Taras Augen

  • mixtvision
  • Erschienen: Februar 2022

Broschur, 384 Seiten

ISBN: 9783958541818

Taras Augen
Taras Augen
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Alexandra Fichtler-Laube
7

Jugendbuch-Couch Rezension vonMai 2022

Zerbrochene neue Welt

Rekan ist ein kleines Städtchen, idyllisch zwischen Zigosee, Wald und Weizenfeldern gelegen. In der Nähe steht eine Chemiefabrik, in der geforscht wird und Medikamente hergestellt werden.

Hier leben Tara und Alún mit ihren Familien in aneinandergrenzenden Häusern. Die Teenager waren seit Ewigkeiten Freunde, doch nun haben sie schon lange kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Als Tara eines Tages auf dem Weg zum Schwimmen ist, geschieht ein Unglück: In der Chemiefabrik explodiert etwas und eine giftige Wolke verteilt sich über die ganze Gegend. Die Menschen fliehen und Tara und Alún werden vollends getrennt.

„Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass alle Fliesen gleich aussehen müssen. Jede Fliese zeigt ein Auge und die Augen müssen identisch sein. Die Lider, die Wimpern. Die Pupille, die Regenbogenhaut, das Weiß darum. Und vor allem der Blick. Ein Blick, der seinem Gegenüber vertraut.”

Tara landet mit ihrer Familie in einer Notunterkunft. Fehlende finanzielle Mittel verhindern einen Neuanfang und die Angst der Menschen dort vor einer Ansteckung mit gefährlichen Stoffen machen sie zu Ausgestoßenen. Als ihr alter Wohnort plötzlich als sicher eingestuft wird, kehren sie nach 5 Monaten wieder in ihr altes Zuhause zurück. Es sind nicht viele, die zurückkehren.

Langeweile, das Gefühl der Ausweglosigkeit und fehlende Unterstützung der Behörden bestimmen von nun an Taras Leben und das der wenigen anderen Teenager. Alúns Eltern sind Ärzte und haben genug Geld für eine Wohnung und Alúns Mutter hat sogar schon wieder einen neuen Job. Der Vater jedoch ist unzufrieden mit der Situation und strebt nach Höherem.

Alún kann Tara nicht vergessen. Er nutzt seine künstlerischen Fähigkeiten für ein Projekt, dass ihm Taras Aufmerksamkeit sichern soll. Er verteilt Fliesen, mit Taras Augen darauf gezeichnet, in der ganzen Stadt. Dabei gerät er mit den strengen Regeln der ultramodernen und überwachten Großstadt in Kontakt. Mit der Zeit beginnt er auch die Explosion zu hinterfragen, vor allem fragt er sich, ob die Gegend wirklich so sicher ist, wie es erzählt wird.

Tara und ihre Freunde indes spüren schon bald Veränderungen.

Ungewöhnlich und komplex

Taras Augen ist vordergründig eine Geschichte über das Erwachsenwerden und das Lernen zu verzeihen. Die Geschichte wird abwechselnd von Tara und Alún erzählt.

Das Mädchen kämpft mit den Folgen des Chemieunfalls und ihrem neuen Leben ohne Struktur und Zukunft. Sie und die zurückgekehrten Jugendlichen verbringen ihre Tage damit, zu trinken, zu schwimmen und abzuhängen. Sie vermisst Alún und ist doch sehr vehement dabei, ihn aus ihrem Leben auszuschließen.

Alúns Familie auf der anderen Seite ist ganz oberflächlich gesehen auf ihren Füßen gelandet. Seine Geschwister und er haben aber den emotionalen Kontakt zu ihren Eltern verloren und gehen heimlich ihren eigenen Interessen nach. Alún plant eine große Entschuldigungsaktion, die sich bald als Zeichen einer großen Bewegung entpuppt.

Die Folgen der Explosion der Fabrik stehen immer im Hintergrund. Die Menschen versuchen ihr Bestes, weiterzuleben. Nur wenige scheinen nachzufragen oder aktiv zu werden. Es zeigt sich besonders in den unterschiedlichen Problematiken der Familien mit Geld und denjenigen ohne. Einige von Taras Schulkameraden, ihre besten Freundinnen und Alún haben einen Neuanfang außerhalb der Gefahrenzone gemeistert und leben einfach weiter, mit Schule und Job.

Die Geschichte benötigt zu Beginn einige Mühe, da Katharina Bendixen viele neue Begrifflichkeiten benutzt, an die man sich erst gewöhnen muss. Am Ende des Buches gibt es zum Glück ein Personenregister, eine Erklärung der Begriffe und eine Karte der Gegend.

Dieses Buch ist kein typischer Dystopie-Roman. Keine der Hauptpersonen wird aktiv im Hinblick auf die Ungereimtheiten hinter den Machenschaften der Fabrik und der Regierung. Sie ergeben sich eher ihrem Schicksal und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Vieles bleibt im Unklaren, wird nur angedeutet, und Konflikte werden nicht zu Ende erzählt.

Und doch ist die Welt, die die Autorin kreiert, spannend und interessant. Die Charaktere sind sehr nachvollziehbar gezeichnet und man beginnt zu überlegen, wie man selbst mit so einer Situation umgehen würde.

Fazit

Taras Augen ist eine Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund eines vertuschten Chemieunfalls. Vorsichtig und originell erzählt Katharina Bendixen vom Weitermachen und Weiterlieben in einer Welt, die wenige Sicherheiten bietet.

Taras Augen

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