Winchester Mystery

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "herrlich amüsant und schrecklich tragisch"

Lily Dale im Staat New York wurde 1879 als Spiritisten-Gemeinde gegründet und ist seitdem Treffpunkt für Spiritisten aus aller Welt. Erstaunlicherweise ist dies Fakt, und daher ist Lily Dale ein interessanter Schauplatz für Suzanne Harpers ersten Jugendroman.

Hauptperson ist die 16jährige Sparrow Delaney, natürlich wohnhaft in Lily Dale. Ihre Familie verdient sich ihr Geld mit Séancen, und von der Großmutter bis hin zu ihren Schwestern verfügen sämtliche Familienmitglieder über eine mediale Fähigkeit.
Hierbei unterscheidet man zwischen 
1. Hellsehen, der Fähigkeit, Geister zu sehen, 
2. Hellhören, der Fähigkeit, Geister zu hören,  
3. Hellfühlen, der Fähigkeit, die Anwesenheit von Geistern zu erspüren und
4. Hellschmecken, der Fähigkeit, Gerüche oder Geschmäcker wahrzunehmen, die mit Geistern einhergehen.

Sparrow sehnt sich nach Normalität, doch dies ist in ihrer chaotischen Familie (Sieben Kinder!) nicht möglich. Auch wenn sie mit Geistern, Séancen und dem ganzen Spiritismus nichts zu tun haben möchte, kommt sie doch nicht um die Tatsache herum, dass sie als siebte Tochter einer siebten Tochter über ganz besondere mediale Fähigkeiten verfügt - nämlich über alle vier!

Aus diesem Grund hat sie, um von den Geistern in Ruhe gelassen zu werden, ihre eigenen Regeln aufgestellt: 
1. Weigere dich, die Anwesenheit eines Geistes anzuerkennen.
2. Denke langweilige Gedanken.  
3. Sprich niemals mit einem Geist.

Die Ausnahme bilden natürlich ihre drei Geisterbegleiter. Seit Kindesbeinen an kümmern sich der ehemalige Bäcker Floyd Barnett, der 22jährige Inder Prajeet Singh und die gouvernantenähnliche Professorin Edna Trimble um Sparrow. In erster Linie stehen sie ihr beratend zur Seite, doch sie sollen natürlich auch dafür sorgen, dass Sparrow ihr Potenzial ausschöpft. 
Daher ist die Konfrontation mit ihnen nicht immer einfach, was allerdings für den Leser viele amüsante Dialoge bedeutet. Sparrows Weigerung, ihre Fähigkeiten zu offenbaren, ist einerseits verständlich, andererseits aber wünscht man sich bald mehr und mehr, dass ihr ein Fehler unterläuft und wenigstens ihre Familie endlich hinter ihr Geheimnis kommt.

Durch den lockeren und frischen Schreibstil von Suzanne Harper fliegen die Seiten nur so dahin, und ehe man sich’s versieht, befindet man sich bereits mitten in Sparrows Welt und hat eine recht genaue Vorstellung von ihrem Leben. 
Sich mit ihr anzufreunden ist leicht, denn trotz ihrer außergewöhnlichen Gabe erscheint sie nie unerreichbar. Sie ist insgesamt eher zurückhaltend, macht sich zum Beispiel viele Gedanken um ihren Vater, dessen Aufenthaltsort selbst ihre Mutter nicht kennt. 
Wegen ihrer Sehnsucht nach Normalität ist es keine große Überraschung, dass sie ohne zu zögern auf eine weiter entfernte Schule wechselt, an der niemand ihre Familie kennt.

Ausgerechnet dort trifft sie auf den Geist des attraktiven Luke, der ihre Hilfe braucht. Es kommt, wie es kommen musste. Sparrow bricht ihre eigenen Regeln und gibt  Luke die Chance, sie davon zu überzeugen, ihm zu helfen. Durch Zufall erfährt sie jedoch sehr früh seine tragische Geschichte, und dies stellt sie vor eine unangenehme Entscheidung: Entweder sie hilft ihm und offenbart damit, dass sie als Medium auf allen vier Ebenen funktioniert. Oder sie verweigert ihm ihre Hilfe und muss versuchen, dies vor sich selbst und ihren Geisterbegleitern zu rechtfertigen.

Sparrows Entscheidung ist natürlich keine große Überraschung. Doch es bleibt spannend, da immer noch die Frage bleibt, wie genau sie helfen kann. Der Erfolg liegt in weiter Ferne, und Sparrow bliebt nichts anderes übrig, als über sich selbst hinauszuwachsen und ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Und dabei gibt es dann doch die ein oder andere Überraschung. 

Obwohl die meisten Ideen alles andere als neu sind, wirken sie durch die geschickte Kombination mit interessanten Charakteren weder langweilig noch abgegriffen. Trotz viel Gelächters durch den manchmal etwas morbiden Humor, vor allem aber durch die lebendigen Dialoge und Wortgefechte, wischt man sich als Leser an der ein oder anderen Stelle auch mal eine Träne von der Wange.  

FAZIT

Mit genau der richtigen Mischung aus schwungvoller Unterhaltung, amüsanter Geistergeschichte, interessanten Charakteren, der richtigen Dosis Tragik und einer Prise Romantik überzeugt Suzanne Harper und liefert einen kurzweiligen Roman, der nach einer Fortsetzung schreit.

Couch-Wertung:

9

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Corinna Abbassi-Götte
herrlich amüsant, klug, liebenswert ... einfach großartig

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Jan 2010

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "herrlich amüsant, klug, liebenswert ... einfach großartig"

[Jugendbuch des Monats - Januar 2010]
Kalifornien in den 1920er Jahren: Die reiche Mrs Winchester lebt völlig abgeschottet in ihrem prunkvollen Haus, um das sich abenteuerliche Geschichten ranken: Es muss ständig umgebaut werden, um die Rachegeister der ruhelosen Seelen zu befriedigen, die durch Winchester-Gewehre getötet wurden.

Als der gut aussehende Art, ein entfernter Verwandter von Mrs Winchester, nach Santa Clara Valley kommt, bringt dies die 16jährige Halbchinesin Jezebel gehörig durcheinander. Und dann ist da noch der junge Mexikaner Manuel, und zwischen den drei jungen Leuten entwickelt sich eine etwas merkwürdige Beziehung - Freundschaft wäre wohl das falsche Wort! Es prallen verschiedene Nationalitäten und Lebensweisen aufeinander, und damit völlig unterschiedliche Ansichten. Schließlich entsteht bei den allabendlichen Treffen in der Salbeischlucht eine Art Gerichtsverhandlung, in der es schließlich nicht mehr nur um den Gebrauch der Winchester-Gewehre geht, sondern vielmehr um die Frage, ob der weiße Mann jemals das Recht hatte, das amerikanische Land zu erobern.
Jezebel muss sich für den Verlierer eine Strafe überlegen, und diese führt dazu, dass die drei Jugendlichen als Indianergeister verkleidet Mrs Winchester von ihrem Fluch erlösen wollen. 
Mrs Winchester soll ihr Haus nicht mehr weiter umbauen müssen. Doch sind es wirklich nur die Geister, die Mrs Winchester zu den ständigen Umbauten animieren?

Es hat nur wenige Sätze gebraucht, und schon war ich in der Geschichte gefangen. Besonders gefallen hat mir der spröde Humor von Monika Pelz und die Leichtigkeit, mit der sie diverse Themen streift und einmal quer durch die Geschichte Kalifornien fegt. Wichtig hierbei sind natürlich die Indianer, die durch die Winchester-Gewehre des weißen Mannes getötet wurden. 
Ihre Geister suchen nun angeblich die uralte Mrs Winchester heim und befehlen ihr, ihr riesiges und völlig kurios verbautes Herrenhaus immer wieder umzubauen. Geld genug hat sie, denn die Familie ist durch die Gewehre zu einem riesigen Vermögen gekommen, das nun alleinig Mrs Winchester gehört. 
Nebenbei bemerkt ist Arts Mutter genau deshalb mit ihrem Sohn nach Santa Clara Valley gekommen, doch Mrs Winchester lebt nicht nur völlig zurückgezogen, sie empfängt auch niemanden. Es ist so gut wie unmöglich, sie zu Gesicht zu bekommen.
Jez ist daher in einer recht angesehnen Position: Ihr Onkel ist Gärtner von Mrs Winchester, und so kommt sie an Informationen, mit denen sie vor ihren Freunden glänzen kann.
Mrs Winchester gilt zwar als verrückt, doch die Bewohner von Santa Clara Valley lassen nichts auf die alte Dame kommen. Sie ist eine Attraktion, und die Gerüchteküche um sie brodelt beständig, wie sich das für eine Kleinstadt nun einmal gehört. Außerdem sorgt sie durch die unzähligen Umbauten permanent für Arbeitsplätze.

Wie die Gerichtsverhandlung verläuft, wie die drei jungen Leute Geist spielen, welcher Sinn hinter all dem steckt und was Mrs Winchester selbst denkt, sei hier natürlich nicht verraten.

Wichtig ist, dass dieses Buch auf so gut wie jeder Seite zum Lachen bringt. Gleichzeitig ist es allerdings von hohem Anspruch, da Monika Pelz immer wieder und unablässlich Bezüge zur Geschichte und Kulturgeschichte Amerikas bzw. Kaliforniens einstreut und – ich kann es nicht anders sagen – mit Fachworten und Fremdwörtern um sich schmeißt. 
Spannend zu lesen ist das Buch allemal, geradezu fesselnd, doch man sollte vielleicht ein Lexikon bereithalten.

In erster Linie ist es jedoch der trockene und dennoch feine Humor, durch den "Winchester Mystery" aus der Masse der Neuerscheinungen hervorsticht. Viele trockene Sprüche und Aussagen werden erst später deutlich, viele davon werden zum Running Gag und bringen jedes Mal wieder zum Lachen. Aber auch ernste Aspekte werden angesprochen, und stets werden zur Diskussion stehende Themen durch die verschiedenen Ansichten der drei jungen Leute aus mindestens zwei Sichtweisen beleuchtet. Natürlich hat der Leser dabei nicht wirklich die Wahl, sich für eine Seite zu entscheiden, denn von Anfang an ist klar, was richtig und was falsch ist.. Außerdem erliegt man sofort der ruhigen Intelligenz von Manuel. Seine Worte sind stets wohl durchdacht und haben Hand und Fuß. Und doch ist man immer wieder überrascht, mit welcher Pfiffigkeit er vorgeht, um dann wieder mit der imaginären Faust auf den Tisch zu hauen. Nicht für eine Sekunde gibt er seine Vormachtstellung auf. 
Dies merkt der Leser sofort, doch Jez und Art eben noch nicht.

Jez ist und bleibt jedoch immer sympathisch, denn ihr Traum von einer Schauspielkarriere, ihr unverständliches Hadern mit ihrem chinesischen Erbteil und ihr Geblendetsein von Arts gutem Aussehen sind völlig realistisch. Über Arts Oberflächlichkeit kann jedoch nichts hinwegtäuschen, doch irgendwie verzeiht man ihm sogar diese. Durch seine Herkunft und seine Lebensweise hatte er noch nicht die Chance, zu einem tiefer denkenden jungen Mann zu werden. Und das ist das Schöne an den Figuren in "Winchester Mystery". Sie alle sind nicht perfekt, und gerade deshalb menschlich und sympathisch.

Das erste Gefühlswirrwarr, eine alte Lady, viele Geheimnisse und unzählige Geister, intelligente Gespräche, feiner Humor, unerwartete Überraschungen und Offenbarungen, ein wenig Herzschmerz … und dies alles auf vor geschichtsträchtige Kulisse.

Das "Winchester Haus" (Winchester Mystery House) gibt es übrigens wirklich. Es befindet sich in San Jose, Kalifornien, und ist heute ein Museum. Einst war es im Besitz von Sarah Winchester, die kuriose Umbauten in Auftrag gegeben hat, um die Geister der durch Winchester-Gewehre getöteten Indianer zu verwirren …

FAZIT

Großartig ist meiner Meinung nach das beste Wort, mit dem man Monika Pelz’ "Winchester Mystery" beschreiben kann. Vielleicht ist es nicht jedermanns Sache, zudem das Cover nicht im geringsten andeutet, welch humorvolle, tiefgründige und spannende Geschichte sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt, doch gerade Leser, die Lust auf etwas Besonderes haben, sollten dringend zugreifen.

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