LEIMBOY

Wertung wird geladen
Theresa Mürmann
6101

Jugendbuch-Couch Rezension vonJul 2026

Ein Jugendroman, der Vermittlung benötigt.

Es ist das Jahr 1987. Nach dem Abitur möchte der 18-jährige Robert nur eines: raus aus dem schwäbischen Maubach und weit weg von seinem toxischen Elternhaus. Sein Ziel ist die geteilte Hauptstadt. Westberlin ist sein Ankerpunkt, der Hoffnungsschimmer am Horizont. Schon die Zugfahrt beeindruckt Robert nachhaltig - oder vielmehr seine Sitznachbarin, die eine unglaublich faszinierende Aura umgibt. Doch schon bald trennen sich ihre Wege wieder, und Robert findet sich etwas desillusioniert in der großstädtischen Realität wieder.

Ein WG-Zimmer in Kreuzberg und einen Job findet er zwar ziemlich schnell, allerdings fühlt er sich sowohl hier als auch dort nur mäßig wohl. Sein wenig gesprächiger Mitbewohner Henning ist kaum da, die Wohnung ungemütlich, und die Ausbildung in der Tischlerei wird vom alkoholkranken und gewalttätigen Chef überschattet. Ein Lichtblick ist Nova, die junge Frau aus dem Zug, die plötzlich mit einem Möbelstück in der Werkstatt aufschlägt. Das kann doch kein Zufall sein! Wird es für Robert noch ein Happy End geben?

„Plötzlich war er sich sicher: Aus ihm würde nie etwas werden. Er war ein Versager und lebensuntauglich.“

Auf das neueste Werk des preisgekrönten Autors Martin Muser („Weil“, „Kannawoniwasein“) haben schon viele Fans gewartet. Eingebettet in die Zeit kurz vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung handelt es sich bei „Leimboy“ um einen historischen Jugendroman, der neben den politischen Umständen der Zeit in erster Linie die persönliche Entwicklung des Protagonisten thematisiert. Es geht um Roberts Zukunftssorgen, die Entdeckung der eigenen sexuellen Identität, die Abkapselung vom Elternhaus. Ein klassischer Coming-of-Age-Titel also?

In gewisser Weise ja - allerdings kommt dieser ohne jugendliche Aufbruchsstimmung aus. Die Atmosphäre ist durchweg sehr schwermütig und trist. Depressionen oder Suchterkrankungen haben mittlerweile zwar in vielen Jugendromanen glücklicherweise ihren benötigten Platz, jedoch bleibt in diesem Fall eine gewisse Hoffnungslosigkeit zurück, die etwas Vermittlung benötigt. Robert trägt von Anfang an einen großen Rucksack an Lasten aus der Vergangenheit mit sich herum. Vor allem die Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter hat tiefe Narben hinterlassen, die nicht verheilen wollen. Wie auch? Sein neuer Chef, Kabisch, ist nicht nur ein Trinker, sondern schlägt regelmäßig seine Freundin.

Die Zielgruppe wird dieser Roman wohl nicht abholen

Flüssig und ansprechend geschrieben ist die Geschichte in jedem Fall. Der authentische und klare Schreibstil umreißt Roberts Gedanken und Gefühle sehr genau - und das obwohl in der dritten Person aus einer gewissen Distanz erzählt wird. Dennoch will keine wirkliche Nähe zu dem Charakter aufkommen, sodass sich vermutlich nur wenige junge Leserinnen und Leser mit ihm identifizieren können. Meiner Meinung nach ist das Buch eher für Erwachsene geschrieben, die sich an ihre eigene Jugend erinnern möchten oder vielleicht einen Bezug zum Berlin unmittelbar vor der Wende haben.

Die Handlung selbst baut einen gewissen Spannungsbogen auf, der vor allem aus zwei Strängen besteht: zum einen die Beziehung zwischen Robert und Nova, zum anderen die zunehmende Eskalation der Alkoholsucht und Gewalttätigkeit von Kabisch.

In beiden Fällen plätschert das Geschehen so dahin: Eine unglückliche, gar toxische Liebe wird zu den anderen Problemen in Roberts Ballast gepackt. Und auch aus beruflicher Sicht bleiben die Entwicklungen eher vage. Kabischs Fehlverhalten sorgt immerhin dafür, dass Robert in seinen Kollegen Peter und Jonas so etwas wie Freunde findet. Dennoch hätte das Finale mitreißender, wegweisender ausfallen können.

Fazit

Ein Jugendbuch, das zwar gut geschrieben ist, aber seine Zielgruppe etwas verfehlt und an dessen Ende eine gewisse Ratlosigkeit bleibt.

LEIMBOY

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »LEIMBOY«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

LGBT
in der Jugendliteratur

Alljährlich wird im Juni der Pride Month gefeiert, um die Vielfalt unserer Gesellschaft hervorzuheben. Weltweit erheben Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle und Menschen anderer sexueller Orientierungen ihre Stimme für Toleranz und stärken so die Gemeinschaft. LGBTQ+ ist schon lange kein Randthema mehr in der Jugendliteratur, sondern ein zentraler Aspekt zahlreicher Neuerscheinungen.

mehr erfahren