Der Sohn des Ursars

  • Knesebeck
  • Erschienen: März 2022

übersetzt von Désirée Schneider; Hardcover, 240 Seiten

ISBN: 9783957285386

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Sabine Bongenberg
8

Jugendbuch-Couch Rezension vonJul 2022

Ein spannender Roman, der einiges an Verständnis schafft

Ciprian und seine Familie will keiner haben. Sobald sie mit ihrem Wohnwagen irgendwo auftauchen, versucht man sie alsbald wieder zu vertreiben. Dabei präsentieren sie auf den Dörfern eine tolle Vorstellung: Mit ihrem zahmen (naja) Bären Gaman ziehen sie durch Rumänien und Ciprians Daddu zeigt, wie er mit bloßen Händen dieses gefährliche Raubtier bezwingen kann. Leider will das aber niemand sehen, die Einnahmen sind daher mehr als spärlich und würde dem großen Bruder Demetrius nicht immer wieder mal ein „wildes“ Huhn hinterherlaufen, dann müssten sie alle Hunger leiden. Ganz schlimm wird die Situation dann, als das Familienauto, das bisher den Wohnwagen zog, komplett den Geist aufgibt und die Familie auf dem platten Land strandet.

Der letzte Ausweg scheint hier eine Schlepperbande zu sein, die die ganze Familie nach Frankreich in die Slums von Paris verfrachtet. Hier bekommen alle schnell neue Aufgaben und natürlich sind die nicht ehrlich, denn blitzschnell haben die vormals freundlichen „Helfer“ eine Rechnung aufgemacht, die selbst von einer Gruppe hart arbeitender Rechtsanwälte mit fürstlichen Honoraren nicht beglichen werden konnte. Für Ciprian scheint so der Weg in den Knast und in die Abschiebung vorgezeichnet zu sein. Zumindest so lange, bis er eines Tages einige Erwachsene bei einem eigenartigen Spiel beobachtet. Der Junge ahnt nicht, dass sich damit sein ganzes Leben ändern könnte…

„Kaiser Sigismund hat uns höchstpersönlich seinen Schutz ausgesprochen!“

Der französische Autor Xavier-Laurent Petit lässt seinen Helden Ciprian als Ich-Erzähler aus seinem Leben berichten. Ciprian gehört mit seiner Familie zu den Roma, die in Rumänien über die Dörfer ziehen und versuchen, sich als Schausteller durchzuschlagen. Natürlich funktioniert das meistens nicht und so schildert Ciprian mit schelmischem Charme, wie sein älterer Bruder sich um die „Einkäufe“ für die Familie kümmert und lässt ihn auch über das Selbstverständnis seiner Familie sprechen. Sie beziehen sich immer noch auf einen Schutzbrief, den Kaiser Sigismund im Jahr 1417 ausstellte und der ihnen erlaubte, sich frei durch das Reich zu bewegen. Natürlich passt es dann auch in ihre Logik, dass dazu eine gewisse Verkostung gehört, denn schließlich kann es ja nicht angehen, dass die Schutzbefohlenen des Kaisers hungern. Ob man sich dieser Haltung anschließen möchte – das bleibt dem Leser überlassen. Dennoch kann der Leser auch nicht anders als sich zu fragen, ob er in der Lage des Jungen und seiner Geschwister anders handeln würde.

Petit beschreibt spannend und anschaulich, wie sich die Lage der Familie zusehends verschlechtert, als diese sich nach dem Zusammenbruch ihres Autos und nach Drohungen der rechtsradikalen Dorfbewohner in die Hände von Schleppern begeben müssen. Sicher – man könnte glauben, dass die Sicherheiten, die eine europäische Hauptstadt versprechen gegenüber einem finsteren, rumänischen Wald eine Verbesserung beinhalten dürften, dennoch zeigt sich für Ciprian und seine Familie alsbald, dass das Gegenteil der Fall ist. Dennoch verfasst Petit hier keine zornige Anklage, sondern betrachtet und erzählt wieder aus der verschmitzten Sicht des Jungen, die vieles einfach charmant und besonders erscheinen lässt, ohne dass die Situation der Familie verniedlicht oder schöngeredet wird. Auch hier fragt sich der Leser oft, welche Möglichkeit einer Familie bleibt, die von Schleppern in eine vermeintlich glänzende Zukunft geschleppt werden und in einer Bretterbude untergebracht, des Schreibens und Lesens nicht mächtig, zum Spielball von Verbrechern wird.

„Ich verstand einfach nicht, wann man „scharrmatt“ sagen musste…“

Dennoch wäre es um das Schicksal der gesamten Familie schlecht bestellt, wäre Ciprian nicht mit einer besonderen Begabung ausgestattet, die ihm den Zugang zu einem besonderen Sport ermöglicht. Petit schildert Ciprians Weg glaubhaft und dennoch lebendig und facettenreich, so dass ich mich tatsächlich fragte, ob ein Ciprian tatsächlich für die französische Nationalmannschaft spielt und ob ich – mit ein bisschen Glück – den Bären Gaman in den Wäldern Rumäniens treffen könnte. Schön ist hier auch immer wieder, wie Ciprian seine Welt aus seinem Erleben schildert und so lebhaft von Herrn „Sehrdick“ und Frau „Walfisch“ berichtet. Mir gefiel auch, dass Petit zeigt, dass Auswege aus der Misere gefunden werden, wenn sich auf der einen Seite die zusammentun, die helfen können und wollen und sich die auf der anderen Seite auch helfen lassen wollen.

Fazit

Xavier-Laurent Petit erzählt berührend und lebendig aus dem Leben seines gewitzten Helden und seiner Familie. Ohne etwas zu verdammen, zu verniedlichen oder zu entschuldigen, gelingt ihm eine Gratwanderung zwischen der Achtung zu der Kultur der Roma und zu den Problemen, die sie auch manchmal verursachen. Das Ergebnis ist ein spannender Jugendroman, der sicher dazu beiträgt, den Roma mit mehr Verständnis entgegenzutreten.

Der Sohn des Ursars

, Knesebeck

Der Sohn des Ursars

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