Nathan und seine Kinder

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

Josh liebt seinen großen Bruder Max über alles. Die beiden sehen gleich aus, klingen gleich und sie verbindet eine große Leidenschaft: das beliebte Computer-Rollenspiel ,Genesis Alpha', in dem sie viele Stunden in aufregenden Fantasiewelten verbringen. Hier können sie zusammen sein, obwohl Max bereits von zuhause ausgezogen ist und studiert. Doch zwischen den beiden Brüdern besteht noch eine tiefere Verbindung. Als Max vor vielen Jahren an Leukämie erkrankte, waren es die Stammzellen von Joshs Fötus, die dem Bruder das Leben retteten. Mitten in einem Genesis Alpha Spiel verschwindet Max plötzlich - er ist von der Polizei abgeholt worden und steht unter Verdacht, ein College-Mädchen brutal ermordet zu haben. Josh ist verunsichert und versucht über all den Pressemeldungen über seinen Killer-Bruder am Glauben an Max' Unschuld festzuhalten. Das ist nicht leicht, da sein Bruder sich auf einmal äußerst seltsam und reserviert verhält ...

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Corinna Abbassi-Götte
Nathan der Weise

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte Nov 2009

[Jugendbuch des Monats - Dezember 2009] Der Kaufmann Nathan träumt davon, dass eines Tages Juden, Christen und Muslime in Frieden miteinander leben werden. Doch in Jerusalem um 1192 zur Zeit des dritten Kreuzzuges sind die Diskrepanzen zwischen den Religionen groß. Vor allem für die wohlhabenden Juden ist die Lage gefährlich, und Nathan weiß, dass sein Traum wohl immer ein Traum bleiben wird.

Der jüdische Kaufmann Nathan kehrt nach Hause zurück und muss erfahren, dass ein Feuer in seinem Haus ausgebrochen ist. Durch einen glücklichen Zufall wurde seine Tochter Recha von einem jungen Tempelritter aus den Flammen gerettet. Dieser junge Tempelritter, Curd von Stauffen, steht unter dem Schutz des Sultans und ist als einziger Tempelritter nicht getötet worden. Natürlich wollen Nathan und Recha sich bei dem jungen Mann bedanken, doch dieser will als Christ mit einem Juden nichts zu schaffen haben. Nathan gelingt es schließlich jedoch, ihn einzuladen. Die beiden Männer werden schnell zu Freunden, und auch Recha und Curd entwickeln Gefühle füreinander.

Da Nathan ein reicher Kaufmann ist und die Kassen des Sultans leer sind, wirft dieser recht schnell ein Auge auf sein Vermögen. Doch er kann es nicht einfach nehmen, und so kommt es zur berühmten Frage des Sultans an Nathan:
"Welche Religion ist die einzig wahre?"

Der Sultan weiß, dass Nathan seine Religion nicht verleugnen würde, und gleichzeitig ist es gefährlich, etwas gegen den Islam sagen. Doch Nathan wird nicht umsonst "der Weise" genannt. Er findet eine Antwort.

Natürlich ist es kein Geheimnis, dass Mirjam Pressler Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" in ihren eigenen Worten erzählt, und aus der Nachbemerkung geht hervor, dass es ihr ein Bedürfnis war, die "im Dienst ihrer Gedanken" stehenden Figuren Lessings plastischer und lebendiger darzustellen. Dies sei in einem Roman leichter umzusetzen als in einem Drama, einem Theaterstück. Um die Personen in eine soziale Wirklichkeit einzubetten und einen möglichen Alltag zu beschreiben, erklärt die Autorin weiter, hat sie einige Personen hinzugefügt. Insgesamt jedoch hat sie sich so weit wie möglich an Lessings Vorgabe gehalten, schon um ihm ihre Referenz zu erweisen. Sie hat sich jedoch Änderungen erlaubt, wenn es ihr logisch erschien, und bezeichnet ihren Roman nicht als Gegentext, sondern als Variation zu Lessings Werk.

Sofort fällt auf, dass Mirjam Pressler einen ganz besonderen Kunstgriff gewählt hat: Sie lässt ihre Charaktere selbst zu Wort kommen; jedes Kapitel wird von einer anderen Person erzählt. Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln erfährt der Leser nun von den Vorgängen um Nathan, von ihren eigenen Gefühlen, den Gründen für ihr Handeln und ihren Wünschen. Den Handlungsverlauf nie aus den Augen verlierend und diesem chronologisch folgend, mit natürlich einigen Ausflügen in die Vergangenheit der ein oder anderen Person, setzt sich nach und nach ein umfassendes Bild der Ereignisse zusammen, wobei Nathans Figur stets im Mittelpunkt steht. Die Geschichte beginnt mit dem Jungen Geschem, der in Nathans Haushalt lebt. Es folgen Rechas Gesellschafterin Daja, Nathans Verwalter Elijahu, der junge Tempelritter, Recha, der Freund Nathans und Cousin des Sultans Al-Hafi, ja sogar die Schwester des Sultans Sittah und der Hauptmann Abu Hassan.

Nathan selbst kommt jedoch nicht zu Wort – ein geschickter Zug, denn auf diese Weise wird umso deutlicher, wie sich das Netz um ihn trotz seiner Sanftheit, Toleranz und Menschenfreundlichkeit immer weiter zuzieht.

Mirjam Pressler schafft es durch ihre klare Ausdrucksweise, bei der jeder Satz wohlformuliert und mit Bedacht gesetzt scheint, nicht nur den Leser zu fesseln, sie berührt ihn und reißt ihn mit. Ihr Vorhaben, die Figuren plastisch und lebendig darzustellen, ist ihr ganz klar gelungen - und mehr als das. Sie geht durch die individuellen Lebensgeschichten der Figuren auf die Hintergründe der damaligen Zeit ein und schafft so ein komplexes, stimmiges und auch wertfreies Bild.

Die Beweggründe Curd von Stauffens, als Tempelritter ins Heilige Land zu ziehen, werden dabei zum Beispiel ebenso beleuchtet wie Saladins Taten oder die tragische Vergangenheit Dajas. Und obwohl diese fiktive Figurenkonstellation von Lessing erdacht und von Pressler erweitert wurde, hat man doch das Gefühl, ein Stück Zeitgeschichte vor sich zu haben. Und es ist ihr gelungen, nicht nur eine Variation von Lessings "Nathan der Weise" vorzulegen, sie hat einen modernen Roman verfasst, der trotzdem er um das Jahr 1192 angesiedelt ist, eine nach wie vor aktuelle Thematik beleuchtet. Auch heute noch entstehen im Namen der Religion Kriege, werden Verbrechen begangen und kommen die Menschen nicht zueinander.

FAZIT

Neben sämtlichen Bezügen zu Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" und abgesehen von der unumstößlichen Tatsache, dass Mirjam Presslers Variation dieses bedeutenden Klassikers sowohl inhaltlich als auch schriftstellerisch hervorragend ist: Ihr Roman für jugendliche und erwachsene Leser unterhält, fesselt und berührt!

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