The Factory – Es gibt kein Entkommen
- Fischer Sauerländer
- Erschienen: Januar 2026
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Der schöne Traum, der ein Alptraum wurde.
Der 13-jährige Asher scheint das große Los gezogen zu haben: ein Jahr in der „Factory“, ein prestigeträchtiges Experiment, das eine glänzende Zukunft verspricht. Die Werbebroschüren zeigen lachende Jugendliche vor riesigen Pasta-Schüsseln und verheißen moderne Bildungschancen. Versprochen werden „Freundschaften fürs Leben“ und „der wichtige Anteil an der Zukunft unserer Nation“! Den Eltern der Teilnehmer*innen winkt zusätzlich eine horrende Summe Geld, was das Angebot fast unwiderstehlich macht. Der kleine Haken an der Sache ist nur der, dass das Geld natürlich nur in voller Höhe ausgezahlt wird, wenn die Kinder tatsächlich ein Jahr in der „Factory“ bleiben.
Doch die schöne Fassade bröckelt für Asher schon in der ersten halben Stunde: Die Anlage liegt in einer lebensfeindlichen Wüste hinter Stacheldraht. Statt Wohlfühlatmosphäre erwarten ihn brutale Desinfektionen, Einheitskleidung und die Beschlagnahmung jeglichen Privatbesitzes. Asher begreift viel zu spät, dass er sich nicht in einem Bildungsprojekt, sondern in einem Albtraum befindet ...
Fragen sind hier nicht erwünscht
Catherine Egan entführt ihre Leser in eine beklemmende Zukunft, in der Jugendliche als Versuchskaninchen für mysteriöse Experimente herhalten müssen. Die Autorin spielt geschickt mit der Ungewissheit: Fragen sind streng verboten, jede Gefühlsregung wird von Kameras überwacht, und Freundschaften werden im Keim erstickt.
Mit jedem Kapitel zieht die menschenfeindliche, sterile Welt der „Factory“ den Leser tiefer in ihren Bann. Die ständige Frage nach dem „Warum“ schwebt wie eine dunkle Wolke über der Handlung, während man gemeinsam mit den Protagonisten versucht, den Sinn hinter den grausamen Versuchen zu entschlüsseln.
Starke Heldinnen und Helden
Besonders stark ist der Roman bei seinen Charakteren: Mit Asher hat Egan einen empathischen, phantasievollen Helden geschaffen, dessen Schicksal einen nicht kaltlässt. Ihm zur Seite steht die rebellische Vi, die sich weigert, das System klaglos hinzunehmen. Ein besonders gruseliges Detail ist die Erkenntnis, dass beide zu den „Vergessenen“ gehören – Kinder, die kaum jemand vermisst. Besonders faszinierend (und erschreckend) sind die eingestreuten Beschreibungen zukünftiger Ereignisse, die gleichzeitig klarmachen: Für unsere Helden werden diese Momente niemals eintreten. Sie werden sich nicht ineinander verlieben, nicht zu einem tollen Konzert gehen und nicht abends gemeinsam an einem Lagerfeuer sitzen.
Mein größter Kritikpunkt betrifft den Aufbau dieser Dilogie: Während die Atmosphäre und die Charaktere überzeugen, verweigert die Autorin in diesem ersten Band jegliche Form der Auflösung. Sicherlich müssen Geheimnisse für den zweiten Teil bewahrt werden, doch hier bleibt der Leser fast völlig im Dunkeln stehen. Es fehlt ein roter Faden oder eine erste Theorie, die dem Ganzen einen Sinn gibt. So bleibt nach dem Lesen ein Gefühl der Unvollständigkeit zurück.
Fazit
Catherine Egan erzählt lebendig und einfühlsam von Jugendlichen, die sich einem menschenverachtenden System widersetzen. „The Factory“ ist packend und emotional aufwühlend. Wer jedoch Antworten auf das große „Warum“ sucht, wird in diesem Band enttäuscht. Es bleibt nur zu hoffen, dass der zweite Teil die nötigen Erklärungen nachliefert.

Catherine Egan, Fischer Sauerländer

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