Auf der Suche nach Gerechtigkeit und dem richtigen Weg dorthin.
Eine neue Stadt, eine neue Schule, ein Neustart: Der Umzug soll nach dem Tod seines Vaters für Avid und seine Mutter eine Art „Reset“ sein. Die Voraussetzungen könnten jedoch nicht schlechter sein, denn beim Auspacken der Kartons wird Avids Laptop aus dem Transporter gestohlen - mit ihm alle gespeicherten Bilder und Videos von seinem Vater. Seine ganzen Erinnerungen, einfach weg. Avid sieht die Jugendlichen noch davonlaufen, rennt kurzerhand hinterher und findet das Bandenquartier: eine Hotelruine. Als Avid erkennt, dass die Polizei zur Aufklärung des Falls nicht viel unternehmen wird, nimmt er die Sache selbst in die Hand. Bei seinem Versuch, den Laptop in den Katakomben der Bande aufzuspüren, wird Avid allerdings geschnappt. Vor ihm stehen Vulkan, Sprinter, Tandem, Murmel, Pear und Key, die mit ihren Raubzügen Geld umverteilen und damit ein Stück weit Gerechtigkeit schaffen wollen. Die Bande lebt dabei das Prinzip der Gewaltfreiheit. Außerdem darf sich niemand am Diebesgut bereichern. Das Geld sowie Hardware wie Laptops oder Smartphones wird an diejenigen gegeben, die es wirklich brauchen. Kurzerhand gibt Avid vor, bei der Bande einsteigen zu wollen, denn so wird er bestimmt Zugang zum Diebesgut und seinem Laptop bekommen.
Womit Avid nicht gerechnet hat, ist, dass er wenig später selbst zum Dieb wird: Die Bande möchte einen Vertrauensbeweis, und so stiehlt er Laptops aus einem neuen Bürogebäude. Doch dabei soll es nicht bleiben, denn in den nächsten Wochen verbringt Avid seine kompletten Ferientage im Bandenquartier. Er verlegt mit seinem großen Elektronik-Wissen Stromleitungen, steigt in die Planungen für kommende Raubzüge mit ein und lernt die Jugendlichen immer besser kennen - vor allem Vulkan, die sein Herz ein bisschen schneller schlagen lässt. Irgendwann weiß Avid nicht mehr, ob der Laptop nicht nur eine Ausrede ist, um ein Mitglied der Bande zu sein ...
„Gab es die überhaupt? Die eine Gerechtigkeit? Und selbst wenn, was nutzte sie, wenn sich niemand an sie hielt? Weil sie jeder nur für sich auslegte - oder für einen überschaubaren Bereich auf dieser Erde.“
Wie weit darf man gehen, um Fairness und Gerechtigkeit zu schaffen? Inwiefern rechtfertigen gute Absichten unser Handeln? Entschuldigen die richtigen Motive eine Straftat? „Fair“ stellt genau diese Fragen, deckt Probleme auf und eröffnet Diskussionsräume für Themen, die uns als Gesellschaft alle etwas angehen. Das Buch eignet sich daher wunderbar als Schullektüre für den Unterricht.
Anders als man es wahrscheinlich vermuten würde, haben Avid und seine Mutter, die er immer beim Vornamen („Elena“) nennt, eine sehr gute Beziehung. Sie verbringen gerne Zeit miteinander, zelebrieren die gemeinsamen Mahlzeiten und interessieren sich für die Alltagssorgen des jeweils anderen. Jedoch bringt die Lücke, die der Tod von Avids Vater hinterlassen hat, diese vertrauensvolle Basis ins Wanken. Die beiden sprechen zwar viel miteinander, jedoch nie wirklich über ihn. Avids Mutter scheint in ihrem Trauerprozess sehr viel weiter zu sein als ihr Sohn: Sie freut sich auf ihre neue Arbeitsstelle im Polizeipräsidium, macht neue Bekanntschaften und schaut nach vorne. Avid dagegen hängt in und an seinen Erinnerungen an den Vater fest, der Verlust macht ihn traurig, hilflos und wütend. Auf der typografischen Ebene wird dies eindrucksvoll dargestellt, denn immer sind die Pronomen, die sich auf Avids Vater beziehen, fett hervorgehoben. Die innere Leere und der fehlende Kompass scheinen letztendlich auch der Grund für Avids Einstieg bei der Bande zu sein.
Dies alles geschieht in einem actionreichen Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite. Authentisch verwandelt sich Avids anfängliche Abneigung von Tag zu Tag in ehrliche Loyalität seinen neuen Freunden gegenüber. Gleichzeitig entwickelt sich die Beziehung zu seiner Mutter in die entgegengesetzte Richtung: Geheimnisse und Lügen bestimmen fortan ihre Gespräche. Elena ist Polizeikommissarin und ermittelt in dem Fall der Bande. Geschickt treiben neue Erkenntnisse und Beweise, die sie in guter Absicht mit ihrem Sohn teilt, die Handlung immer weiter voran. Avid befindet sich in einem ständigen Gewissenskonflikt: Soll er der Vulkan, Sprinter, Tandem, Murmel, Pear und Key von seiner Mutter und der Polizei erzählen?
Jede und jeder hat eine eigene Geschichte
Ganz besonders gelungen ist die Figurenzeichnung des Romans. Bis auf Avid bleiben alle anderen Mitglieder der Bande bis zum Schluss hinter ihren Pseudonymen versteckt. Hin und wieder werden Schnipsel zu den Lebensumständen der einzelnen Charaktere geliefert: Was hat sie zu der Bande geführt? Was sind ihre Motive und Einstellungen? Was ist ihre Geschichte? Die „Anonymität“ der Figuren steht sinnbildlich für unsere ganze Gesellschaft. Sehen wir eine uns unbekannte Person, wissen wir nichts über sie: Wie ist die Person ins Leben gestartet? Wie sind ihre Voraussetzungen? Aus welchem Elternhaus stammt sie? Hat sie Geldsorgen, oder stets das neueste iPhone in der Tasche? Ist sie gesund oder krank? Ist sie glücklich oder vom Leben gezeichnet? Häufig täuscht der erste Eindruck.
Für Avid beginnt ein Prozess der Politisierung. Er wird auf Themen gestoßen, mit denen er sich bislang noch nicht beschäftigt hat: Fast Fashion, die Verschwendung von Lebensmitteln, der Einfluss großer Konzerne auf die Trinkwasserversorgung und den Zugang zu Strom in ärmeren Regionen der Erde. Wie viel kann ein Einzelner bewirken, um die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen? Wie weit darf man dabei gehen?
Spannend ist vor allem das Entstehen einer besonderen Gruppendynamik, das gegenseitige Anstacheln und Herausfordern, wodurch die Grenzen immer weiter gezogen werden. Die Sache droht aus dem Ruder zu laufen, als aus den Raubzügen plötzlich eine fingierte Entführung werden soll. Spätestens jetzt kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Fazit
Dieses Jugendbuch deckt auf, hinterfragt und bewegt. Ein großartiger Gesprächsanlass, um über Gerechtigkeit und Fairness in unserer Gesellschaft und die Möglichkeiten, Grenzen und Folgen unseres Handelns zu diskutieren.



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