Please unfollow

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Theresa Mürmann
8101

Jugendbuch-Couch Rezension vonDez 2025

Ein hochaktuelles Jugendbuch, das zur Pflichtlektüre für alle Family-Influencer werden sollte.

Als die 17-jährige Sherry den Arrest verlässt und von ihrem Sozialarbeiter Mario in ein Camp für straffällige Jugendliche in die Sächsische Schweiz gebracht wird, rechnet sie nicht damit, zum erst Mal in ihrem Leben an einen Ort zu kommen, an dem sie sich sicher fühlt. An dem sie so sein darf wie sie ist. Eigentlich heißt Sherry „Sherezade“ und ist einem Millionenpublikum bekannt. Denn ihre Eltern gehören mit ihrem Kanal @therealwhites zu den bekanntesten Family-Vloggern des Landes. Sherrys gesamte Kindheit ist im Netz dokumentiert, und die Follower wissen alles über sie: Wutanfälle im Kleinkindalter, schlechte Noten in der Schule, fehlende Freundschaften, die erste Periode. Sherry ist der elterlichen Gier nach Klickzahlen und Sponsoren hilflos ausgeliefert gewesen. Doch irgendwann ging es nicht mehr, und es kam zum großen Knall. Nun ist Sherry hier, im „Morgenlicht“.

Eigentlich ist „Camp“ nicht die richtige Bezeichnung für das, was Sherry erwartet. „Morgenlicht“, benannt nach dem Ort, ist vielmehr ein Programm für Jugendliche, die in ihrer Vergangenheit gegen das Gesetz verstoßen haben und auf diese Weise wieder in den normalen Alltag mit seinen Strukturen und Regeln integriert werden sollen. Zum „Morgenlicht“ gehören das „Wolkenstein“, ein Hotel, sowie das Gasthaus „Himmelsgenuss“. In Letzerem arbeiten die Jugendlichen. Gleich zu Beginn lernt Sherry Aluna, Rahim, Jonas, Bianca und Paco kennen. Sie alle sind auf ihre Weise einzigartig und nehmen sie ohne Nachfragen in ihre Clique auf. Sherry hat zum ersten Mal in ihrem Leben Freunde, richtige Freunde. Besonders Paco, der im „Morgenlicht“ als Bademeister arbeitet, schleicht sich in den kommenden Wochen in ihr Herz und lässt die Vergangenheit in den Hintergrund rücken. Doch Sherry merkt irgendwann, dass all der Ballast ihrer Kindheit, die traumatischen Erfahrungen und die fehlende Fürsorge ihrer Eltern tiefe Spuren hinterlassen haben, die sie immer wieder einholen.

„Mein Vater hat eine starke Katzenhaarallergie, deshalb durfte ich selten mit der Nachbarkatze spielen - eigentlich nur, wenn meine Mutter ein paar Tränen für eins der traurigeren Videos aus Papa herausquetschen wollte.“

Es gibt eine ganze Bandbreite an Jugendbüchern über Social Media. Viele von ihnen thematisieren die Sogwirkung und das damit verbundene Suchtpotenzial, Cybermobbing oder den Einfluss sozialer Medien auf das Selbstbild. „Please unfollow“ nimmt dagegen einen anderen Trend in den Blick: das Family-Vlogging. Sherrys Eltern filmen ihre Tochter, seit sie ein Baby ist, und teilen ihre komplette Kindheit mit einem Millionenpublikum. Immer auf der Suche nach neuen Sponsoren und Followern. Sherezade („Shazi-Hase“) hat gar keine andere Wahl als mitzumachen. Ein aufgesetztes Lächeln hier, ein einstudierter Spruch da - ihr Leben ist wie ein Drehbuch. Wutanfälle, unkontrolliertes Nasenbluten, Bettnässen - es ist eigentlich für alle sichtbar, welchem Stress Sherry ausgesetzt ist. Doch ihre Eltern inszenieren diese Momente als anstrengende Phasen in der Erziehung. Das Buch lässt einen an vielen Stellen sprachlos zurück. Es ist nur schwer zu begreifen, wie Eltern ihre Kinder der Welt so schutzlos ausliefern können.

Kapitelweise werden immer wieder Rückblenden aus Sherrys Vergangenheit und dem Family-Vlog eingestreut. Sobald Sherry sich an die Videos erinnert, wechselt der Schreibstil in die dritte Person, denn genau so fühlt es sich für sie an: Sherezade White ist eine leere Hülle, in sich gekehrt und unverbunden mit der Welt. Es ist kaum zu ertragen, wie offen Sherry in den Videos der ganzen Welt präsentiert wird. Ohne die Möglichkeit zu widersprechen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Recht am Bild. Sherry wurde als Kind von den Whites, die übrigens eigentlich „Weiß“ mit Nachnamen heißen, aus dem Ausland adoptiert. Ihre leibliche Mutter hatte bereits vier Kinder, und die Familie lebte aufgrund eines Krieges und des verstorbenen Vaters in Armut. Sie konnte sich nicht um „Banu“ (so hatte sie Sherry genannt) kümmern. Auf ihrem Kanal haben die Whites die Adoption als Akt der Menschlichkeit vermarktet und dafür millionenfach Lob eingefahren.

Bisweilen fassungslos liest man die - leider authentisch wirkenden - Kommentare unter den Videos, in denen schamlos über Sherezade hergezogen, ihr Körpergewicht, Verhalten und ganzes Dasein bewertet wird. Zuspruch für die Erziehungsweise der Eltern liest sich wie blanker Hohn. Zwischendurch melden sich immer wieder User zu Wort, die Kritik am Kanal und der öffentlichen Zurschaustellung Sherrys äußern. Eine Kinderschutz-Aktivistin bringt den Account der Whites tatsächlich ins Straucheln, indem sie die Gefahren des Family-Vloggings aufdeckt: Videos von Kindern, die im Darknet und nicht selten auf den PCs von Pädophilen landen. So auch Sherezade, die immer wieder nackt oder nur im Bikini abgelichtet wird. Doch mitnichten bringt dieser alarmierende Post Sherrys Eltern zum Nachdenken über den Schutz ihres Kindes. Lediglich die schwindenden Followerzahlen machen ihnen zu schaffen. Sowohl Sherrys Mutter als auch ihr Vater machen in der gesamten Geschichte keinerlei Entwicklung durch. Sie bleiben von Anfang bis Ende die Eltern, die ihrer Tochter ein Kindheitstrauma nach dem anderen bescheren.

Offline wartet ein anderes Leben

Die Leserinnen und Leser lernen zu Beginn eine zutiefst verunsicherte, in sich gekehrte Sherry kennen, die im „Morgenlicht“-Programm eine vollkommen neue Welt kennenlernt. Eine Welt, in der sie Freundschaften nicht mit Geschenken erzwingen muss, in der keine Kamera sie auf Schritt und Tritt verfolgt und Liebe nicht an Bedingungen geknüpft ist. Es ist kein einfacher Weg, denn über die Jahre hat Sherry eine soziale Angststörung entwickelt, die sich in enormer Unsicherheit, Schweißausbrüchen und Grübeleien äußert. Doch Aluna, Rahim, Jonas, Bianca und Paco stellen keine Fragen - sie nehmen Sherry so an, wie sie ist.

Ein Spannungsbogen entsteht durch die sich erst am Ende lüftende Wahrheit über Sherrys eigentliches Vergehen. Warum ist sie überhaupt in den Arrest gekommen? Inwiefern hat sie gegen das Gesetz verstoßen? Es muss etwas Größeres sein, das ahnt man bereits durch ein paar Äußerungen. Zugegeben, der Rechtsbruch geht in der Gesamthandlung etwas unter, und auch die Taten der anderen Jugendlichen spielen keine so bedeutende Rolle. Sie sind alle in schwierigen, teils dramatischen Verhältnissen aufgewachsen, welche letzten Endes ins „Morgenlicht“-Programm geführt haben. Jeder und jede Einzelne hat eine Geschichte zu erzählen.

Meines Erachtens verläuft die Handlung im „Camp“ an manchen Stellen zu glatt und konfliktarm. Da ist zum Beispiel die schnelle Freundschaft unter den Jugendlichen, die weitestgehend ohne größere Streitigkeiten daherkommt. Humorvolle Streiche, lustig-ironische Neckereien und ungebrochene Loyalität sind natürlich in einer so traurigen Lebenssituation, in der Sherry sich befindet, wunderbar herzerwärmend. Allerdings wirkt diese Atmosphäre teils zu kontrastreich und dadurch etwas unauthentisch. Eingebettet in die Gesamthandlung wiegen diese Punkte jedoch nicht schwer und sind vielleicht auch Geschmackssache.

Fazit

Dieses Jugendbuch geht unter die Haut, macht fassungslos und schockiert. Fiktion und Wirklichkeit liegen leider nah beisammen. Eine ganz klare Leseempfehlung!

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Basma Hallak, Arctis

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