlicher Verdrängungsmechanismus: sich heimlich in den Nachbarort schleichen, obwohl sie wissen, dass Hemma alles andere als begeistert sein wird, Verstecken spielen oder über die Leben der anderen Menschen um sich herum philosophieren. Ein bisschen Humor, ein bisschen schön reden, ein bisschen weniger Drama bitte. Nach und nach, Stück für Stück, löst sich jedoch ihr altes Leben auf. Die Autorin führt auf eindringliche Art und Weise vor, was am Ende noch übrig ist, wenn alles sicher Geglaubte aufgegeben werde muss.

Denn mit dem Leben im Wald, in der Wildnis, geht es plötzlich um das nackte Überleben. Juni und November entfernen sich immer mehr vom „normalen“ gesellschaftlichen Alltag. Für sie spielt nur noch eine Rolle, die kalten Nächte zu überstehen und am Tag genug zu essen zu haben.

„Wir kuscheln uns in unserem neuen Zuhause ein und in dieser Nacht wachen wir zum ersten Mal allein wegen der Tiere und unserer verängstigten Herzen auf. Nicht wegen der Kälte. Wenn das kein Gewinn ist, weiß ich auch nicht.“

Das Setting ist dabei vollkommen fiktiv und kommt in der Beschreibung ohne Städte- oder Ländernamen aus. Man weiß nichts über die genauen Kriegsparteien. Es ist nur die Rede vom „Krieg“ und von „Ländern“, die einander angreifen. Es geht nicht um einzelne Kriegsschauplätze, Gefechte oder Frontverläufe. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen, ihren Alltag, ihre Freundschaften und Familien.

Neben der Hoffnung ist es die Liebe, die alles zusammenhält. Juni und November brauchen keine Worte, um einander zu verstehen. Manchmal ist ihr Verhalten tröstlich kitschig, immer wertschätzend und liebevoll. Für beide ist es selbstverständlich, das kleine Mädchen Mai, das ohne Eltern unterwegs ist und aufgrund traumatischer Erlebnisse nicht mehr spricht, bei sich aufzunehmen. In wenigen Wochen werden aus zwei Jugendlichen Erwachsene, die über sich hinauswachsen, mutig und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und niemals aufgeben. Obwohl es absolut verständlich wäre, in ihrer Lage zu verzweifeln, glauben sie doch immer an das Gute in der Welt, zelebrieren die kleinen Momente des Tages und lassen die Menschlichkeit gewinnen.

Fazit

Ein eindringlicher, berührender und zugleich schockierender Jugendroman, der die Welt auf den Kopf stellt und alle Sicherheiten über Bord wirft. Eine ganz große Leseempfehlung.

Der Dreck, der unsere Zukunft ist

Agi Ofner, Arctis

Der Dreck, der unsere Zukunft ist

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