Spannend bis zu letzten Seite.
Brooke Goodwin hat so hart für ihre Zukunft gearbeitet. Schon als sie ein Baby war, zogen ihre Eltern ihr einen Strampler mit dem Aufdruck des Yale-Colleges an – und immer war es ihr großes Ziel, hier angenommen zu werden. Heute ist endlich der große Tag gekommen, an dem die Ergebnisse der Auswahlrunde bekannt werden.
Dennoch quälen Brooke Zweifel: Wird sich ein Unglück, das sich auf ihrer supercoolen Party ereignete, auf die Entscheidung des Auswahlgremiums auswirken? Eigentlich dürfte so etwas nicht passieren, denn jeder weiß, dass sie doch nichts für den Unfall konnte. Sie lag in ihrem Bett, als ihre ehemals beste Freundin Claire Heck an dem See, an dem alle vorher unbeschwert gefeiert hatten, ertrank. Was also hätte sie tun sollen?
Dennoch wird Brooke immer noch von Erinnerungen an diesen traurigen Abend heimgesucht. Als wäre das nicht genug, verbirgt sie ein gut gehütetes Geheimnis: Irgendjemand scheint von der Idee besessen zu sein, dass sie an Claires Tod nicht unschuldig war. Beschränkte sich dieser Unbekannte zunächst darauf, ihr fiese Streiche zu spielen, wird sie neuerdings zunehmend telefonisch belästigt.
Brooke weiß langsam nicht mehr ein noch aus. Gut, dass immerhin ihre Freundin Jena dafür sorgt, dass sie gelegentlich auf andere Gedanken kommt. Jena weiß schließlich, wo die besten Partys steigen, und endlich lässt sich Brooke wieder dazu überreden, sie zu begleiten. Ehrlich gesagt musste ihre Freundin gar nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten, hat sich doch auch Dylan angekündigt und er bringt Brookes Herz doch seit Jahren dazu einen Takt schneller zu schlagen.
Dennoch hätte sie niemals geahnt, dass ihr Herz nur wenige Stunden später in einem ganz anderen Rhythmus jagen wird: Sie und Jena werden auf der Heimfahrt von einem Unbekannten verfolgt und bedrängt. Immer gefährlicher wird die Situation und nur eines scheint den Verfolger von einem brutalen Verbrechen abhalten zu können: Brooke soll beichten! Aber was, wenn es doch NICHTS zu beichten gibt? Oder ist da doch etwas?
Ein gigantischer Gänsehautfaktor
Megan Lally überraschte im letzten Jahr mit ihrem grandiosen Thriller „That’s not my name“ und sorgte dafür, dass das Licht in vielen Schlafzimmern erst sehr spät erlosch. Jetzt legt sie einen weiteren Krimi vor. Wer hoffte, dass dieser neue Roman spannungstechnisch an den Vorgänger anschließen kann, wird nicht enttäuscht. Wie auch sein Vorgänger spielt der Roman zwar im Jugendmilieu, könnte sich aber genauso auf einem der vorderen Plätze der „Krimi-Couch“ behaupten.
Brooke berichtet auf zwei Ebenen von dem tragischen Erlebnis, das ihr Leben immer weiter überschattet. Da ist einerseits der fatale Abend, an dem ihre ehemals beste Freundin uneingeladen auf ihrer Party aufkreuzte und nicht nur für miese Stimmung, sondern auch für heftige Unruhe sorgte. Claire schien von der Idee besessen zu sein, dass Brooke an dem Unglück, das ihre Familie zuletzt ereilte, schuld war. Aber jetzt mal ehrlich – was hatte sie damit zu tun? Was kann sie dafür, dass Claires Vater entlassen wurde, die Familie umziehen musste und Claire, die bisher die Klassenbeste war, von der teuren Privatschule abgehen musste? Zugegeben: Jetzt, wo Claire weg ist, konnte Brooke Klassenbeste und Leiterin der Cheerleader werden. Aber da einen Zusammenhang zu vermuten, das ist doch lächerlich!
Überhaupt – jetzt ist Claire tot, Brooke geht bald nach Yale, Dylan könnte an einer Nachbar-Uni studieren und alles könnte in bester Ordnung sein. Man sollte annehmen, dass die Leser*innen damit voll auf Brookes Seite stehen. Dennoch sät Lally geschickt Zweifel an ihrer Person. Natürlich: Claire war offensichtlich eine boshafte, manipulative junge Frau. Aber sind es nicht Brookes Erzählungen, die sie in erster Linie so darstellen? Und ist Brooke wirklich so viel anders als Claire – selbst wenn sie wesentlich geschickter agiert?
Perfide Spiele, geschickte Zweifel
Brooke wird zu einem dramatischen Spagat gezwungen. Mit der Autojagd spitzt sich die Situation fast unerträglich zu. Wir Leser*innen wissen, dass sich schon im Vorfeld dunkle Schatten über Brookes Leben legten, aber die arme Jena wurde als Beifahrerin völlig unschuldig in diese Situation hineingezogen. Spannend schildert Lally die grausame Jagd und die verzweifelten Bemühungen der beiden Mädchen, ihrem Verfolger zu entkommen.
Das gilt ebenso für den Zeitstrang, der die tragischen Ereignisse bei der Party am See schildert. Mir gefiel hier besonders, dass es gar nicht so einfach war, Partei für eines der beiden Mädchen zu ergreifen. Lange Zeit dachte ich, dass hier die beiden Richtigen aufeinandergetroffen sind, die sich in puncto Gemeinheit manchmal nicht allzu viel schenkten.
Wie es sich für einen tollen Thriller gehört, wartet Lally mit einem Ende auf, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Hier allerdings ziehe ich im Vergleich zum Vorgängerroman ein Pünktchen ab, denn bei der endgültigen Auflösung taten sich für mich dann doch ein paar Fragen auf.
Fazit
Wohin gehst du, wenn es keinen Platz mehr gibt, an dem du dich verstecken kannst? Was machst du? Ballst du die Fäuste und kämpfst, oder musst du doch den unbequemen Platz in einem öffentlichen Beichtstuhl wählen? Diese Fragen beantwortet Lally in einem grandiosen Thriller – und wieder werden viele Schlafzimmer-Lämpchen lange brennen.



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