Ein wunderbar anderes Jugendbuch über unsere Erwartungen an die Liebe und das Leben.
Neon und Aria sind schon seit zwei Jahren zusammen. Sie lieben sich, vertrauen einander und möchten nun eine neue gemeinsame Erinnerung schaffen: das erste Mal. Als Neon 24 Sekunden davor im Badezimmer vor dem Spiegel steht, ist er extrem nervös. Wird er sich blamieren? Was wird Aria von ihm denken? Wie kam er eigentlich hierhin? Zeit, um zurückzublicken auf 24 Minuten, 24 Stunden, 24 Tage, 24 Wochen und 24 Monate zuvor.
Wer kann schon behaupten, die große Liebe bei einer Beerdigung kennengelernt zu haben? Neon nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, erzählt von Freundschaften in der Highschool, einem adoptierten Hund, schwierigen und neugierigen Familienmitgliedern und der Angst vor der Zukunft. Und von ganz viel Liebe, den manchmal sehr peinlichen Ratschlägen seiner Eltern und Großeltern zum ersten Mal und deren Beziehungen. Irgendwie kam Neon schließlich an diesen Punkt, an dem er nun steht. Wird es danach anders sein?
„Wäre das ein Film, würde nun der Mond auf unsere Gesichter scheinen. Und unsere Körper würden zu tanzenden Schatten an der Wand. […] Aber für uns gab es keine Regieanweisungen und keinen Regisseur, der ansagte, wie wir uns bewegen sollten.“
Der bekannte US-amerikanische Autor Jason Reynolds nähert sich mit seinem neuesten Jugendbuch einem Thema an, das sehr viele junge Menschen umtreibt: das erste Mal. Manche beschäftigt es früher, manche später, manche auch gar nicht. Für Neon und Aria ist es jedenfalls etwas ganz Besonderes, das einer gewissen Vorbereitung bedarf. Anders als man es jetzt vielleicht vermuten würde, haben wir es hier jedoch nicht mit einer „Anleitung“ zum Thema Sex zu tun. Vielmehr ist dieses Ereignis der Aufhänger für einen Blick zurück.
Dabei entfernen sich die einzelnen Kapitel in einem collagenartigen Handlungsaufbau immer weiter vom Badezimmer-Moment. Aus 24 Sekunden vorher, werden 24 Minuten, Stunden, Tage, Wochen und letztlich Monate. Trotz der Zeitsprünge hat man beim Lesen nie das Gefühl, den Faden zu verlieren, da die einzelnen Episoden immer lose miteinander verbunden sind und das Eintauchen erleichtern. Erzählt wird dabei ausschließlich aus Neons Sicht. Und gerade dieser sympathische, authentische und empathische 17-jährige Protagonist macht diese Geschichte so lesenswert. Der Schreibstil strotzt nur so vor Humor, Selbstironie und einem wunderbar optimistischen Blick auf das Leben.
Die 192 Seiten gleichen gewissermaßen einem Querschnitt von Neons Leben, seiner Familie und seinen Freundschaften. Und obwohl es ein verhältnismäßig kurzes Buch ist, schafft die Handlung es immer wieder zu überraschen. Und das liegt in erster Linie an den besonderen Charakteren und deren Leidenschaften. So gehört Neons Vater der im Viertel sehr beliebte Bingosaal, in dem sein Sohn regelmäßig aushilft. Der andere Teil der Familie hat sich dem Türklopfer-Handwerk verschrieben und fertigt außergewöhnliche Einzelstücke an. Zum Beispiel eine ganze Note für Arias musikalische Familie mit einem Vater als Dirigenten (dem „Maestro“), einer bekannten Trompetenspielerin als Mutter und der gesangsbegabten neunjährigen Schwester Turtle, die die Töne in Farben (Synästhesie) sieht. Auf den Wunsch von ihr wurde das Haus schon mehrfach neu gestrichen, z.B. pink oder gelb.
Zwischen den Zeilen steht so viel mehr
Manche Figuren wirken auf skurrile Art und Weise liebenswürdig, wie zum Beispiel Neons Freund Dodie, der Sänger einer Punkband ist, nur mit Sonnenbrille herumläuft und sich als Bad Boy und Frauenversteher schlechthin darstellt, obwohl er vermutlich keinerlei intime Erfahrungen bis jetzt gemacht hat. Eigentlich müsste man von ihm genervt sein, wüsste man nicht, dass dieses übertriebene Verhalten Teil einer Kompensation für so vieles andere ist. Jeder und jede hat eine eigene Geschichte. Manchmal bleibt diese verborgen, manchmal kommen wir erst nach und nach dahinter. So hat Aria immer wieder Streit mit ihrer Mutter, da diese ihre Tochter stets unter einen enormen Leistungsdruck setzt und nie zufrieden mit ihr ist. Obwohl man Aria so sehr eine Mutter wünscht, die zu jedem Zeitpunkt zeigt, dass sie ihre Tochter liebt, erfährt man auch von der traumatisierenden Kindheit der Mutter, die die Vergangenheit noch immer wie einen schweren Rucksack mit sich herumträgt.
Diversität und Vielfalt werden so selbstverständlich gelebt, ohne dabei zu vergessen, dass gesellschaftliche Ungleichheiten noch immer da sind und Freiheiten hart erkämpft wurden. So lebt Neon beispielsweise in Paradise Hill, einem alten Schwarzen Viertel mit rissigen Gehwegen und ölgefleckten Straßen, in dem Nachbarschaft gelebt wird. Das Türklopfer-Business hat Neons Urgroßvater damals ins Leben gerufen, um die Türen Schwarzer Menschen und armer Menschen zu verschönern. Manchmal werden wichtige Themen auch nur im Nebensatz genannt, so wie die Tatsache, dass Neons Freundin Tuna seit ihrem Outing keinen Kontakt mehr zu dem Vater hat, da dieser nicht mit ihrer Homosexualität klarkommt. Ihre drei Worte für das Jahrbuch beim Highschool-Abschluss: „Alles wird gut.“ Und genau das ist die wundervolle Message dieses Buches: Es ist nicht alles perfekt und rosarot, aber man darf hoffen und lieben. Und diese Mischung gibt uns so viel.
Ein klitzekleiner Kritikpunkt wäre für mich, dass die Beziehung zwischen Neon und Aria stellenweise sehr perfekt wirkt. Ein paar mehr Tiefen hätten die Höhen etwas authentischer wirken lassen. Sehr gut gelungen ist jedoch der Umgang mit der enormen Erwartungshaltung an das Finale: Obwohl das erste Mal der Ausgangspunkt und das Ziel dieser Story ist, wird der Sex selbst am Ende gar nicht beschrieben. Es zählt vielmehr die Tatsache, dass Aria und Neon sich mit Wertschätzung, Vertrauen und Ehrlichkeit aufeinander einlassen. Und das ist doch das Wesentliche.
Fazit
Ein wunderbar lebensnahes Jugendbuch abseits des Mainstreams, das die Wünsche, Sorgen und Ängste der Zielgruppe authentisch beschreibt. Schwierige Themen werden nicht ausgespart, sondern sensibel in die Story integriert. Sehr gerne empfohlen.



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