Harte Schale, Weichtierkern

Illustrationen von Michael Szyszka; Hardcover, 126 Seiten

ISBN: 9783407756459

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Theresa Mürmann
8

Jugendbuch-Couch Rezension von Theresa Mürmann Jun 2022

Humorvolle Verpackung, ernste Message

F.C.K. – man kann sich vermutlich schönere Initialen vorstellen. Fabienne Caroline Klausner ist 16 und führt definitiv kein „normales“ Leben, zumindest kein solches, wie die Gleichaltrigen um sie herum. Sie interessiert sich in hohem Maße für Oktopusse, den Hype ums Ausgehen hat sie noch nie verstanden und ihre „Freunde“ hat sie mit der Trennung von Marco verloren. Wobei, so schlimm findet sie es allein eigentlich gar nicht... Trotzdem scheint irgendetwas mit ihr nicht zu stimmen, so Fabiennes Vermutung. Also begibt sie sich kurzerhand in psychotherapeutische Behandlung. Mit der Diagnose: Asperger-Syndrom. Und jetzt?

Wir haben es hier mit einem Jugendbuch zu tun, das ganz und gar nicht dem Mainstream zuzuordnen ist. Zum einen vom Thema her, zum anderen von seiner Erscheinung. Es gibt wohl nur sehr wenige Titel über Asperger für diese Zielgruppe. Vermutlich können auch nicht alle Leser*innen dieses Alters unmittelbar etwas mit diesem Begriff anfangen. Das Wort „Autismus“ ist da vermutlich bekannter. Doch was heißt das eigentlich?

Von ihrem Psychotherapeuten hat Fabienne die Aufgabe bekommen, ihre Gedanken tagebuchähnlich aufzuschreiben. Das Ergebnis ist eine Art Collage aus Texten und Zeichnungen, kleinen Randnotizen und sehr, sehr vielen Bildern von Oktopussen und anderen Meerestieren (Illustrator ist Michael Szyszka). Die Protagonistin treiben in ihrem Alltag tausende von Fragen um: Was ist normal und wie muss ich mich verhalten, um normal zu wirken? Warum kann sie sich nicht an lauter Musik und dem Tanzen bis spät in die Nacht erfreuen? Warum sitzt sie lieber zuhause und beschäftigt sich mit Oktopussen? Warum treibt es sie in den Wahnsinn, wenn jemand ihren Joghurt aufisst? Warum hat ihr Psychotherapeut auch noch ein Privatleben und lebt nicht, wie in ihrer Vorstellung, nur in seiner Praxis?

Auf eine lockere und humorvolle Art und Weise erzählt uns Fabienne von den kleinen und großen Erlebnissen und Erfahrungen in ihrem Alltag. Von den Zweifeln, warum sie anders ist als ihre Mitschüler*innen. Als Leser*in muss man an manchen Stellen innehalten und hinter der ironischen Sprache den Ernst erkennen. Die Tatsache, dass Fabienne in ihrer Familie niemanden hat, dem sie sich mit ihrer Diagnose anvertrauen kann, stimmt einen traurig. Denn zuhause nimmt Fabienne niemand wirklich ernst: „Das sind doch keine Probleme, alles normal.“

Was beim Lesen teilweise etwas verwirrend ist, ist die Tatsache, dass man die losen aneinandergefügten Einträge ohne Datum und Zusammenhang im Kopf selbst miteinander verbinden muss. In Kombination mit dem Inhalt wird die Lektüre dadurch recht anspruchsvoll und richtet sich vor allem an erfahrenere Leserinnen und Leser.

Die Autorin möchte mit ihrem Buch der neurodiversen Community eine Stimme geben: Diese setzt sich für mehr Akzeptanz und Toleranz von Neuro-Minderheiten, zu denen eben auch Autistinnen und Autisten zählen, in der Gesellschaft ein.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das sich einem eher unbeachteten Thema widmet. Es eröffnet einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt einer 16-Jährigen mit Asperger-Syndrom und stellt nicht zuletzt die Frage, ob die Unterscheidung „normal“ / „unnormal“ in unserer Gesellschaft nicht viel zu oberflächlich ist. Denn wer oder was ist schon normal?

Harte Schale, Weichtierkern

Cornelia Travnicek, Beltz & Gelberg

Harte Schale, Weichtierkern

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