Lie or Die

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Kathrin Walther
8101

Jugendbuch-Couch Rezension vonMai 2026

Aus einem harmlosen Spiel wird plötzlich bitterer Ernst.

Niemals hätte Kass gedacht, dass sie einmal Teilnehmerin einer TV-Reality-Show sein wird. Ganz im Gegensatz zur ihrer Freundin Thea steht sie eigentlich überhaupt nicht darauf, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und viele fremde Augen auf sich zu wissen. Nach einem Fehler (sie hat Theas Ex-Freund geküsst ohne zu ahnen, dass Thea immer noch auf ihn steht) kriselt es zwischen den beiden jedoch gewaltig. Daher ist Thea auch der Meinung, etwas bei Kass gut zu haben. Ohne Kass zu fragen, hat sie auch für sie eine Bewerbung zur neuen TV-Show „Lie or Die“ abgeschickt, bei der sie ihr mit ihrer Menschenkenntnis helfen soll, zu gewinnen. Auch wenn Kass zunächst überhaupt nicht davon überzeugt ist, am Casting teilzunehmen, ist sie dann doch ziemlich getroffen, als sie es nicht bis in die Show schafft. Aber als gute Freundin, die sie nun einmal sein möchte, steht es außer Frage, dass sie Thea gemeinsam mit ihrem besten Freund Lewis zum Show-Auftakt nach Wembley begleitet.

Als es dort dann plötzlich zu einem medizinischen Notfall kommt und eine der Teilnehmerinnen nach einem allergischen Schock ins Krankenhaus muss, wird Kass gefragt, ob sie den nun frei gewordenen Platz in der Show übernehmen könnte. Natürlich kann sie! Etwas komisch fühlt es sich für Kass zwar schon an, plötzlich doch in der Show zu sein, doch ihre Rolle als „Mädchen-von-nebenan“ beherrscht sie schließlich im Schlaf, und auch das Show-Prinzip bedarf keiner weiteren Vorbereitungszeit.

Als eine Mischung aus Big Brother und dem gerade unter Jugendlichen total angesagten Spiel Mafia, welches stark an das sehr ähnliche Werwölfe erinnert, werden 10 Teilnehmer über mehrere Tage in einem Studio-Haus eingeschlossen und währenddessen von 42 Kameras beobachtet. Acht Teilnehmer erhalten die Rolle „Unschuldige“ und müssen versuchen zu enttarnen, welche beiden Teilnehmer den Status „Mörder“ inne haben. Ein Teilnehmer erhält zusätzlich die Rolle „Maulwurf“ und kann einmal pro Nacht den Status einer anderen Person erfragen. Zur sogenannten „Grabesstunde“ wählen die Mörder gemeinsam ein Opfer aus und schieben ihm heimlich eine Karte zu, ohne dabei aufzufallen. Anschließend folgt die „Anklagezeit“, in der alle Bewohner mindestens einen Teilnehmer wegen Mordes anklagen müssen, der anschließend vor Gericht seine Unschuld beweisen muss. Wer verurteilt wird, muss die Show verlassen, wer hingegen bis zum Ende durchhält, bekommt das Preisgeld.

Schon nach kurzer Zeit kommen den Teilnehmern Zweifel, ob in der Show alles mit rechten Dingen zugeht. Das erste Opfer der „Mörder“ sieht einer Leiche schon sehr ähnlich, alle kommen jedoch zu dem Entschluss, dass sie wohl sehr professionell geschminkt worden sein muss. Kass fallen daraufhin noch weitere Merkwürdigkeiten auf und das Motto der Show „Traue niemanden!“ wird zum ständigen Begleiter. Was eigentlich nur als Spiel gedacht war, scheint Realität zu werden! Unter ihnen muss sich ein echter Mörder befinden, der einen nach dem anderen umbringt. Dass sich Show und Wirklichkeit dabei vermischen, macht es nicht einfacher, denn nicht allen Spielern ist zunächst klar, dass es sich bei den Toten um echte Tote handelt. Doch wie sollen Kass und ihre Mitspieler dem oder den Mördern entkommen, während alle Studiotüren verriegelt sind und kein Kontakt zur Außenwelt möglich ist?

Zwischen Spiel und Wirklichkeit

Auch wenn es sich bei „Lie or Die“ um A. J. Clarks Debut-Roman handelt, ist ihr das Schreiben durch die Arbeit an verschiedenen Theaterstücken längst vertraut. Passend zum Thema ihres Buches kennt sie auch die Welt des Fernsehens, für welches sie an Produktionen wie den „Teletubbies“ oder auch „Friends“ mitgearbeitet hat. Kein Wunder also, dass sie für ihr Erstlingswerk in England direkt mit einem Preis für Nachwuchsautoren ausgezeichnet wurde, in dem sowohl die Idee als auch die Umsetzung ihrer Story gelobt wurde.

Bevor Clark mit der eigentlichen Handlung startet, empfängt sie ihre Leser direkt mit einem Teaser, dessen letzter Satz: „Aber niemand hat je etwas von Mord gesagt“ direkt deutlich macht, in welche Richtung sich die Story entwickeln wird. Es folgt eine kurze Übersicht zum Konzept der Show, welche das zentrale Thema des Buches darstellt. Anschließend geht es auch schon mit der eigentlichen Erzählung los, die aus Sicht der etwa 17-jährigen Kass Kennedy erzählt wird, die nur durch einen Zufall noch in die Show gelangt ist und sich in ihrem vorherigen Leben eher als langweilig beschreiben würde.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Thea (von ihrer Freundschaft darf innerhalb des sogenannten „Hauses“ jedoch keiner wissen) kämpft sie um den Sieg. Doch schon nach der ersten Nacht im Haus zeigt sich, dass dort etwas faul sein muss. Auch wenn alle Kandidaten vor Beginn der Show einen Psychotest absolvieren mussten, in dem überprüft wurde, ob sie den Anforderungen des Spiels standhalten können, kommen einige Teilnehmer schnell an ihre Grenzen. Das Motto „Traue niemandem!“ sorgt für großes Misstrauen untereinander, gegenseitige Anschuldigungen und Spannung, wodurch die Stimmung im Haus schnell kippt. Aus der ständigen Angst, das nächste Opfer der (Spiel)-Mörder zu werden, wird schnell Realität, als deutlich wird, dass die Ermordeten wirklich tot sind und das Spiel längst kein Spaß mehr ist. Hohe Mauern, verschlossene Feuerschutztüren und keine Kontaktmöglichkeiten nach außen scheinen ein Entkommen unmöglich zu machen.

Da man als Leser nur das weiß, was auch Kass Stück für Stück herausfindet, fällt es unweigerlich schwer, das Buch aus der Hand zu legen. „Wer steckt hinter den Morden?“, „Welchem Teilnehmer kann man trauen und wer spielt den anderen nur vor, mit ihnen in einem Boot zu stecken?“ sind die zentralen Fragen, die man sich beim Lesen stellt. Nach und nach wird klar, dass es vielleicht neben einem der Produzenten außerhalb des Hauses auch eine Person in den Reihen der Teilnehmer geben muss, die mit für die Morde verantwortlich ist.

Langsam aber sicher kommt Kass der Sache näher, wobei immer neue Wendungen dafür sorgen, dass das Buch bis zum Ende spannend bleibt. Mit jedem Kapitel lernt man die noch übrigen Charaktere besser kennen, was die Frage, wem man ein doppeltes Spiel zutraut, dennoch nicht einfacher zu beantworten macht.

Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen etwas konstruiert wirkt und es sich nicht immer ganz logisch anfühlt, wie beispielsweise die Rolle von Kass‘ Freund Lewis, der sich unbemerkt vom Täter im Haus aufhalten kann, oder auch die vielen Geheimgänge, die von den Bewohnern nicht bemerkt werden, liest sich das Buch flüssig, was u.a. an vielen Dialogen und einer alltagsnahen Sprache liegt.

Fazit

Ein gelungener Thriller, der durch seine abwechslungsreiche Story mit vielen Wendungen bis zum Schluss spannend bleibt und durch eine sympathische Protagonistin nebst interessantem Setting überzeugen kann.

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