Wir: Die süßen Schlampen

Broschur, 480 Seiten

ISBN: 9783407756046

Wir: Die süßen Schlampen
Wir: Die süßen Schlampen
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Julian Hübecker
7101

Jugendbuch-Couch Rezension vonMär 2022

So viel mehr als ein Thriller

Es ist nicht einfach, seinen Weg nach der Schule zu finden – man hängt in der Luft und weiß nicht weiter. So ergeht es auch den fünf Freundinnen Taja, Stinke, Schnappi, Nessi und Rute. Doch das wird erstmal deren geringste Sorge sein, als sie mitten hinein geraten in die Abgründe Berlins.

„Keiner von uns weiß, wie es jetzt nach der Schule weitergeht. Ein soziales Jahr. Eine Ausbildung. Eine Bank überfallen. Alles ist möglich.“

Sie sind Freundinnen fürs Leben: die freiheitsliebende Taja, die unbändige Stinke, die stets bereite Schnappi, die fürsorgliche Nessi und die realistische Rute. Von außen betrachtet sind sie wie Feuer und Wasser, aber gerade deswegen können sie sich stets aufeinander verlassen, egal, wie groß die Probleme sind. Als Taja sich über eine Woche nicht mehr bei ihren Freundinnen meldet, sehen die anderen erst noch kein Problem darin – schließlich kam das schon öfters vor. Dann erreicht sie jedoch in der Nacht eine kurze Nachricht: „KMT“.

An der Villa von Tajas Vaters angekommen, finden sie diesen lädiert vor. Er berichtet, dass Taja ihn unter Drogen angegriffen hätte, ehe sie abgehauen ist. Offensichtlich hat sie eine Woche lang verschiedenste Drogen konsumiert, was ihr gar nicht ähnlich sieht. Was hat sie so aus der Bahn geworfen?

Währenddessen erwartet Mirko nicht mehr viel vom Leben: Sein Vater ist abgehauen, stattdessen nimmt sein Onkel die Vaterrolle ein – inklusive nächtlicher Schäferstündchen mit Mirkos Mutter. Gleichzeitig übernimmt er kleinere Aufträge für Darian, seinen muskelbepackten Kumpel, der in der Drogenszene aufsteigen will, wie schon sein Vater vor ihm. Als Darian die Möglichkeit bekommt, in den „Stall“ einzutreten, ist Mirko geschockt – denn dabei handelt es sich um nichts anderes als Menschenhandel.

Ein Grenzgänger unter den Büchern

Dass das Buch erst ab 16 ist, kommt nicht von ungefähr: Zoran Drvenkar nutzt klare Worte und schreckt auch vor Gewalt in jeglicher Form nicht zurück. Kritik ist da naheliegend und durchaus gerechtfertigt. Man muss das Buch jedoch differenziert betrachten. Vor allem ist es aber keinem richtigen Genre zuzuordnen. Als Thriller würde ich das Buch nicht einordnen und wird ihm auch nicht gerecht. In erster Linie schwimmt eine deutliche Gesellschaftskritik mit: Es geht um Drogenmissbrauch, um Jugendliche aus sozial schwachen Milieus und um Menschenhandel. All das muss man erstmal verdauen, aber Drvenkar ist genau der richtige Autor dafür.

Die fünf Mädels sind keine Unbekannten, denn sie durften schon in „Du“ auftreten, einem Thriller für Erwachsene. In einem Nachwort entschuldigt sich der Autor bei den Mädels dafür, dass sie noch keinen eigenen Roman bekommen haben – verdient haben sie es allemal. Mit Sicherheit repräsentieren sie nicht den Durchschnittsjugendlichen: Respekt gegenüber anderen ist ihnen fremd, sie sind rotzfrech und halten nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg, egal wie groß und alt ihr Gegenüber ist. Das nötigt sowohl Ehrfurcht als auch Kopfschütteln ab. Unter ihrer harten Schale zeigt sich aber immer wieder Mitgefühl und vor allem eine unerschütterliche Treue füreinander.

Jede der Mädels darf aus der eigenen Sicht erzählen, dazu kommen aber noch weitere Charaktere, beispielsweise Mirko und Darian, die eine neue Dynamik reinbringen. Diese Wechsel sind nötig, um der Geschichte Dampf zu machen, erlauben aber auch Sprünge in den Szenen sowie Wiederholungen aus unterschiedlichen Perspektiven. All das zusammen ergibt einen ungefilterten, angriffslustigen und empörenden Roman, der viele vor den Kopf stoßen wird – aber müssen das solche Bücher nicht sowieso?

Fazit

Ein Buch, das viel will und viel hergibt. Hat man sich einmal an Zoran Drvenkars Schreibstil gewöhnt, dann ist es ein Roman, der spannend und empörend gleichermaßen, aber auf jeden Fall einfach nur gut gelungen ist.

Wir: Die süßen Schlampen

Zoran Drvenkar, Beltz & Gelberg

Wir: Die süßen Schlampen

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