Zwischen Ebbe und Wut
- Rowohlt Rotfuchs
- Erschienen: April 2026
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Der Traum vom gemeinsamen Segeltörn unter Freunden wird plötzlich zum Albtraum.
Emma kennt Élise, Sam und Clarence, seit sie mit 11 Jahren zusammen auf das College wechselten und in eine Klasse kamen. Seitdem gelten sie als unzertrennliches Quartett, das vor allem eins teilt: die gemeinsame Leidenschaft fürs Segeln. Jede freie Minute verbringen die vier auf dem Meer, mit dem sie sich völlig eins fühlen. Längst sind sie ein eingespieltes Team, bei dem jeder Handgriff sitzt. Auch wenn es zunächst so scheint, dass in ihrer Gruppe kein Platz mehr für eine weitere Person ist, stößt um einiges später noch Victor hinzu, dessen Mutter mit Clarence‘ Vater zusammen ist, was sie quasi zu Stiefbrüdern macht. Im Gegensatz zu seinen Freunden hatte Victor bisher keine Berührungspunkte mit dem Meer, sodass er die Leidenschaft der anderen nur bedingt teilt.
Nach vielen Regatta-Siegen, mit denen sie ihr Können unter Beweis stellen konnten, ist es in der Oberstufe dann endlich soweit: Élises Großeltern stimmen zu, dass die Freunde mit ihrer Segelyacht, der Céladon, allein in See stechen dürfen. Für die vier fünf geht ein Traum in Erfüllung, als sie ganz allein auf dem Meer, die Kräfte des Ozeans spüren und ein Gefühl von großer Freiheit und Unabhängigkeit fühlen dürfen. Doch schnell zeigen sich Risse in der zuvor so eingeschworenen Gemeinschaft. Clarence, ihr heimlicher Anführer, lässt keine Gelegenheit aus, gegen Victor zu sticheln und ihn zu provozieren. Die Stimmung kippt, vor allem da die anderen drei eher auf der Seite von Victor sind, der Clarence keinerlei Anlass für seine ständigen Angriffe liefert. Ein Grund mehr für Clarence noch mehr Wut gegen Victor zu entwickeln, unter anderem auch deshalb, weil Emma, die bisher immer für ihn geschwärmt hat, Gefühle für Victor zu entwickeln scheint.
Doch dann ist Clarence tot. Zudem wütet ein gefährlicher Sturm über der Céladon, die sich mitten auf dem offenen Meer befindet. Als der Funkkontakt zur Küste abbricht, ist den vier Freunden klar, dass sie völlig auf sich allein gestellt sind, da auch keine Rettungsboote mehr in See stechen können. Ein Kampf ums Überleben beginnt!
Ein Puzzle, das sich Stück für Stück zusammensetzt
Marion Brunet weiß, wie man eine packende Geschichte schreibt, die bis zur letzten Seite spannend bleibt und einen auch nach dem letzten Satz noch beschäftigt. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive der 17-jährigen Emma, die gerade ihr Abitur geschrieben hat und sich nun mit drei Freunden und einer Leiche auf der Segelyacht Céladon mitten in einem gefährlichen Sturm befindet. Gleichzeitig springt der Roman immer wieder zurück in die Vergangenheit, in der Emma rückblickend vom Beginn ihrer Freundschaft, ihrer gemeinsamen Liebe zum Meer und dem Segeln sowie der Dynamik untereinander berichtet, bei der sich schnell ein Ungleichgewicht zwischen den Vieren erkennen lässt.
Clarence zeichnet sich früh als Anführer ab. Alles richtet sich nach ihm, er entscheidet, in welche Richtung die Freundschaft geht, von ihm geht der Zeitpunkt aus, an dem aus der Freundschaft zwischen Élise und Sam Liebe wird, und er nimmt auch Victor im inneren Kreis des ursprünglichen Quartetts auf. Als dieser jedoch gleichzeitig seine Unabhängigkeit behält und sich ihm nicht wie gewünscht unterordnet, verliert er Clarence‘ Gunst, was dieser ihn deutlich spüren lässt. Beim gemeinsamen Segeltörn eskaliert die Situation schließlich zusehends und Clarence bringt den segelunerfahrenen Victor dabei absichtlich in große Gefahr. Warum aber schließlich er tot ist und Victor lebt, bleibt bis zum Ende offen.
Parallel spitzt sich die Handlung in der Gegenwart immer weiter zu. Der Sturm treibt mit hohen Wellen über das Meer, die Céladon hat keinen Kontakt mehr zur Küste, der Funk ist abgebrochen und es ist keine Hilfe zu erwarten. Als der Mast bricht, beschließt die Crew, sich im Inneren des Bootes zu verschanzen. Durch einen Fehler Victors läuft die Segelyacht kurz darauf voller Wasser, sodass ein Sinken unvermeidbar ist. In einem Anflug von Wut hatte Clarence jedoch vor ihrer Abfahrt die Rettungsinsel zerstört, sodass ihnen nur noch das Zodiac zur Verfügung steht. Auch hier bleibt die Geschichte bis zum Schluss spannend. Werden Emma und ihre Freunde das rettende Ufer erreichen, oder gelangt doch noch Hilfe zu ihnen? Schaffen es alle oder wird einer der Freunde das Abenteuer vielleicht doch nicht überleben?
Gestaltung
Anders als in vielen anderen Romanen, in denen Rückblicke oft eher stören und man das Gefühl hat, sie sollen die Spannung nur unnötig in die Länge ziehen, sind in „Zwischen Ebbe und Wut“ beide Erzählstränge relativ ebenbürtig. Während der Rückblick auf den Tod von Clarence hinarbeitet und man immer mehr versteht, wie es dazu kam, das letzte Puzzleteil mit der Todesursache aber bis kurz vorm Ende fehlt, entwickelt sich die Geschichte der Gegenwart parallel zum immer stärker werdenden Sturm und schließlich dem Untergang der Segelyacht weiter.
Da beide Handlungsstränge aus der Perspektive Emmas geschrieben sind und man ihre Gefühle und Gedanken hautnah miterleben kann, fällt es nicht schwer, sich in ihre Perspektive zu versetzen und die Dramatik der Szenen mitzufühlen. Man erlebt, wie sich ihre Sicht auf Clarence im Laufe der Jahre ändert, wie eng verbunden sie sich ihm einst fühlte und wie langsam Risse in ihrer Freundschaft entstehen. Obwohl der Roman insgesamt nur knapp über 200 Seiten hat, gelingt es Marion Brunet, ihrem Werk nicht nur Spannung, sondern auch Tiefe zu verleihen, was sowohl durch das begrenzte Setting auf der Segelyacht als auch durch die Entwicklung der Charaktere, die man durch die Rückblicke miterlebt, geschieht.
Fazit
Ein sowohl psychologisch interessanter als auch dramatischer Roman, der bis zur letzten Seite spannend ist und im Gedächtnis bleibt.

Marion Brunet, Rowohlt Rotfuchs

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