Game Changer

Erschienen: Oktober 2021

Bibliographische Angaben

übersetzt von Kristian Lutze, Andreas Helweg und Pauline Kurbasik; Illustrationen von Christopher Tauber; Hardcover, 416 Seiten

ISBN: 9783737358842

Couch-Wertung:

8
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Yannic Niehr
Die beste aller Welten

Rezension von Yannic Niehr Dez 2021

Was wäre, wenn du der Mittelpunkt des Universums wärst? So geht es ganz unverhofft dem 17-jährigen Ash. Eigentlich ist er ein ganz durchschnittlicher amerikanischer Junge: viele Freunde auf der High-School, ein nervtötender, jüngerer Bruder, ein heimlicher Schwarm in Form von Katie (die jedoch in einer unglücklichen Beziehung mit Quarterback Layton feststeckt), erfolgreicher Lineman beim Football. Bis zu jenem Tage, als er mitten in einem Spiel, während eines besonders harten Tackles, eine seltsame, kaum in Worte zu fassende Verschiebung spürt. Zunächst wirkt es, als hätte sich nichts verändert – bis Ash auffällt, dass STOP-Schilder plötzlich blau sind und es seit jeher waren. Wäre es doch dabei geblieben …

Doch die seltsame Verschiebung geschieht erneut, diesmal mit einer tiefgreifenderen Veränderung in Ashs Leben – denn plötzlich ist er ein jugendlicher Drogendealer. Auf der Suche nach Antworten macht er sich auf die Suche nach zwei Skatern – offensichtlich eineiige Zwillinge, die seit Beginn der seltsamen Vorkommnisse um ihn herumzuschleichen scheinen. Sie eröffnen Ash das Unglaubliche: Er ist zum „Subjective Locus“, kurz: Sub-Loc geworden – und damit das Zentrum des Multiversums. Es käme immer mal wieder vor, dass das Universum einen Sub-Loc kürt, so die Zwillinge (die Ash Ed und Edd tauft). Der Sub-Loc hat die Fähigkeit, eine alternative Variante der Wirklichkeit zu erschaffen. Da mit jedem Sprung neue Erinnerungen zu den alten hinzukommen, ist der Speicherplatz in Ashs Kopf jedoch begrenzt. Und nicht nur das: Je weiter er sich mit jeder Verschiebung von seiner Ursprungs-Realität entfernt, desto heftiger reagiert das Universum mit Abwehrreaktionen – bis es sich schließlich selbst zerstört.

Ash würde nur zu gerne alles wieder gutmachen – doch schon sein nächster Sprung führt zur Katastrophe: Er erschafft eine Wirklichkeit, in der die Rassentrennung nie abgeschafft wurde. Sein bester Freund Leo, der zuvor die Wahl zwischen den besten Colleges gehabt hätte, sitzt nun in einem Supermarkt an der Kasse und landet schließlich sogar im Gefängnis. Ash bleibt nicht viel Zeit: Er trainiert seine Fähigkeiten und wagt den Sprung von Realität zu Realität, in der Hoffnung, die Wirklichkeit rechtzeitig wieder geradezubiegen …

„Lieber eine Welt, in der die Hoffnung lebt, auch wenn sie krank ist, als eine, in der sie schon in der Leichenhalle liegt“

Neal Shusterman, der ursprünglich Psychologie und Theaterwissenschaften studierte, ist in der internationalen Jugendbuch-Szene kein Unbekannter: Seine Bücher wurden bereits vielfach ausgezeichnet. Besonders seine Scythe-Reihe, in welcher eine utopische Welt ohne Krankheiten und Kriege den Preis hat, dass auserwählte Vollstrecker entscheiden muss, wer seinen Platz räumen (also sterben) muss, avancierte zum Hit. In seinem neuen Buch Game Changer mischt er SciFi- und Fantasy-Elemente mit Themen sozialer Gerechtigkeit.

„Meine Augen sahen nur, was sie sehen wollten. Was leicht zu sehen war. Bequem. Und wie weit war diese Welt nun von meiner entfernt? Nicht annähernd so weit, wie sie sein sollte“

Denn schnell muss Ash feststellen, dass er zwar bei jedem Sprung beinahe alles nur noch schlimmer macht – aber dass seine Ausgangswirklichkeit bei Weitem nicht perfekt war. Auch dort gehören Rassismus, Diskriminierung und Spaltung nach wie vor zum Alltag – sie treten nur nicht immer so deutlich zu Tage. Schnell ist man von der Story angefixt und wartet gespannt darauf, was sich beim nächsten Sprung verändert haben wird (jeder Sprung wird außerdem clever mit einem Wechsel des Schriftbildes gekennzeichnet). Immerhin ist Ash nicht ganz alleine: Mitmenschen, die zum direkten Umfeld des Sub-Loc gehören, können teilweise ebenfalls Erinnerungen aus den früheren Wirklichkeiten abrufen. So gehören Katie und auch der in dieser neuen Wirklichkeit seiner Chancen beraubte Leo bald auch nach jedem weiteren Sprung zu seinen Verbündeten. Denn die Eds (von denen es bei jedem Sprung einer mehr wird) sind geheimnisvolle, transdimensionale Wesen, die ihre eigene Agenda verfolgen und Ash nicht nur wohlgesonnen bleiben.

Tatsächlich geht es bei den SciFi-lastigen Erklärungen dafür, was Ash widerfährt, ein wenig mit Shusterman durch – da wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Zum Glück überfrachtet dies den Roman nicht, und es gelingt dem Autor immer wieder, die Spannungsschraube so anzudrehen, dass Kritikpunkte wenig ins Gewicht fallen. Man hätte sich zum Beispiel wünschen können, dass die ein oder andere Figur ein bisschen stärker ausgearbeitet wäre. Dafür ist Ash aber eine sehr angenehme Hauptfigur, mit deren Dilemma man sich schnell identifizieren kann und die sich im Laufe der Story weiterentwickelt. Denn in seiner Ursprungs-Wirklichkeit hat sich Ash nie Gedanken darüber machen müssen, was mit der Welt nicht stimmt – wie er bald feststellen muss, ein absolutes Privileg. Denn nun jedoch schlüpft er mit jedem Sprung in die Haut einer ganz neuen Version seiner selbst und lernt eine neue Wirklichkeit mit ebenso neuen Blickwinkeln kennen. Wie sehr ist man ein Produkt seiner Umstände? Und was kann das im Umkehrschluss für Auswirkungen haben? Die Erfahrungen, die Ash macht, öffnen ihm die Augen – im Guten wie im Schlechten. Am Ende steht eines fest: Die Welt ist nicht perfekt, doch man kann sie besser machen – allerdings sind dafür auch manchmal persönliche Opfer vonnöten.

Fazit

Gekonnt koppelt Shusterman in Game Changer abenteuerlichen Genrestoff mit einem Schuss sehr relevanter Sozialkritik. Dies gelingt ihm nicht nur mit der nötigen Einfühlsamkeit und Sensibilität (dem Roman ist sogar eine Liste mit Namen von Personen vorangestellt, die in der ein oder anderen Form zu „Opfern des Ungeziefers Ignoranz und Intoleranz“ geworden sind), sondern auch mit einer gesunden Portion Humor. Herausgekommen ist ein Jugendbuch, das durchgehend fesselt und darüber hinaus zum Nachdenken anregt.

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