Nachrichten von Micah

  • dtv
  • Erschienen: Februar 2022

übersetzt von Birgitt Kollmann; Broschur, 256 Seiten

ISBN: 9783423650373

Nachrichten von Micah
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Sabine Bongenberg
8

Jugendbuch-Couch Rezension vonJul 2022

Eine spannende Suche – aber etwas mehr hätte passieren dürfen

Micah wurde aus allem herausgerissen: Aus seinem Leben, der Schule, von seinen Freunden und vor allen Dingen von Sesame. Dabei hatten sie doch große Träume: Sie wollten ein eigenes Café eröffnen, wollten gemeinsam kochen, leben, lachen und alles was Angst macht und dunkel ist, hinter sich lassen. Dennoch ist Micah nicht tot. Er wurde zusammen mit seinen Eltern von den Angehörigen einer Sekte – den „Lebenden Lichtern“ – abgeholt und jetzt leben sie nur mit denen unter der Führung eines selbst ernannten Propheten zusammen. Micah hält von der ganzen Sache nicht viel und damit eckt er an und gerät ins Visier der Sektenführer. Oben auf der Erde könnte ihm nicht einmal viel passieren, aber in dem unterirdischen Gewölbe, in dem die Sekte lebt, ist der Prophet der Herr über Leben und Tod. Für Micah hat das gefährliche Konsequenzen. Und Sesame? Sie weiß, dass ihr Freund in Gefahr ist, aber wer will ihr schon glauben? Dazu kommt noch, dass Sesame auch nicht gerne viel aus ihrem Leben erzählt und das aus gutem Grund…

Nicht so schnell zuklappen!

Zugegeben – als ich begann, Nachrichten von Micah zu lesen, da klappte ich das Buch ganz fix wieder zu und las erst einmal etwas ganz anderes. Denn nachdem im ersten Kapitel über die Veränderung von Fakten und Umständen philosophiert wird, startet das nächste Kapitel sofort damit, dass „Alkoluth Deeson“ vor der Tür steht und alle in den „Südkomplex“ bringen will. Ehrlich gesagt, ich dachte, ich sei in einer verqueren Zukunftsvision mit einer eigenartigen Sprache gelandet und ließ das Buch erst einmal liegen. Aber damit tat ich ihm Unrecht, denn das Buch ist weder ein Zukunftsroman noch verquer. Alison McGhee hat vielmehr ein spannendes Buch über einen Jugendlichen verfasst, dessen Eltern in eine mehr als bizarre Sekte abgerutscht sind und sich entschieden haben, zukünftig mit ihr zu leben. Das Problem ist aber, dass Micah in dieser Sekte nicht zurechtkommt und immer mehr mit Essensentzug gestraft wird. Irgendwann ist vollkommen klar, dass er das nicht überleben kann, und so richten sich seine Hoffnungen und natürlich die der Leser auf seine Freundin Sesame, die versucht ihn zu finden.

Das geheime Leben von Sesame

Micah und Sesame erzählen abwechselnd als Ich-Erzähler und so erfährt der Leser vieles über die Geheimnisse der beiden. Bei Micah ist das nicht so wahnsinnig viel, aber Sesame hat ihr Leben sorgfältig vor allen anderen und selbst vor ihren allerbesten Freunden abgeschirmt. Sie glaubt, alles alleine schaffen zu müssen, muss aber im Laufe der Geschichte erfahren, dass das schon unter „normalen“ Umständen nicht einfach, aber jetzt nicht mehr zu stemmen ist. Sie macht die Erfahrung, wie wichtig es ist, sich auf seine Freunde verlassen zu können und dass Vertrauen auch Vertrauen voraus setzt. Micah dagegen erlebt die umgekehrte Welt: Seine Eltern, denen er vertraute und die ihn auffangen sollten, lassen ihn immer mehr im Stich und plötzlich sieht er sich in die Rolle des Ausgestoßenen gedrängt. Mit zunehmendem körperlichem Verfall werden seine Aussagen wirrer, aber gerade das zeigt dem Leser eindringlich, in welcher Gefahr der Junge schwebt.

Manchmal ein wenig eintönig

Alison McGhee erzählt mit ihrem neuen Roman eine spannende Geschichte zweier Jugendlicher, die sich aufeinander verlassen und sich verzweifelt suchen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Klappentext ein bisschen mehr in die Marschrichtung – nämlich die Sektenproblematik – verweist und für meinen Geschmack hätte auch schon ein bisschen mehr passieren können. Sicher, Suchen sind langwierig und manchmal eintönig und auch im Sektenalltag mag ein Tag komplett dem anderen gleichen, aber ein bisschen mehr Abwechslung hätte ich doch ganz schön gefunden. Gut eingefangen hat McGhee aber die Überlebenstricks und –kniffe, die sich Sesame selbst beigebracht hat und die eisige und einsame Stimmung Mineapolis’ im Winter.
Hier meint man die eisige Kälte selbst zu spüren und möchte am liebsten nach einer Decke greifen!

Fazit

Nachrichten von Micah ist ein spannender und realistischer Roman über das Finden – aber auch den Verlust – von Vertrauen und Verlässlichkeit. Alison McGhee zeigt eindringlich, wie die Kälte des Winters aber auch die Kälte des Misstrauens und der Ausgrenzung Leben gefährden können – aber auch, wie Unterstützung und Freundschaft unüberwindlich scheinende Hürden aus dem Weg räumen können.

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