Mein letzter Livestream und alle schauen zu

  • Arena
  • Erschienen: Juli 2022

übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn; Broschur, 336 Seiten

ISBN: 9783401607153

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Theresa Mürmann
10

Jugendbuch-Couch Rezension vonNov 2022

Du bist nur so viel, wie du wiegst…

In den Pausen isst Butter immer allein, er muss auf dem Behindertenparkplatz parken und abgesehen davon ist er für die meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler an der High-School eine Witzfigur. Warum? Er wiegt über 400 Pfund. Für die meisten Menschen in seinem Umfeld ist das Grund genug ihn zu mobben – der klassische Außenseiter eben. Butter hat sich seinem Schicksal gefügt und flüchtet sich nicht selten in eine tröstliche Fressorgie, denn ein Normalgewicht scheint für ihn in aussichtsloser Ferne. Nachdem er in der Schule wieder mal einen harten Tag hatte, kommt er auf eine absurde Idee, die er jedoch direkt in die Tat umsetzt: Butter erstellt eine eigene Website, auf der er seine Henkersmahlzeit ankündigt. An Silvester möchte er sich zu Tode essen. Und plötzlich ist er für den Rest der Schule gar nicht mehr so uncool. Für Butter beginnt ein neues Leben im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Leben, das laut seiner Ankündigung bald enden soll…

Tatsächlich haben wir es hier mit keiner Neuerscheinung im eigentlichen Sinne zu tun, denn das Jugendbuch der amerikanischen Autorin Erin Jade Lange erschien im deutschsprachigen Raum bereits 2014 unter dem damaligen Titel „Butter“ bei Rowohlt. Im Jahr 2020 wurde der Roman vom Regisseur Paul A. Kaufman in Amerika verfilmt und erschien im Februar 2022 unter dem Namen „Butter“ bzw. „Butter’s Final Meal“. Erin Jade Lange bewegt sich in ihren Geschichten sehr nah an der realen Lebenswelt der jungen Generation und schafft es, schwierige Themen wie Mobbing und Ausgrenzung sowie deren Dynamiken im sozialen Umfeld von Schule und Freundeskreis in alarmierenden, aber nicht reißerischen, tiefsinnigen und vor allem berührenden Handlungen darzustellen.

So ist auch Butter einer dieser liebenswürdigen Protagonisten, denen man beim Lesen gerne immer wieder aufmunternd auf die Schulter klopfen würde. Denn er hat es in seinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes nicht leicht. Sein Gewicht bestimmt alles: an der High-School ist er für alle nur der „Fette“, sein Vater hat sich von ihm abgewandt und eine ferne Zukunft wird ihm auch nicht prophezeit. Für Butter ist aber wohl das Schlimmste, dass er sich seiner Anna nicht in echt zeigen kann. Es gibt die Anna, die ein paar Reihen vor ihm in der High-School sitzt, und es gibt die Anna im Chat, mit der er nach der Schule tiefsinnige Gespräche führt und flirtet. Dass es sich um ein und dasselbe Mädchen handelt, weiß nur Butter, denn die High-School-Anna beachtet ihn sonst gar nicht. Schließlich ist er doch nur der, der sich sein Essen reinschaufelt.

Es ist ein Buch, das aufrüttelt und auch Jahre nach seinem ersten Erscheinen noch aktueller ist denn je. Bodyshaming, (Cyber-)Mobbing und Sensationsgier fügen sich leider eins zu eins in die Parallelwelt von Instagram, TikTok und Co. ein. Butters Geschichte führt beschämend ehrlich vor Augen, wie sehr man von seinem sozialen Umfeld auf seinen Körper und sein äußeres Erscheinungsbild reduziert wird. Nicht selten muss man sich dabei beim Lesen an die eigene Nase fassen: Hat man sich bis zur letzten Seite jemals gefragt, wie Butter mit richtigem Namen heißt? Die „legendäre“ Story von der Stange Butter und dem daraus resultierenden Spitznamen hat alles überlagert. Und dass Butter von Anfang bis Ende gemobbt wird, gewinnt im Laufe der Handlung an trauriger Normalität. Hinterfragt man als Leserin bzw. Leser stets alle Kommentare wie „monsterhafter Klotz“, „Bigfoot“ oder „Fettarsch“? Oder nimmt man sie, wie Butter, ab einem bestimmten Punkt einfach so hin?

Ob Butter die Ankündigung seiner Henkersmahlzeit und damit seines Selbstmords (Triggerwarnung am Ende) ernst meint, weiß er bis kurz vor Schluss eigentlich selbst nicht. Nie hätte er gedacht, dass er mal dazugehören würde: gemeinsames Abhängen mit den „Coolen“, Partys und ausgefüllte Wochenenden. Die Tatsache, dass nebenbei Wetten darauf abgeschlossen werden, ob er sich an Silvester nun wirklich zu Tode fressen wird oder nicht und welche Speisen dabei auf seiner Karte stehen sollen, nimmt Butter im Gegenzug in Kauf. Obwohl ihm schon klar ist, dass Freunde so etwas eigentlich nicht tun. Aber er ist nicht mehr allein und das ist die Hauptsache.

Auch in seiner Familie findet Butter wenig Halt. Seine Mutter ist mit der Situation überfordert und schwankt zwischen zuckerfreien Rezepten und tröstenden Pancakes mit Karamellsirup. Sein Vater hat sich mit der Zeit irgendwann von ihm abgewandt und spricht nicht mehr mit Butter. Erst mit der Zeit wird klar, wie sehr Letzterem diese gestörte Beziehung zu seinem Vater zusetzt, denn er versucht sie nicht nur einmal mit einer Prise Humor und Sarkasmus klein zu reden. Doch die einstigen gemeinsamen Wanderungen und Gespräche aus der Kindheit fehlen ihm.

Butters Geschichte ist ergreifend und traurig, gleichzeitig aber auch erfrischend lebensbejahend und aufrüttelnd. Wie die Henkersmahlzeit abläuft, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Sie liegt einem beim Lesen schwer im Magen.

Fazit

Eine absolute Jugendbuch-Empfehlung mit einer wichtigen Botschaft in unserer digitalen Welt aus Schein und Sein: Keine Waage dieser Welt verrät etwas über unsere Persönlichkeit. Du bist gut, so, wie du bist.

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