Was wir nicht sagen können

  • cbt
  • Erschienen: März 2026
  • 1
Was wir nicht sagen können
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Theresa Mürmann
7101

Jugendbuch-Couch Rezension vonJun 2026

Wenn die Vergangenheit alles bestimmt - ein dramatischer Coming-of-Age-Roman über Mental Health.

Lennox Winter wünscht sich endlich einen Neuanfang, als er vier Wochen nach Schuljahresbeginn an das Schweizer Eliteinternat „Collège du Lac et Mont“ wechselt. Hier darf niemand etwas von seiner Vergangenheit erfahren. Unter dem Radar bleiben, nicht auffallen - das ist Lennox’ Vorhaben. So ganz klappt das jedoch nicht, denn als er auf Katharina Fletcher trifft, kann er nicht anders als ihre Nähe zu suchen. Denn wenn Katharina Klavier spielt, ist es in seinem Kopf endlich ruhig. Nur die Musik - keine Panik, keine Angst, keine rasenden Gedanken.

Katharina und Lennox kommen sich bald näher und blicken einander nach und nach hinter die jeweilige Fassade. Während Katharina unter dem Leistungsdruck und den Erwartungen ihres Vaters leidet, hat ein einziger Tag für Lennox alles verändert: der Tag, an dem sein Bruder Dennis als Amokläufer in ihrer früheren Schule fünf Menschen umgebracht hat. Seitdem ist für Lennox’ Familie nichts mehr wie es einmal war. Ständige Umzüge, neue Namen, quälende Gedanken. Doch bei Katharina hat er das Gefühl, sich anvertrauen zu können. Allerdings wird diese von ihrem Mitschüler Dexter erpresst, der nur zu gerne mehr Informationen über Lennox hätte…

„Die letzten Töne sind wie ein letzter Blick über die Schulter, bevor die Vergangenheit endlich in Stille übergeht.“

Dieser Coming-of-Age-Roman hat sich viel vorgenommen, denn das Themenspektrum ist komplex. Stück für Stück erfahren die Leserinnen und Leser die Hintergründe für Lennox’ verborgene Identität sowie seine Panikattacken. Und die Begründung hat es in sich. Meines Erachtens hätte sich das Thema Vergangenheitsbewältigung auch an einem weniger krassen Ereignis entfalten können. Bei der Aufarbeitung des Amoklaufs stolpert man beim Lesen immer wieder über die uneinsichtige, sich selbst bemitleidende Art von Lennox’ Bruder Dennis, der sich zwischendurch aus seiner Haft meldet. Die Dynamiken innerhalb der Familie, Beziehungen untereinander und Gründe für die Tat hätten mehr Beachtung finden müssen, um dieses schreckliche Ereignis einordnen zu können.

Die zarte Liebesgeschichte zwischen Lennox und Katharina hat es im Kontext der dramatischen Entwicklungen etwas schwer, sich zu entfalten. Zu viele Altlasten scheinen die beiden jeweils mit sich herumzutragen, als dass eine Beziehung auf festem Fundament stünde. Aber dies macht die Story am Ende schon wieder glaubhaft, denn es ist umso schwieriger, sich voll und ganz auf jemand anderen einzulassen, wenn die eigene Psyche den Großteil aller emotionalen Ressourcen verbraucht.

Figurenzeichnung

Ein Eliteinternat als Setting lässt schon erahnen, dass Ansehen, Leistung und Intrigen hier eine Rolle spielen. Die Protagonistin Katharina steht dabei im Zentrum des Spannungsfelds. Sie träumt von einer Musikkarriere als Pianistin, welche ihr Vater niemals erlauben würde. Sie hat das Gefühl, immer nur die Erwartungen der anderen erfüllen zu müssen. Nebenbei hält sie das perfekte Bild ihrer Familie aufrecht. Schon seit einiger Zeit erpresst Dexter Katharina mit belastenden Fotos ihrer Schwester. Nun muss sie Lennox’ Familiengeheimnis vor den skandalsüchtigen Mitschülerinnen und Mitschülern schützen. Stück für Stück fällt dieses Kartenhaus in sich zusammen. Die Figur der Katharina visualisiert eindrücklich, wie ständige Erwartungshaltung von außen, zu wenig Selbstfürsorge, mangelnde Selbstwirksamkeit und unterdrückte Träume und Wünsche die mentale Gesundheit langfristig gefährden. Das Finale hätte meiner Ansicht nach jedoch weniger schablonenhaft ausfallen können.

Geschichten leben von Entwicklungen, die ihre Figuren durchmachen. Doch manchmal kann es auch zu viel Veränderung sein: So wirkt es etwas unglaubwürdig, dass aus dem egozentrischen und intriganten Dexter, der auf alle herabschaut, nach einem plötzlichen Aha-Moment der empathische, selbstlose Freund wird. Diese Kehrtwende wirkt ein bisschen zu perfekt und konstruiert.

Was man dem Buch nicht vorwerfen kann, ist ein fehlender Spannungsbogen. Der rote Faden, das Hinarbeiten auf das große Finale, ist immer zu erkennen. Es lohnt sich auf jeden Fall, dranzubleiben.

Fazit

Ein Jugendbuch, das wichtige Akzente in Bezug auf die Bedeutung von Mental Health setzt, an manchen Stellen meiner Meinung nach jedoch weniger Drama vertragen hätte, um authentischer zu wirken.

Was wir nicht sagen können

Adriana Popescu, cbt

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