Ein zutiefst berührender, dringlicher und vielschichtiger Coming-of-Age-Roman, der uns alle etwas angeht.
Das „Chahal“ und das „Sanghera“ trennt nur eine Straße, doch die Leben von Dilly und Heer könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Ihre Wege kreuzen sich nie, dafür sitzt die Feindschaft zwischen den beiden indischen Einwandererfamilien zu tief. Die Takeaways stehen seit jeher in offener Konkurrenz zueinander und gönnen sich nichts. Anfeindung erleben Dilly und Heer jedoch auch in anderen Kontexten, denn als Ausländer gehören sie zur Minderheit in der sächsischen Kleinstadt Piesnitz. Mobbing und Ausgrenzung sind schon immer Teil ihres Schulalltags, was es nicht gerade leichter macht, Freundschaften zu schließen.
Doch der geplante Bau eines großen Einkaufszentrums sorgt dafür, dass sich Dilly und Heer plötzlich auf derselben Seite befinden. Zusammen mit vielen anderen Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe „Peacenitz“ geben sie alles, um das Bauvorhaben zu verhindern, die Takeaways zu retten und für ein buntes, weltoffenes Piesnitz einzutreten. Denn der Gegenwind aus der rechten Ecke wird kontinuierlich stärker: Das Aufhängen von Plakaten kann zur Gefahr werden, das „Peacenitz“-Quartier wird immer öfter mit rechten Parolen beschmiert, und gerade Dilly muss erkennen, dass Freundschaften daran zu Bruch gehen können ...
„Diese Rolle als Quotenausländer bedeutet, dass ich mich immer so unauffällig wie möglich verhalten muss, denn von mir hängt der Ruf aller Migranten Deutschlands ab.“
Der zweite Jugendroman der in Sachsen aufgewachsenen Autorin Amani Padda ist ein sehr persönlicher, politischer und aktueller Coming-of-Age-Titel, der eine ganze Bandbreite an Themen mit sich bringt. Es geht um den Mut, Widerstand zu leisten und rechten Gruppierungen sowie deren ausgrenzenden, menschenverachtenden Narrativen jeden Tag aufs Neue etwas entgegenzusetzen. In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage aufgeworfen, wie weit die Loyalität mit der eigenen Heimatstadt reichen soll und kann. Kommt irgendwann der Punkt, an dem Aufgeben die einzige Option ist und die Zukunft ganz woanders liegt? Der Roman möchte vor allem auch die Message weitergeben, dass ein Satz wie „Im Osten sind doch alle rechts“ den unermüdlichen Einsatz so vieler Aktivistinnen und Aktivisten, die sich diesem Rechtsruck entgegensetzen, unter den Teppich kehrt. Gerade für den Schulunterricht eignet sich Dillys und Heers Geschichte sehr gut, um über derzeitige gesellschaftliche und politische Entwicklungen ins Gespräch zu kommen.
Anders als man es vielleicht vermuten könnte, handelt es sich hier um keinen klassischen Liebesroman. Zwar ist die Entwicklung „Enemies-to-Lovers“ schon erkennbar, aber mit einer klaren „Friends“-Zwischenstufe. Zumal Heer auch noch eine Vergangenheit mit Milena, ebenfalls „Peacenitz“-Mitglied, zu klären hat. Heer ist bisexuell, was den Roman auch mit Blick auf die Suche nach der eigenen sexuellen Identität einmal mehr zu einer wunderbar vielschichtigen Lektüre macht. Dass zwischen Dilly und Heer Gefühle entstehen, ist spürbar, doch wo die Reise hingeht, ist alles andere als vorhersehbar.
„Dabei ist das Schlimmste an Depressionen ihre Wortlosigkeit. Sie reißt dir Stück für Stück die Silben raus. Sie überzeugt dich davon, dass du nichts zu melden hast und es gar nicht erst versuchen sollst.“
Sowohl Dilly als auch Heer haben beide ihre Päckchen zu tragen. Sie wissen, was innere Leere und Hoffnungslosigkeit bedeuten. Und wie schwer es manchmal ist, aus einem Loch wieder herauszukommen. Heer leidet sehr unter dem Verlust ihres Vaters, der vor einem Jahr durch einen schrecklichen Autounfall ums Leben gekommen ist. Im Laufe der Handlung wird offenbart, dass es vielleicht kein einfacher Unfall war. Die ständige Konkurrenz zwischen dem „Chahal“ und dem „Sanghera“ hat beide Familien jahrzehntelang ausgezehrt und in Atem gehalten. Höher, besser, weiter - bloß nicht aufgeben oder negativ auffallen. Diese Devise haben nicht zuletzt die Väter an Dilly und Heer weitergegeben. Während das „Chahal“ zu einer beliebten Adresse in Piesnitz wurde, scheint sich das „Sanghera“ kaum noch über Wasser halten zu können. In beiden Familien herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit. Die fehlende offene Kommunikation über die eigenen Träume, Sorgen, Ängste und Wünsche setzt sowohl Dilly als auch Heer sehr zu. Nach und nach werden diese Mauern eingerissen.
Das Thema psychische Gesundheit spielt eine wichtige Rolle, manchmal sind es nur Andeutungen. Doch die Geschichte setzt dennoch ein klares Zeichen, wie wichtig es ist, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Alles mit sich selbst auszumachen, ist auf Dauer keine Lösung. Noch schwieriger wird es jedoch, wenn einem von außen immer wieder mangelnde Wertschätzung und Ablehnung entgegengebracht wird. Der Roman zeichnet damit eine bewundernswerte Entwicklung von zwei jungen Menschen nach, die nicht nur lernen, für sich selbst einzustehen, sondern auch den Mut besitzen, es für andere gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Piesnitz bleibt bunt!
Fazit
Eine große Leseempfehlung für alle, die auf der Suche nach einer gesellschaftlich relevanten, politischen und emotional tiefgründigen Geschichte sind, die einmal mehr zeigt, wie wichtig und mutig es ist, für die eigenen Werte einzustehen.



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