Die schreckliche neue, alte Welt.
Hannes lebt im Jahr 2084 und er ist im Ghetto groß geworden. Nicht in irgendeinem Ghetto, irgendwo im Ausland – nein, mittlerweile gibt es die auch in Deutschland. Hier leben die, die Geld vom Staat bekommen und damit irgendwie ihr Leben fristen müssen. Das klappt aber natürlich nicht immer und so werden die, die zu viele Schulden haben oder Diebstähle begehen, ins Gefängnis gesperrt – so wie Hannes. Im schönen, modernen Deutschland des Jahres 2084 muss Ordnung sein. Vieles ist aber im schönen, neuen Deutschland dann doch überhaupt nicht so schön.
So hat sich die Natur gegen die Menschen gewandt und daher gibt es entweder brutale, höllisch heiße Hitzeperioden oder – ganz im Gegenteil – fürchterliche Regenfluten. Immerhin – das Unwetter, das gerade über Deutschland hereinbricht, hat für Hannes dann doch etwas Gutes, setzt es doch die Alarmanlage des Knasts außer Betrieb und Hannes kann fliehen. Aber wohin soll er gehen, ist doch in der schönen, neuen Welt alles elektronisch geregelt und jeder Mensch anhand eines implantierten Chips jederzeit und schnell zu orten? Fast hätten sie ihn dann auch tatsächlich erwischt, wäre da nicht Moa gewesen. Moa, der eigentlich Mohammed heißt und der als Nigerianer überhaupt nicht in Deutschland sein dürfte. Als unfreiwilliges Team flüchten sie vor der Staatsmacht, aber auch das wäre nur ein kurzlebiger Erfolg, hätte ihnen nicht die „Prinzessin“ geholfen. Sie ist natürlich keine richtige Prinzessin, aber die schöne, blonde Greta-Anna, die aus einer reichen, regimetreuen Familie stammt, muss den verzweifelten Jungen schon so vorkommen. Zu dritt versuchen sie nun das Unmögliche, sie wollen den Überwachungsstaat verlassen und in einem freien Land eine neue Zukunft zu suchen. Aber wird das neue Reich das zulassen?
„Sie hatten die Grenzen geschlossen und die Terroristen und Schmarotzer nach Hause geschickt.“
Das Autorenduo Antonia Michaelis und Peer Martin zeichnet in seinem spannenden, aber doch fürchterlichen Roman „Tomorrowland“ ein schreckliches Bild vom zukünftigen Deutschland. Das Land ist wieder geteilt und ein Teil ist an das russische Reich gefallen. Die andere Hälfte hat dafür gekämpft, dass die „Partei“ nach oben kam, dass alle Grenzen für „Ausländer“ geschlossen wurden und alle, die keinen „deutschen Stammbaum“ hatten, nach Hause geschickt wurden. Jetzt leben hier fast nur noch die Blonden und Blauäugigen und wer das nicht ist, der greift in die Trickkiste, um diesem Bild zu entsprechen. Selbstverständlich entspricht Greta-Anna dem Ideal der neuen Gesellschaft. Sie lebt mit ihren Eltern in einer festungsartig ausgebauten Villa und für sie steht immer genug Essen – oder sogar Kuchen – auf dem Tisch. Hannes dagegen ist im unterprivilegierten Ghetto groß geworden. Schnell lernte er, sich und seine Familie irgendwo mit Diebereien über Wasser zu halten – bis sie ihn halt erwischt haben. Moa befindet sich eigentlich nur auf der Durchreise, was aber eigentlich egal ist, denn wenn ihn die Wächter des neuen Staates erwischen, verliert er möglicherweise mehr als nur seine Freiheit.
Michaelis und Martin schicken ihre drei so unterschiedlichen und doch in vielen Punkten ähnlichen Helden auf eine düstere Reise durch ein totalitäres Land. Immerhin ein bisschen Hoffnung gibt es doch, haben sich doch auch im Untergrund kleine Gemeinschaften gebildet, die versuchen, sich dem allgegenwärtigen, brutalen Regime zu widersetzen. Dennoch erfahren die Drei immer wieder heftige Rückschläge und lange Zeit scheint es keinerlei Hoffnung auf ein – zumindest halbwegs – gutes Ende zu geben.
Der Anfang und vielleicht das Ende der Dunkelheit
„Tomorrowland“ spricht viele Themen an und das ist vielleicht ein Manko. Es wird nicht nur darüber gesprochen, dass sich die Natur wegen Untätigkeit der Menschen und ihrer Propaganda zur „Klimalüge“ gegen die Menschen wandte, thematisiert wird auch die Verfolgung und Misshandlung aller Andersdenkenden und auch die schrecklichen Taten aus dem Dritten Reich erfahren hier ihre Wiederauferstehung. Es ist ein großer Ritt auf einer Rasierklinge der irrsinnigen Abfolge von Verstößen gegen die Menschlichkeit und manchmal ist es einfach zu viel. Erstaunlich ist es, dass Michaelis und Martin den Roman dennoch zu einer Auflösung bringen konnten, wenn auch diese viele offene Fragen beinhaltet. Auch hier wiederholt sich die Geschichte und nach einer großen Katastrophe kann vielleicht auf den Trümmern des alten Landes etwas Neues erschaffen werden. Dennoch konnte mich dieses Ende nicht ganz überzeugen, setzte diese doch ein Umdenken einiger Personen heraus, die vorher fest in ihre Rolle eingebunden waren. Schön und berührend fand ich aber die zarte Liebesgeschichte.
Fazit
„Tomorrowland“ – ein hoffnungsvoller Name für eine Land, das es hoffentlich nie geben wird.

Peer Martin, Antonia Michaelis, Oetinger


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