Vielschichtige Neuinterpretation des Romans „Little Women“ in Form eines modernen Thrillers.
Was ist mit Beth March passiert? Dass es Mord war, steht eindeutig fest, doch wer war der oder die Täter*in? Verdächtige gibt es viele, allen voran ihre drei Schwestern, die alle ein Motiv für die Tat gehabt hätten. Da wäre einmal Meg, die älteste der vier Schwestern, die bereits nicht mehr zuhause wohnt und zum Studieren weggezogen ist. Da sie zum Tatzeitpunkt nachweislich nicht in der Stadt war, kommt sie selbst für den Mord zwar nicht in Frage, doch ihr Freund John macht sich mehr als verdächtig und ihn würde sie um jeden Preis decken. Mit Beth teilte er die Leidenschaft zur Musik und gibt an, sie in der Tatnacht nach Hause gebracht zu haben.
Auch die zweitälteste der Schwestern, Jo, hätte ein Motiv. Ihr Ziel ist es, es ihrem Vater gleichzutun und als Schriftstellerin erfolgreich zu werden. Sie hat bereits viele Fans und einen Buchvertrag, doch fehlt ihr die passende Geschichte für den richtigen Durchbruch. Zudem steht sie unter großem Druck, sie muss endlich einen spannenden Text liefern, wie ihre Lektorin fordert. Wurde sie zur Mörderin, um endlich den passenden Stoff für einen Bestsellerroman zu haben?
Die jüngste der Schwestern, Amy, zählt ebenfalls zum Kreis der Verdächtigen. Ihr Ziel ist es, in Europa Kunst zu studieren. Um ihre Chancen zu verbessern, möchte sie an einem Workshop in Italien teilnehmen, für den sie viel Geld benötigt. Geld, das sie nicht hat. Sie weiß jedoch, dass Beth Geld von ihrer Tante für ein teures Internat bekommen wird, falls sie sich entscheiden sollte, an die Plumfield School zu wechseln, um im Musikzweig an ihrer Zukunft als Pianistin zu arbeiten. Würde sich Beth gegen den teuren Schulwechsel entscheiden, wäre das Geld übrig und sie könnte es zur Finanzierung ihres Workshops bekommen. War das Geld für Amy Grund genug, um zur Mörderin zu werden?
Neben den drei Schwestern gibt es noch weitere Verdächtige, die im Laufe der Ermittlungen im Fokus der Detectives stehen. Merkwürdigerweise ist auch der Vater der Schwestern verschwunden, zu dem die vier seit der Trennung der Eltern eine unterschiedliche Verbindung haben. Nachdem er als Schriftsteller das Buch „Little Women“ über das Leben seiner Töchter geschrieben hat, stand er ziemlich in der Kritik, da er ihr Privatleben öffentlich gemacht hat. Doch auch Amys Kunstlehrer, der besagten Workshop leitet, Megs Freund John oder auch Beth eigener Freund Henry könnten ein Motiv haben. Wird der wahre Täter am Ende gefunden werden?
Klassiker neu interpretiert
Vielleicht kommt dem ein oder anderen Leser die Geschichte in Teilen bekannt vor. Eventuell sind es die Namen der vier Schwestern, der Titel des Romans, den ihr Vater über seine Töchter geschrieben hat oder auch die Tatsache, dass Beth stirbt. Eine Erklärung hierfür ist schnell gefunden, denn Katie Bernet hat für ihren Debutroman einen Klassiker neu interpretiert. Ihr Buch basiert auf den bereits 1868 erschienenen Jugendroman „Little Women“ von Louisa May Alcott, der überraschend zum Bestseller wurde und zu dem es inzwischen auch mehrere Verfilmungen gibt.
Katie Bernet ist eingefleischter „Little Women“-Fan und die älteste von drei Schwestern, sodass ihr eine Neuinterpretation des Romans sicher nicht schwergefallen ist, kennt sie doch sowohl die Geschichte als auch das Aufwachsen mit mehreren Schwestern nur zu gut.
Interessant sind dabei vor allem die vielen verschiedenen Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird. Jede der vier Schwestern kommt zu Wort, wobei die Handlung zusätzlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Setzt die Gegenwartsgeschichte mit dem Bemerken von Beth Verschwinden und kurz darauf mit dem Auffinden ihrer Leiche ein und wird anschließend von diesem Zeitpunkt aus weitererzählt, springt die Geschichte in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Punkten, die Relevanz für die Gegenwart und die Suche nach dem Täter haben.
Aufbau und Gestaltung
Um zu wissen, aus wessen Sicht und zu welchem Zeitpunkt man sich gerade in der Geschichte befindet, beginnt jedes der insgesamt 62 Kapitel mit dem Namen der jeweiligen Schwester und dem Zusatz „heute“ oder „vorher", womit der Zeitpunkt vor Beth‘ Tod gemeint ist. Dadurch, dass die Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven erzählt wird, puzzelt sich das Rätsel um Beth Tod nach und nach zusammen, wobei die Geschichte viele Wendungen nimmt. Eine Schwester nach der anderen wirkt verdächtig, da sie ein Motiv zu haben scheint, doch auch andere Figuren des Romans kommen für die Tat in Frage.
Die wechselnde Ich-Perspektive ermöglicht es, die Gedanken und Gefühle der Schwestern hautnah mitzuerleben. Oft hat man einen Wissensvorsprung gegenüber den anderen Schwestern und weiß, warum die jeweilige Figur auf eine bestimmte Weise reagiert. Dabei ist es interessant mitzuerleben, wie die unterschiedlichen Charaktere miteinander interagieren oder wie sie mit den jeweiligen Situationen umgehen.
Dadurch, dass man der Wahrheit nur stückchenweise näherkommt, bleibt die Geschichte bis zum Schluss spannend. Da Beth‘ Todesszene aus ihrer eigenen Sicht erzählt wird, weiß man als Leser zwar ab einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte, wer der Täter ist, doch kommt es am Ende noch zu einem nervenaufreibenden Showdown, bei dem sich die Situation dramatisch zuspitzt.
Fazit
Ein vielschichtiger Roman, der durch seine vier verschiedenen Perspektiven und die geschickte Verknüpfung der Geschehnisse aus der Vergangenheit mit der Gegenwart bis zum Schluss spannend bleibt. Katie Bernet ist eine interessante Neuinterpretation des Klassikers „Little Women“ gelungen, mit der sie die über 150 Jahre alte Geschichte in die heutige Zeit versetzt.



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