Einer muss es doch gewesen sein!
Grace war sich damals ganz sicher: Es war Jake, den sie im Garten ihrer Lehrerin Miriam Appelbaum gesehen hatte. Normalerweise wäre das jetzt kein großes Ding gewesen. Aber Grace hat Jake in dem Garten an dem Tag beobachtet, als Miss Appelbaum tot in ihrer Tiefkühltruhe aufgefunden wurde. Da kann sie wohl kaum von alleine hereingeraten sein. Der junge Mann wurde seinerzeit insbesondere wegen Graces Aussage in einem Aufsehen erregenden Indizienprozess verurteilt. Er verschwand im Gefängnis – und die Freundschaft zwischen Grace, Jakes Bruder Henry und der gemeinsamen Freundin Ally zerbrach! Jetzt aber wird der Prozess neu aufgerollt, und natürlich kommt Graces Aussage eine besondere Bedeutung zu. Aber was sich früher so glasklar und so 100%ig richtig anfühlte – es kommt ihr irgendwie nicht mehr so vor. Ist sie immer noch so sicher, dass es tatsächlich Jake war, den sie im Garten der Ermordeten erkannte? Aber was, wenn er es doch nicht war? Ist es ihre Schuld, dass der junge Mann Jahre im Gefängnis verbrachte, obwohl er an Miss Appelbaums Tod vielleicht doch unschuldig war? Genauso schlimm wäre es natürlich auch, wenn der/die Mörder*in der Lehrerin immer noch unerkannt unter ihnen leben würde. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden: Grace muss die Hintergründe der Tat untersuchen. Aber das kann sie nicht allein schaffen. Es bleibt ihr also nichts anderes übrig, als sich mit den Freunden von damals auszusprechen. Manchmal fragt sie sich allerdings, was einfacher ist: Die Mördersuche oder die Aussöhnung mit den einstigen Freunden…
Weißt du immer, was du wirklich gesehen hast?
Sicher wäre es für uns alle eine schwierige Frage: Wenn wir den Bruder unseres besten Freundes an einem Tatort gesehen hätten, was würden wir machen? Würden wir aus Liebe zu dem Freund den Mund halten? Oder würden wir doch das richtige tun und gegen ihn aussagen? Grace entschied sich damals mit der Unterstützung ihrer Familie zu Letzterem. Vielleicht hätte sie aber nicht mit allen Konsequenzen gerechnet, denn ihre Aussage brachte Jake tatsächlich ins Gefängnis und führte auch dazu, dass die kleine Liebe, die zwischen Henry und ihr aufgeflammt war, regelrecht ausgetreten wurde. Jetzt, nachdem Jahre vergangen und der Prozess neu aufgerollt wird, beginnt sie an sich selbst zu zweifeln. Mit ihr stellt die amerikanische Autorin Liz Lawson aber uns allen eine spannende Frage: Wären wir sicher, einen Eid auf etwas zu leisten, was sich vor mehreren Jahren abgespielt hat, was großen Schmerz über eine Familie bringt und – was noch wichtiger ist – wären wir auch bereit, einen Irrtum zuzugeben?
Drei Protagonisten, drei Ansichten, viele Probleme
Dieser Konflikt wird von drei Protagonisten Ally, Grace und Henry mit ihren jeweils eigenen Gefühlswelten und ihrem Erleben geschildert. Ally zum Beispiel konnte schon vor dem ersten Prozess den Tod ihres Vaters nicht überwinden, versuchte verzweifelt, in seine Fußstapfen zu treten, und stellte zudem auch fest, dass sich ihr Verhältnis zu Grace und Henry durch deren aufblühende Romanze zu verschlechtern drohte. Grace wiederum konnte sich nie so richtig aus dem übermächtigen Schatten ihrer Schwester Lara lösen, die im Leben offensichtlich IMMER alles richtig machte. Zuletzt hatte natürlich Henry als Bruder eines verurteilten Mörders nach dem Prozess sein Päckchen zu tragen und musste versuchen, sich in seiner zunehmend schwierigen Familienkonstellation zurechtzufinden. Lawson erzählt hier einfühlsam von Wut und Zorn, die sich durch den Mord an der beliebten Lehrerin, den Prozess und den vermeintlichen Verrat entzündeten, aber auch von Verzeihen und Wiederfinden.
Neben diesen ganzen Problemen ist es der Autorin aber vor allem gelungen, einen spannenden Krimi zu erzählen. Im Kleinstadtszenario traut niemand keinem einen Mord zu – aber dennoch muss es ja irgendwer gewesen sein. Die Handlung tritt zwar gelegentlich auf der Stelle, präsentiert sich aber - einmal in Fahrt gekommen - schlüssig und logisch. Auch die Auflösung war zwar im Hinblick auf die Täterschaft überraschend, bestach aber bei längerem – oder auch kurzem – Nachdenken durch ihre Konsequenz.
Fazit
„Kleine Morde unter Freunden“ – sie können Zukunftspläne, Leben und Freundschaften vernichten und manchmal denkt man, es gibt kein Zurück. Dennoch wird hier toll erzählt, wie mit Mut, Hartnäckigkeit und auch dem richtigen Ermittlergeist eine alte Tat erfolgreich aufgeklärt werden, die alte Freundschaft wiederbelebt und vor allem der Täter/die Täterin zweifelsfrei überführt werden kann.



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