Anatomy

  • Loewe
  • Erschienen: Dezember 2022
  •  3

übersetzt von Cornelia Röser; Broschur, 384 Seiten

Band 1 von 2 aus der Anatomy-Reihe

ISBN: 9783743214989

Anatomy
Anatomy
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Alexandra Fichtler-Laube
8101

Jugendbuch-Couch Rezension vonDez 2022

Schaurig-mörderische Romanze

Der Tod lauert im Edinburgh zu Beginn des 19. Jahrhunderts an jeder Ecke und in jedem Haus. Die weit verbreitete Armut, schnell wachsende Fabriken, unhygienische Zustände und noch mangelndes medizinisches Wissen raffen die Armen wie die Reichen gleichermaßen hin. Vor allem das Römische Fieber hatte verheerende Folgen, und die Angst vor einem erneuten Ausbruch sitzt jedem in den Knochen. Ärzte und Chirurgen versuchen die Grenzen des Wissens zu sprengen und forschen stetig, um die Geheimnisse des menschlichen Körpers zu enthüllen.

Hauchzart an der Grenze zur Illegalität arbeiten daher die Auferstehungsmänner, um vor allem den Chirurgen die frischsten soeben Verstorbenen auf die Seziertische zu legen. Und ganz frisch erscheint auch eine junge Frau, die entschlossen ihren Traum verwirklichen will.

„Wunder waren nichts anderes als Wissenschaft, die der Mensch nur noch nicht verstand. Und wurde das alles nicht noch viel wunderbarer dadurch, dass die Geheimnisse des Universums irgendwo da draußen waren und man sie entschlüsseln konnte, wenn man nur klug und hartnäckig genug war?”

Lady Hazel Sinnett ist solch eine kluge und äußerst hartnäckige Person, die, entgegen allen gängigen Annahmen, auch nicht beim Anblick zerstückelter Leichen in Ohnmacht fällt. Als Tochter vernachlässigt und ihren eigenen Interessen überlassen, verbrachte sie viele Stunden mit medizinischen und anatomischen Büchern über den menschlichen Körper. Ihr Traum, Ärztin zu werden und Menschen zu heilen, nachdem sie die Römische Grippe überlebt hat und ihr geliebter großer Bruder nicht, scheitert vorerst am Frausein und der vorbestimmten Hochzeit mit ihrem Cousin.

Doch Hazel nutzt jede Gelegenheit, Wunden und Brüche zu versorgen, Kinder zur Welt zu bringen und eine Heilung für das scheinbar wieder aktiv grassierende Römische Fieber zu finden. Dabei kommt sie sogar einem jungen Auferstehungsmann näher und grausamen Machenschaften im Namen der Forschung auf die Spur.

Wahnsinnig, schaurig und fesselnd

Edinburgh als Setting dieses sehr blutigen Jugendbuchs ist ein stinkender und gefährlicher Ort, der hervorragend die Atmosphäre bestimmt. Hazel ist eine taffe Heldin, die fast furchtlos die dunklen Straßen der Stadt betritt und selbst vor nächtlichen Friedhöfen nicht zurückschreckt. Sie hat ein Ziel, welches sie unablässig verfolgt, wobei sie sich auch nicht von romantischen Gefühlen ablenken lässt, aber dennoch Zeit findet, sie zu genießen.

Die Emanzipation einer jungen Frau, deren Zukunft eigentlich schon ihr ganzes Leben vorherbestimmt und als verheiratete Frau äußerst eingeschränkt ist, zu Beginn einer Ära voller neuer wissenschaftlicher Fortschritte in der Medizin ist höchst begeisternd und voller Nervenkitzel.

Angelehnt an historische Überlieferungen anatomischer Literatur kreiert Dana Schwartz den berühmten Chirurgen Dr. Beecham, dessen Schriften, und weitere historische Belege, schwarz abgesetzt im Buch zitiert werden. Er ist das Vorbild Hazels und sie hofft, bei ihm persönlich lernen zu dürfen.

Fabelhaft makaber und detailliert nimmt dieses Buch die Geschichte der Medizin zum Vorbild, um die rasanten Fortschritte im 19. Jahrhundert zu zeigen, welche nur auf dem Rücken einer als ersetzbar angesehenen Gruppe, die der Armen, erreicht werden konnte.

Wie weit geht man für das Wohl der Menschheit? Was ist ein Leben wert? Und wieviel ein Toter?

Die Kombination aus blutig-grausiger Medizingeschichte, Upper-Class-Roman und unwahrscheinlicher Romanze ist richtig gut lesbar und fesselnd.

Einige Ungereimtheiten, wie das unwahrscheinlich unbeobachtete Leben einer jungen Frau von Adel, die völlig unbehelligt ein eigenes Krankenhaus auf die Beine stellen kann oder das Abdriften in phantastische Irrungen, die den medizinischen Charakter in Frage stellen, sind schade und führen zu Punktabzug, schmälerten hier jedoch den Lesegenuss nicht übermäßig.

Fazit

Anatomy ist ein absolut packendes Jugendbuch für Leser*innen mit starken Nerven und wenig Zimperlichkeit. Amüsant und abstoßend zugleich begeistert diese emanzipierte Protagonistin, welche Konventionen trotzt und mit detektivischem Gespür und unbändigem Mut ihren Weg geht, bis zur letzten Seite.

Anatomy

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