Heul doch nicht, du lebst ja noch

  • Oetinger
  • Erschienen: Januar 2022

Hardcover, 176 Seiten

ISBN: 9783751201636

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Andrea Delumeau
10

Jugendbuch-Couch Rezension von Andrea Delumeau Mär 2022

Ein packender Jugendroman gegen das Vergessen

Hamburg, kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges: Jakob, Herrmann und Traute leben in der Trümmerwelt ihrer zerbombten Heimatstadt.

Jakobs Vater galt als Arier und somit als Herrenmensch laut der nationalsozialistischen Rassenlehre, ist aber während des Krieges bei einem Strafarbeitseinsatz (Strafarbeit weil seine Frau Jüdin ist) gestorben. Kurz danach wurde seine Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt geschickt. Seit ihrem Abtransport wurde Jakob von einem Nachbarn in den Trümmern versteckt und mit Essen versorgt, jetzt kommt dieser allerdings nicht mehr und Jakob ist auf sich selbst gestellt.

Herrmann hat ganz andere Sorgen. Er hat zwar noch beide Eltern, seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialisten, wurden im Krieg aber beide Beine weggeschossen und Prothesen sind Mangelware. Alle zwei Stunden soll Herrmann nach ihm schauen und ihn bei Bedarf auf die Toilette im Zwischengeschoss unter ihrer Wohnung tragen, weil der Vater ja alleine nicht dorthin kommt. Seine Eltern streiten sich unablässig, seitdem seine Mutter mit Hilfe der Papiere seines Vaters als Mann verkleidet für die englischen Besatzer Autos repariert und somit zum Brotverdiener der Familie wird und der Vater seine Autorität als Familienoberhaupt untergraben sieht.

Nur Traute hat den Krieg als Tochter eines Bäckers relativ unbeschadet überstanden. Ihre beiden Eltern leben noch und kümmern sich liebevoll um sie. Nun ist in ihrer Wohnung eine Flüchtlingsfamilie aus dem Osten einquartiert und Traute geht lieber nach draußen, um den beengten Wohnverhältnissen zu entgehen. Ihre Freundinnen, von denen sie nicht weiß, ob sie die Bombenangriffe überlebt haben, fehlen ihr und Schule gibt es auch nicht, um dem leidigen Alltag und der Langeweile zu entgehen.

Auch Herrmann entflieht gerne der Misere zu Hause und geht lieber ins Freie, um mit ein paar Nachbarsjungen Fußball zu spielen. Traute stößt auf der Suche nach Spielkameraden auf sie und darf nach einigem Hin und Her bei ihnen mitspielen, obwohl sie ja „nur“ ein Mädchen ist.

Durch einen Zufall lernen sie Jakob kennen, obwohl sie zunächst nicht um seine wahre Identität wissen und ihn als obdachloses Waisenkind namens Friedrich, das in den Trümmern haust, kennen.

Wird es den Dreien gelingen, sich in dieser neuen und ungewohnten Welt zurechtzufinden?

Kirsten Boie gehört nicht ohne Grund zu den renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands

Schon mit dem ersten knappen Satz und einer einfachen, unmittelbaren Sprache überhaupt packt sie ihre Leser und lässt sie bis zum offenen, aber hoffnungsvollen Ende nicht mehr los.

Ohne erhobenen pädagogischen Zeigefinger und ohne moralisierende Wertung lässt sie Ihre Haupt- und Nebenfiguren agieren:

Herrmanns Vater war bekennender Nationalsozialist, sein Sohn wurde bei der Hitlerjugend mit dem nationalsozialistischen Gedankengut indoktriniert, es wäre ein Leichtes gewesen, sie als Bösewichte abzustempeln. Wie auch Traute und ihre Eltern, die typische Mitläufer waren, denen Überleben wahrscheinlich wichtiger war als die Politik oder Widerstand zu leisten und die Dank des Berufs des Vaters mit dem Bäckerladen relativ unbeschädigt den Krieg überstanden haben, immer ein Einkommen hatten und auch jetzt in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit keinen Hunger leiden müssen wie z.B. Jakob oder Herrmann.

Stattdessen versteht sie es, dem Leser ihre Figuren differenziert und wertungsfrei ohne viele Worte näherzubringen, damit er versteht, warum sie so handeln wie sie handeln und sie nicht einfach als Gut und Böse, Opfer und Täter abzuurteilen.

Vor allem gelingt es ihr zu zeigen, dass auch sogenannte Täter und Mitläufer wie Herrmann, Hermanns Vater oder Traute durch den Krieg und das Kriegsende zu Opfern wurden.

Die Geschichte wird spannend und mitreißend erzählt,dass man als Leser unbedingt wissen will, was mit den Protagonisten passiert und das versöhnliche Ende beruht teilweise auf Tatsachen und machen das Buch schon für jugendliche Leser ab 12 Jahren lesenswert. Zudem werden viele historische, vor allem dem nationalsozialistischen Gedankengut entstammende Fremdwörter in einem Glossar am Ende des Buches auf leichtverständliche Weise erklärt und begleiten so den Leser auf seiner Zeitreise.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das in keiner Bibliothek, vor allem in keiner Schulbibliothek fehlen sollte und in Schulen Pflichtlektüre werden könnte, weil es auf hervorragende Weise eine wichtige Epoche der deutschen Geschichte vor dem Vergessen bewahrt.

Heul doch nicht, du lebst ja noch

Kirsten Boie, Oetinger

Heul doch nicht, du lebst ja noch

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