Evermind

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Sabine Bongenberg
8101

Jugendbuch-Couch Rezension vonJan 2026

Wenn die Super-MAM alles regelt…

Als die Menschheit im Jahr 2044 das eigene Denken einstellte und auf einen Superrechner übertrug, da waren sich alle sicher, das Richtige zu tun. Zwei Weltkriege hatten die Welt erschüttert, verschiedene hausgemachte Naturkatastrophen Kontinente an den Rand des Untergangs gebracht. Da erschien es nur natürlich, das Schicksal der Erde in die „Hände“ einer kühl kalkulierenden Maschine zu geben und darauf zu vertrauen, dass der emotionslose, nüchterne Weg zu besseren Entscheidungen als der der menschlichen Regierungen führen könnte. So nahm die „Multipurpose Artificial Mind“ ihren Dienst auf, und schnell ließ sie sich von jedem „MAM“ nennen. Genau wie die liebevollste aller Mütter überwacht sie alles, entscheidet alles und weiß alles am Besten. „MAM“ entscheidet, wer welche Kalorien zugeteilt bekommt, wer welchen Beruf ergreift und wer sich mit welchen Menschen anfreundet und mit ihnen seine Zeit verbringt. 

Viele Jahre später ist Livia seit ihrer Geburt daran gewöhnt, dass MAM alles regelt. Dennoch stellt sich die 16jährige immer öfter die Frage, ob sie es eigentlich so will, dass sich die KI immer weiter in ihr Leben einmischt, sind ihre Methoden doch manchmal fragwürdig. Unterstützung erfährt sie dabei von Cassian, einem jungen Mann, der hinter seiner finsteren Fassade besondere Geheimnisse verbirgt. Beide beginnen das zu tun, was einer KI nur als äußerst suspekt erscheinen muss: Sie beginnen, ihren eigenen Kopf einzusetzen und ihre eigenen Welten einzurichten. Selbstverständlich kann MAM das nicht auf sich sitzen lassen und ihre Strafen treffen nicht nur da, wo es schmerzt, sondern auch da, wo es richtig gefährlich wird. 

MAM weiß am besten, was gut für dich ist

Vielleicht wäre für so manche*n von uns die Vorstellung gar nicht so gruselig: Da ist eine Maschine, die unseren Tag komplett regelt. Der Proteindrink – lecker, sättigend, gekühlt, in verschiedenen Geschmacksrichtungen – ist jederzeit erhältlich und der Tag ist perfekt strukturiert. Den Abend verbringt man mit den besten Freunden in den angesagtesten Bars, und das sogar ohne einen Cent dafür zu bezahlen, denn da sich das Leben der neuen Welt unter der Erde abspielt, finden alle Freizeitattraktionen nur noch in der virtuellen Simulation statt. Man könnte sich also allerbestens und bequem einrichten - wenn es nicht doch ein paar eigenartige Dinge gäbe. So stellt die Heldin und Ich-Erzählerin Livia in ihrer Krankenschwesterausbildung fest, dass zwar ihre alte Erzieherin Mathea mit einem Schlaganfall eingeliefert, aber doch überraschend schnell wieder entlassen wurde. Wie kann das zugehen? Und wie lässt es sich erklären, dass Mathea nirgendwo aufzufinden ist? Es ist rätselhaft.

Melissa C. Hill baut sorgfältig und detailliert ihre Geschichte über die schöne, neue Welt auf. Livia hat gelernt, sie zu akzeptieren - und das funktioniert auch bis zu dem Tag, an dem sie den zornigen, jungen Cassian kennenlernt, ganz gut. Mit seiner Hilfe (und auch wegen einiger eigenartiger Vorkommnisse) beginnt sie - und mit ihr der/die Leser*in - die bisher heile Welt zu hinterfragen. Wie schnell sie aber damit MAM’s Zorn und Strafen auf sich zieht, das wird so spannend erzählt, dass man das Buch kaum aus den Händen legen mag. Schön aufgebaut und beschrieben wird auch die neue Beziehung, die sich zwischen Livia und Cassian entwickelt. Eine zusätzliche besondere Spannung stellt sich dabei aber noch immer mit der Frage: Wie weit hat MAM auch hier ihre Finger im Spiel?

„Für MAM sind wir alle austauschbar…“

Dennoch ist es nicht allein die Technik, die hier die Rolle des Bösewichtes übernimmt. Wenn ein solches System funktionieren will, dann braucht es menschliche Helfer*innen, um es zu stützen. Im Gegenzug braucht es aber auch genauso diese Akteure, um es zu Fall zu bringen. Livia, Cassian und ihre Freunde stellen fest, dass sie irgendwann an einem Scheideweg ankommen müssen. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob MAM’s Entscheidungen nur verbesserungswürdig sind, sondern ob sie die Grundfesten davon berühren, was uns als Menschen ausmacht. Wer aber diese Entscheidungen einer kalt rechnenden Maschine überlässt, der kann nur feststellen, dass deren Weg in die Finsternis führt. Auf dem Weg zu dieser Entscheidung fand ich die Erzählung manchmal als etwas zu ausführlich. Auch hätte ich mir schon gedacht, dass eine Super-Intelligenz ganz bestimmt früher in Entwicklungen eingreift, die ihr nicht gefallen. Hier habe ich dann zwei Punkte aus der Gesamtwertung abgezogen, wobei mir auch bewusst ist, dass das bestimmt Meckern auf hohem Niveau ist.

Fazit

Melissa C. Hill erzählt spannend und mitreißend, wie sich das Schicksal der Menschheit gestalten kann, sofern diese nur bereit ist, alles einem Supercomputer anzuvertrauen. Die verlockende Aussicht von einem Leben, in dem alles technisch geregelt wird – kann sie den Anspruch auf Menschlichkeit und auf eigene Entscheidung verdrängen? Und was noch wichtiger ist: Lässt sich die alles-regelnde, alles-wissende, alles-voraussehende KI tatsächlich wieder die Zügel aus der Hand nehmen – zumindest ohne sich erbittert zu wehren?

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