Baumschläfer

Hardcover, 196 Seiten

ISBN: 9783407756855

Baumschläfer
Baumschläfer
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Alexandra Fichtler-Laube
9

Jugendbuch-Couch Rezension vonNov 2022

Bedeutsam und ergreifend

Am 24. Januar 2014 ersticht ein Mann seine Ehefrau und verletzt seinen 14-jährigen Sohn dabei schwer. Nachdem der aus dem Krankenhaus entlassen wird, kommen er und seine Schwester in einer Wohngruppe unter. Marius versucht weiterzuleben, doch schafft es nicht.

„Weil-weil-weil säumt den Lebenspfad armer Kinder in ein ebenso beschissenes Erwachsenenleben, von der Wiege bis zur Bahre. Dazwischen müssen unzählige Täler und Einkaufsstraßen durchquert werden.”

Der Teenager zieht sich immer mehr zurück. Er redet nicht. Niemand scheint ihm helfen zu können. Die Strukturen und die bestehenden Hilfsangebote sind nicht für ihn gemacht und können ihn nicht auffangen, nicht ins Leben zurückhelfen. Er bricht die Schule ab, bricht Kontakte ab und lebt allein auf der Straße.

Bis er in einem Baum seine Ruhe findet.

Ruhig und zutiefst aufwühlend

Christian Duda erzählt von einer wahren Geschichte. Genau so geschehen in Deutschland.

Er verarbeitet Informationen aus Zeitungsartikeln und Zeugenaussagen zu einem eindrucksvollen und berührenden Jugendbuch. Bei diesem Versuch, sich in das Kind hineinzufühlen, dem ab dem 24. Januar 2014 nicht mehr geholfen werden konnte, kommen die Fakten, wie die Vorgeschichte der Familie, das Gerichtsverfahren, die Interventionen der Sozialarbeiter, ebenso zu tragen, wie seine Nachempfindung des Überlebensversuchs und die Geschehnisse der rätselhaften letzten Monate.

Aus wechselnden Perspektiven beschreibt Duda die Überforderung des Kindes mit der Situation und die Überforderung des Systems mit dem Kind. Keine der angebotenen Hilfestellungen greift. Marius vertraut nicht mehr – niemandem – und erkennt keinen Sinn mehr im Erinnern von Namen und Terminen, in den Angeboten von warmen Schlafplätzen und ärztlicher Versorgung, in richterlichen Beschlüssen … im Leben.

Dabei ist man durch Christian Dudas kurze, teilweise abgehackte Sätze und den Aneinanderreihungen von Gedankengängen und Geschehnissen sofort bei Marius. Marius ist hier die Hauptperson eines Lebens, das nie leicht für ihn war und an welches in diesem Buch erinnert werden soll.

In einer Art Akteneinträgen begleiten wir die verschiedenen Stationen der Jahre ab 2014. Der Leser bekommt ein Gefühl von der Hilflosigkeit aller Beteiligten und einem Leben, das nie vertrauen und sich verlassen konnte.

Fazit

Einem wahren Leben wird hier eine eindringliche und zutiefst berührende Stimme gegeben. Baumschläfer benennt Problematiken von Armut und Gewalt, erzählt von fehlgeleiteter und wirkungsloser Hilfe und beleuchtet eine Einsamkeit, die so umfänglich war, dass kein Weg mehr aus ihr herausführte.

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