Ein spannendes Buch voller moralischer Fragen, in dem die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld ineinander übergehen.
Emily Mills ist tot. Allen ist schnell klar, dass es sich um Selbstmord handeln muss; alle Indizien deutet in diese Richtung. Und auch wenn sich die Suche nach einem Täter in diesem Fall erübrigt, gibt es in Emilys Fall mit den „Thrashers“, wie sich die elitäre Gruppe rund um Zack Thrasher nennt, gleich fünf Verdächtige.
Als Teil der Thrashers steht auch Jodi Dillon im Fokus der Ermittlungen. Seit Kindertagen ist sie mit Zack befreundet, der sich durch sein Charisma großer Beliebtheit erfreut und überall schnell alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die „Ehre“, richtig mit ihm befreundet zu sein, kommt jedoch nur wenigen zuteil. Neben Jodi gehören noch Lucy, Paige und Julian zum engen Kreis, der als eingeschworene Gemeinschaft gilt. Während Jodi, Lucy und Paige ebenfalls zu ihren engen Freundinnen zählt, steht sie mit Julian, einem ebenfalls sehr charismatischen Jungen, auf Kriegsfuß. Beide dulden sich, doch kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen.
Als Emily Mills im neuen Schuljahr mit ihnen die New Helvetia High besucht, ist sie direkt fasziniert von der Freundesgruppe, und vor allem Zack hat es ihr angetan. Als sie Jodi die Frage stellt, wie man „Thrasher“ wird und die Antwort „Man wird es nicht“ bekommt, bleibt sie dennoch an der Gruppe dran. Egal ob am Wochenende, bei Partys oder in der Schule: Emily ist ständig dabei und scheint nicht zu merken, wie die anderen wirklich über sie denken. Als die Promnacht ansteht, geht Emily wie selbstverständlich davon aus, gemeinsam mit den Thrashers in der Limousine zur Schule zu fahren. Während die fünf ohne Emily zur Party gehen und den Abend gemeinsam verbringen, begeht Emily Suizid. Schnell kommt die Frage auf: Welche Verantwortung trägt jeder Einzelne der Jugendlichen an ihrem Tod? Für Jodi stellt sich außerdem die Frage, wie gut sie ihre Freunde überhaupt kennt…
Freundschaft oder nicht?
Grüppchenbildung: Wahrscheinlich gibt es sie überall, wo mehrere Menschen wie in der Schule, bei der Arbeit oder auch in ihrer Freizeit über einen längeren Zeitraum gemeinsam Zeit miteinander verbringen. Mal verbindet ein gemeinsames Interesse, mal eine miteinander verbrachte Kindheit oder auch charakterliche Ähnlichkeit, sodass sich irgendwann eine feste Clique bildet. Kommt man neu hinzu, kann es schwer werden, Mitglied einer bereits gewachsenen Gemeinschaft zu werden und Anschluss zu finden. Was tun? Sich weiter „aufdrängen“, obwohl man merkt, dass man eigentlich abgelehnt wird? Oder sich lieber einer anderen Gruppe anschließen, die einem gegenüber aufgeschlossen ist?
Emily entscheidet sich für Ersteres. Vielleicht will sie auch nicht wahrhaben, dass sie keine Chance hat, von den Thrashers akzeptiert zu werden, vielleicht merkt sie auch einfach gar nicht, dass sie in der Gruppe nicht erwünscht ist und die anderen sie höchstens ausnutzen, wenn es um Hausaufgaben geht oder darum, sie für ihre persönliche Bespaßung zu nutzen.
An Jodi hängt Emily besonders, da sie das Gefühl hat, ihr am ähnlichsten zu sein und mit ihr die besten Chancen zu haben, in den inneren Kreis der Gruppe und nah an Zack zu kommen. Dass Jodi „nett“ zu ihr ist, obwohl auch sie sie nicht mag, scheint sie nicht zu bemerken.
Ein Buch voller moralischer Fragen
Julie Soto schreibt ihren Roman in der dritten Person aus Jodis Sicht. Als Mitglied der Thrashers fühlt Jodi sich für Emilys Tod mitverantwortlich; gleichzeitig kommen bei ihr Fragen auf, wie es sich um ihre eigene Rolle innerhalb der Gruppe verhält. Jodi, die anfangs ebenfalls im Fokus der Ermittlungen steht, stellt sich die Frage, wie groß ihr Anteil an Emilys Tod ist und inwieweit sie sich anders hätte verhalten sollen. Hätte sie Emily direkt klarmachen müssen, dass sie nichts mit ihr zu tun haben möchte? Oder ganz im Gegenteil, hätte sie sie vielleicht mehr unterstützen sollen? Und was passiert innerhalb der Gruppe, wovon auch sie nichts weiß? Ist sie für die anderen vielleicht selbst nur ein lästiges Anhängsel, oder sehen sie sie wirklich als Freundin?
Da Emily Tagebuch geschrieben hat, kommt nach und nach Einiges ans Licht. Doch als Jodi ein weiteres Tagebuch findet, wird die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge noch schwieriger zu definieren.
Da man als Lesender immer nur so viel wie Jodi weiß, wird man unweigerlich mit denselben Fragen konfrontiert und versucht, mit ihr gemeinsam die Wahrheit zu finden. Dadurch, dass immer neue Details aus der Vergangenheit hinzukommen, die das Handeln der verschiedenen Figuren in ein anderes Licht rücken, ändert sich auch die Beziehung der Thrashers untereinander immer wieder. Zusätzlich sorgen mysteriöse Vorfälle für Gruselmomente, die den Anschein machen, dass Emily selbst bisher keine Ruhe gefunden und noch eine Rechnung mit der Freundesgruppe offen hat. Oder ist es vielleicht doch das schlechte Gewissen, das sich in verschiedenen Momenten meldet und diverse Vorfälle in einen Zusammenhang mit Emily bringt? Eine Frage, die bis zum Schluss offen bleibt und Rätsel aufwirft.
Dank vieler Plottwists bleibt das Buch bis zur letzten Seite spannend. Am Ende wartet noch ein „exklusives Bonuskapitel“ auf die Lesenden, wobei nicht ganz klar wird, worauf sich „exklusiv“ bezieht und ob es auch Romanausgaben ohne gibt. Da das Bonuskapitel noch einmal ein ganz anderes Licht auf den Inhalt wirft und einige Annahmen auf den Kopf stellt, wirkt es eher wie ein geschickter Handgriff der Autorin, damit das Buch seine Lesenden noch eine Weile beschäftigt…
Fazit
Ein spannendes Buch, in dem die Themen Freundschaft, Ausgrenzung und Mobbing aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet werden. Auch als Lesender ist die Frage nach einem Täter bis zum Ende schwer zu beurteilen, da immer wieder andere Details dafür sorgen, dass sich die Umstände um Emilys Tod ständig neu bewerten lassen.



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