Heldentage
- Fischer Sauerländer
- Erschienen: Oktober 2025
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Plötzlich offline - ein etwas anderer Entzug.
Der 15-jährige Nilo ist extrem genervt von seiner Mutter, die sich ständig über sein Zockverhalten beschwert. Warum versteht sie nicht, dass er das zum Entspannen braucht? Sie schaut doch abends auch stundenlang Netflix bei mehreren Gläsern Wein. Als einer ihrer häufigen Streits eines Tages eskaliert, sehen sich Mutter und Sohn ganz neuen Herausforderungen gegenüber. So kann es nicht weitergehen, entscheidet Nilos Mama. Kurzerhand bekommen sie einen Termin in einer psychiatrischen Klinik. Allerdings bleibt es nicht bei einem Gespräch, nein: Nilo soll direkt da bleiben. Ohne Handy, ohne sein Spiel. Wie soll das denn bitte funktionieren?
Auf Station 3 trifft er auf den gleichaltrigen Faris, der ebenfalls lieber am Handy hängen würde und zeitgleich mit Nilo ankommt. Für beide ist der Klinikalltag mit all seinen Regeln neu. Wobei sie gar nicht so viel davon mitbekommen, denn gleich in der ersten Nacht flüchten sie - wenn auch aus ganz anderen Motiven. Denn Nilo und Faris laufen der geheimnisvollen Mayla hinterher, deren Ausbruch aus der Akutstation sie beobachten. Sie müssen sie doch irgendwie retten, oder? Allerdings will Mayla gar nicht gerettet werden, denn sie hat irgendeine Mission. Zu Letzterer gehören nun auch Nilo und Faris. Es ist der Beginn eines abenteuerlichen Roadtrips ...
Wenn die Wut die Kontrolle übernimmt
Martin Schäuble schafft es in seinen Jugendbüchern immer wieder aufs Neue, drängende politische und gesellschaftliche Themen in mitreißenden, spannungsgeladenen Geschichten auf den Punkt zu bringen. „Heldentage“ befasst sich dabei mit einer inzwischen weit verbreiteten Erkrankung: der Mediensucht.
Für Nilo gibt es nur noch sein Handyspiel. Er vernachlässigt die Schule, seine sozialen Kontakte, seine Körperhygiene, und vergisst sogar zu essen und zu trinken. Seine alleinerziehende Mutter weiß nicht mehr weiter. Mit dieser Ausgangslage steigen die Leserinnen und Leser in die Story ein. Es ist fast schon erschreckend glaubwürdig, wie in einem harmlosen Streit zwischen Mutter und Sohn über das Zocken, das Aufräumen und das Mittagessen im Kühlschrank plötzlich ein Eskalationsniveau erreicht wird, das alles Bisherige in den Schatten stellt. Auf ein Reißen an Nilos Haaren folgt eine Steigerung von der anderen Seite: So sieht sich Nilo plötzlich mit einem Messer in der Hand wieder, das bedrohlich nah vor den Augen seiner Mutter schwebt. Diese Szene macht betroffen und schockiert, denn keiner von den beiden, weder Nilo noch seine Mutter, hätten geglaubt, so von ihrer Wut mitgerissen zu werden. Aus einem „Das passiert doch nur bei anderen“ wird plötzlich Realität.
Der Roman ist ein wahrer Pageturner, den man gut und gerne an einem Abend durchlesen kann. Die Seiten sind nicht so dicht bedruckt und die Kapitel recht kurz, sodass auch Jugendliche ohne viel Leseausdauer wunderbar abgeholt werden. Schäubles Schreibstil ist wieder sehr nah dran an der Zielgruppe, da die Sprache, die Gedanken und Dialoge der Figuren wahnsinnig authentisch wirken.
„‚Die Welt ist voller Arschlöcher.‘ - ‚Ja, fies nur, wenn der eigene Vater das größte Arschloch von allen ist.‘“
Roadtrips sind beliebte Handlungselemente des Genres, bieten sie doch beste Voraussetzungen, um einander fremde und extrem unterschiedliche Figuren zusammenzubringen. Nilo, Faris und Mayla sind ein solches Trio. Im normalen Alltag hätten sie wohl niemals Zeit miteinander verbracht. Wobei, Nilo und Faris vielleicht schon. Denn sie verbindet die Liebe zum Zocken. Ihre Suchterkrankung wird auf einem schmalen Grat zwischen Humor und Ernst zwischendurch immer wieder thematisiert. Ein Buch mit eingebautem Handy-Loch, Schulkinder, die mit Geld bestochen werden, um ein paar Minuten auf deren Handys zu zocken oder nerdige Dialoge über das Game sind teils witzig, teils alarmierend.
Mayla ist das mysteriöse, gleichermaßen faszinierende Mädchen von der Akutstation, die irgendeinen Plan hat, der die drei Ausreißer durch den Wald, in einen Zug, in eine alte Fabrik und noch viel weiter führt. Unterwegs treffen sie auf seltsame, freundliche und gefährliche Menschen, die jede Minute und jede Stunde zu einem regelrechten Abenteuer machen.
Natürlich lernen Nilo, Faris und Mayla einander während ihrer gemeinsamen Zeit besser kennen. Keiner von ihnen ist ohne Grund in der Klinik gelandet, sie alle haben ihre eigene Geschichte. Verlusterfahrungen, Mobbing, körperliche und psychische Gewalt, Krankheit und Tod, Sucht - die drei Jugendlichen tragen seit ihrer Kindheit einen riesigen Ballast mit sich herum, der sich auf die eine oder andere Weise seinen Weg ins Hier und Jetzt gesucht hat.
Viele Szenen sind vollkommen unerwartet, teils skurril und der ganze Roadtrip ein einziger Zufallsgenerator. Für Nilo ist es nicht nur ein Zurückstolpern ins wirkliche Leben, das er schon fast verlernt hat, sondern auch eine ganz neue Erfahrung: Freundschaft und Zusammenhalt. Ein Miteinander von drei einsamen Jugendlichen, die von allem Mist, den sie sonst erleben, eine kurze Auszeit haben. Offline.
Fazit
Dieser Roman bietet eine ganze Bandbreite an Anknüpfungspunkten, um über Mediensucht, Mobbing, Freundschaft und Familie ins Gespräch zu kommen. Kurzweilig, nah dran am echten Leben und ehrlich - ein absolut lesenswertes Jugendbuch.

Martin Schäuble, Fischer Sauerländer

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