Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2008, Titel: 'Absolutlely True Diary of a Part-Time Indian', Originalausgabe

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8

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Corinna Abbassi-Götte
unter der humorvollen Oberfläche lauert die Tragik

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Okt 2009

Wie leben die Indianer heute? Welche Probleme gibt es in den Reservationen? Welche Träume und Wünsche haben die Jugendlichen dort? Gut, dass der selbst in einer Reservation aufgewachsene Sherman Alexie Schriftsteller geworden ist, denn so erfahren wir aus erster Hand, wie das Leben dort ist und welche Hürden überwunden werden müssen.

Der Teilzeit-Indianer ist der 14jährige Arnold Spirit. Er schreibt Tagebuch, glücklicherweise, denn so bekommen wir einen authentischen und überaus nahen Einblick in das Reservationsleben. Er schreibt aus seinem Alltag und erzählt dabei von den vielen Problemen, verschweigt weder die Armut noch die Alkoholabhängigkeit vieler Indianer oder die daraus resultierenden tödlichen Unfälle.
Opfer gibt es natürlich auch in Arnolds eigener Familie, doch wenn man meint, dass er sich wie so viele andere mit seinem Leben abgefunden hat, liegt man voll daneben. Arnold träumt von einem besseren Leben, und so beschließt er, eine Schule für "Weiße" zu besuchen.
Der lange Schulweg (35 km!) und die Frage, wie er überhaupt jeden Tag in die Schule (und zurück) kommen soll, stellen da nur das kleinste Problem dar. Er hat viel aufzuholen, und seine Mitschüler sind ... anders. Sie setzen zum Beispiel bei Meinungsverschiedenheiten nicht gleich ihre Fäuste ein.

Doch trotz anfänglicher Schwierigkeiten kann sich Arnold anpassen. Er verliebt sich sogar!
Und er erkennt, dass seine Mitschüler kein Problem mit seiner Herkunft haben. In der Reservation sieht es dagegen ganz anders aus: Arnold verliert seinen besten Freund Rowdy und wird wie ein Verräter behandelt. Keine schöne Situation! Er fühlt sich allein, doch trotz sämtlicher Rückschläge gibt er nicht auf und bleibt seinem gewählten Weg treu.
Und dann treten ausgerechnet seine jetzigen Mitschüler gegen seine ehemaligen Mitschüler aus der Reservation an – Rowdy gegen Arnold – und Arnolds unglückliche Lage erreicht ihren Höhepunkt. Muss sich Arnold wirklich für eine Seite entscheiden?

Wie genau die Probleme in der Reservation entstanden sind, erklärt Sherman Alexie (leider) nicht. Doch es handelt sich ja auch um ein persönliches Tagebuch und nicht um eine Reservations-Chronik! Alexie erzählt, wie es im Hier und Jetzt aussieht und mit welchen Schwierigkeiten die Bewohner zu kämpfen haben. Und an Arnolds Beispiel macht er deutlich, wie überaus hart es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.
Daher kann man Arnold nur bewundern! Nicht nur, dass er über die nötige Standfestigkeit verfügt und seinem gewählten Weg treu bleibt, er ist gerade auch durch seine positive Lebenseinstellung, seine Toleranz und seine Nachdenklichkeit  unglaublich sympathisch. Natürlich ist er durch die vielen Schicksalsschläge auch ein wenig abgeklärt, doch trotzdem hat er sich seine Unbeschwertheit bewahren können.

Seine Tagebucheintragungen sind (überraschenderweise) witzig. Locker und frech, mit umwerfenden Erklärungen, eingängigen Beschreibungen und einer ordentlichen Prise Galgenhumor schreibt Arnold über seine Erlebnisse und ergänzt sie durch viele aussagekräftige Zeichnungen im Comicstil.
Und genau diese Zeichnungen machen dieses Buch endgültig zu etwas Besonderem. Sie zeigen auf direkte und oftmals schmerzhafte Weise Arnolds Gefühlsleben und vermitteln das, was mit Worten aufgrund der humorvollen Erzählweise nur hintergründig deutlich wird: Seine Wut über die Trostlosigkeit des Reservationsleben, seinen Schmerz über die vielen Verluste und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Tragik und Ernsthaftigkeit liegen knapp unter der Oberfläche, und dank der Zeichnungen kann man sie gar nicht übersehen. Wie weit man sich jedoch auf diese hintergründige Geschichte einlassen möchte, bleibt einem ganz und gar selbst überlassen.

FAZIT

Der 14jährige Arnold Spirit steht beispielhaft für all die Mutigen, die allen Widrigkeiten zum Trotz den Schritt ins Unbekannte wagen. Dabei ist er ein ganz normaler Jugendlicher, dem die Gratwanderung zwischen zwei Kulturen in der Hoffnung auf ein besseres Leben schließlich gelingt. Seine Erlebnisse stimmen nachdenklich und bringen durch den galgenhumorigen Erzählstil dennoch zum Lachen.

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