Zwei Welten, eine Liebe.
Als Mo von der Schule geworfen wird, fühlt er sich wie in einem luftleeren Raum. Was soll er nun machen? Das Probearbeiten im Friseursalon von Herrn Franz ist ein Glücksgriff. Von nun an taucht Mo jeden Tag in eine andere Welt ein: Im Salon gehen die noblen Wienerinnen und Wiener ein und aus. Sein Zuhause könnte nicht unterschiedlicher sein: Zusammen mit seiner Familie musste er vor ein paar Jahren vor einem Krieg nach Österreich fliehen. Seitdem ist nichts mehr wie es einmal war. Seine Eltern sind nie wirklich angekommen, sein Bruder Faris benimmt sich seit einiger Zeit noch herrischer als sonst, und seine kleine Schwester Maryam scheint auch etwas zu verbergen. Mo fühlt sich fehl am Platz. Bis zu dem Tag, an dem er auf Moritz trifft.
Bei Moritz kann Mo sein, wie er ist. Auch wenn es ihm schwerfällt, öffnet er sich ihm immer mehr. Hier vergisst Mo all die Sorgen rund um seine Familie. Unbeschwert ist es jedoch nie, denn Mo und Moritz wissen, dass ihre Familien niemals begeistert von ihrer zarten Liebe sein werden. Mo hat muslimische Wurzeln, Moritz ist Jude. Als die beiden Jungs herausfinden, welch grausame Wahrheit sich hinter Faris’ gefühlskaltem und bestimmendem Verhalten verbirgt, stehen sie vor noch größeren Fragen ...
„Alle Menschen sind gleich. Manche werden versuchen, dir anderes einzureden. Glaube ihnen kein Wort, Mo.“
Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Julya Rabinowich hat mit Mo und Moritz ein besonderes Liebespaar geschaffen, das, verankert in zwei vollkommen gegensätzlichen Lebenswelten, den Weg zueinander findet. Da ist Mo, der durch die Kriegserfahrungen ein Trauma erlitten hat und immer wieder von der Vergangenheit eingeholt wird. In seiner Familie gehen alle anders mit dem Erlebten um, wodurch Spannungen und eine gewisse Entfremdung voneinander entstehen. Ein Outing kommt für Mo nicht in Frage, denn seine Eltern und sein Bruder offenbaren ihre Homophobie allzu offen.
Dagegen scheint der liberal-intellektuelle Haushalt, in dem Moritz aufwächst, der krasse Gegensatz zu sein. Die Homosexualität ihres Sohnes ist für Moritz’ Eltern beispielsweise kein großes Thema. Unter der harmonischen Oberfläche schwelen jedoch auch hier unausgesprochene Gedanken und Konflikte. Moritz und seine Eltern tragen ein Generationstrauma mit sich, ausgelöst durch das grauenvolle Leid, das der Familie seiner Großmutter im Nationalsozialismus widerfahren ist. Gleichzeitig wird jedoch nicht darüber gesprochen. Dieses Schweigen belastet Moritz enorm, und nicht selten scheint er diese Unsicherheit durch ein selbstbewusstes, lockeres Auftreten zu kaschieren.
Für Mo und Moritz spielt ihre unterschiedliche Herkunft keine Rolle. Erst sehr spät wird Mo beispielsweise überhaupt klar, dass Moritz jüdisch ist. Es sind vielmehr Kommentare von außen, die gerade Mo darauf schließen lassen, dass ihre Verbindung von anderen als Problem angesehen werden könnte. Zutiefst beschämt wird er Zeuge eines antisemitischen Angriffs seines eigenen Bruders auf einen vorbeigehenden Juden.
Ein bisschen Bauchgrummeln bereitet einem beim Lesen die Tatsache, dass in Bezug auf Mos Familie doch sehr viele Klischees und Stereotype bedient werden. Ein sich radikalisierender Bruder, der im Storyverlauf eine immer größere Rolle einnimmt, ein Vater der kein Deutsch kann und durch sein aufbrausendes Verhalten auffällt, und eine Mutter, die sich klein macht und den großen Bruder immer wieder in Schutz nimmt. Mos 13-jährige Schwester Maryam ist dagegen auf der Suche nach Freiheit und Individualität. Sie packt sich immer andere Kleidung für die Schule ein und wird zu „Miranda“. Es bleibt an vielen Stellen das Gefühl eines „zu viel“ in der Figurenzeichnung hängen. Auch der Spannungsbogen hätte auf weniger extreme Elemente setzen können.
Eine beispielhafte Geschichte
Ganz bewusst bleibt die Autorin in vielen Aspekten der Story sehr vage. So wird nicht erzählt, aus welchem Land und vor welchem Krieg Mos Familie geflohen ist. Die Intention dahinter: Es gibt so viele Mos in unserer Gesellschaft. Häufig bleiben ihr Leid und das Trauma, das sie erlitten haben, im Alltag unsichtbar. Das gleiche gilt für Moritz, seine Eltern und seine Großmutter. Der Holocaust und das damit verbundene Trauma ist mit jedem Blick an die Fotowand im Wohnzimmer präsent. Daraus resultierende Ängste, Sorgen und Unsicherheit prägen gerade den Alltag von Moritz’ Mama.
Eine ganz wunderbare Nebenfigur ist Rabinowich mit dem Salonbesitzer, Herrn Franz, gelungen. In dem noblen Wiener Friseursalon, der absolut gar nichts mit Mos Lebensrealität zu tun hat, vermittelt ihm Herr Franz jeden Tag aufs Neue das Gefühl, genug zu sein. Alle Menschen sind gleich, keiner ist mehr oder weniger wert als ein anderer. Herr Franz begegnet seinem Gegenüber immer mit Respekt und Empathie. Etwas hochnäsige, versnobte Kundinnen und Kunden nimmt er ein wenig von ihrem überbordenden Glanz, während er die leisen, unscheinbaren Menschen um sich herum zum Strahlen bringt.
Erzählt wird die ganze Zeit über aus der Sicht von Mo. Durch das Schreiben in der dritten Person bleiben die Leserinnen und Leser nah dran an Mo, gleichzeitig wird eine gewisse Distanz geschaffen. Ein nahezu poetischer Schreibstil voller Metaphern und gehobener Wortwahl fordert die Zielgruppe eventuell hier und da etwas heraus. Tatsächlich fiel es leider mir oft schwer, die Verbindung zwischen Mo und Moritz zu spüren. Mit der Intro- und Extrovertiertheit der beiden Charaktere prallen zwei Persönlichkeiten aufeinander, deren Basis sehr fragil scheint. Manches geht sehr schnell und ohne viele Worte. Sie lieben sich, das ist offensichtlich. Nur hat man beim Lesen manchmal das Gefühl, das Kennenlernen und Verlieben verpasst zu haben.
Fazit
Ein sehr vielschichtiger Coming-of-Age-Roman, der sich beispielsweise auch für den Schulunterricht eignet. In seiner Beispielhaftigkeit bleibt viel Raum für Gespräche und Diskussionen.



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